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Die Schenker-Verbrechen (II)

German Foreign Policy - Di, 26/01/2021 - 19:00

Blutiges Gold

Die Edelmetalle aus deutschen Raubzügen häuften sich 1944 derart, dass die größte der Scheideanstalten, die Frankfurter DEGUSSA, wegen Sättigung ihres Betriebsablaufs, unter anderem mit Reichsbahn- und Schenker-Anlieferungen, auf zusätzliche Kontingente zeitweise verzichten konnte. Es war einfach zu viel, wenn auch nicht ausreichend, um die überlegenen Kräfte der Gegner zu schlagen. Im Kreislauf der Wirtschaftsplünderungen kamen in Deutschland tonnenweise Bestände fremden Münzsilbers und goldhaltiger Gegenstände an, auch aus jugoslawischen Bankdepots, die Neuhausen hatte ausrauben lassen. Die Eigentümer galten als "abwesend", "nicht auffindbar" oder anderweitig verhindert - in antisemitischen Mordaktionen waren sie an Ort und Stelle getötet oder von der Deutschen Reichsbahn aus Jugoslawien in die Vernichtungslager deportiert worden.

Raublogistik

An dem Ertrag der europaweiten Massenmorde bereicherte sich in Berlin ein Reichsbahn- und Schenker-Partner: die Preußische Staatsmünze. Die Kapazitäten der Münzanstalt reichten aus, um täglich bis zu 4 Tonnen Gold einzuschmelzen und am folgenden Tag zu beproben - etwa Altgold, Bruchgold oder Zahngold aus den Lagern. Das Gold wurde anschließend in unverdächtig aussehende Barren gegossen, deren Prägestempel ein Datum vor 1938 vortäuschten, dem Zeitpunkt der großen deutschen Raubaktionen von Gold und anderen Edelmetallen nach dem Einmarsch in Österreich. Weitere Plünderungen hatten während der Pogromnacht am 9./10. November 1938 stattgefunden.[3] Die kriminelle Herkunft sollte verheimlicht werden, um die gefälschten Goldbarren im internationalen Handel anstandslos kapitalisieren zu können.[4] Die Verteillogistik der bandenmäßig tätigen Preußischen Staatsmünze unter ihrem Chef Hans Moser erledigte Schenker & Co.: Schenker stellte seine "Abnahmebeamten" und "Gefolgschaftsmitglieder" für die notwendigen Reisen in die Beuteländer bereit.

Verwertungskreislauf

Von dort bezog Moser in Berlin nicht nur Goldzähne und geraubte Münzen; er erhielt auch Aufträge, metallisch wertlose Neuprägungen zurückzuliefern, so nach Bulgarien. Dass es sich dabei um Ummünzungen aus den affinierten Schmelzresten der Beute handelte, ist nicht belegt. Belegt ist der zeitliche Zusammenhang zwischen der Beuteverwertung in Berlin und den Rücklieferungen von Neuprägungen der Preußischen Staatsmünze, die Schenker tonnenweise nach Bulgarien schaffte. Dort hatte der "Judenberater" vom Auswärtigen Amt, Theodor Dannecker, die letzte Gruppe der etwa 12.000 ausgeraubten und zur Vernichtung bestimmten Juden aus Thrakien gerade mit der Deutschen Reichsbahn nach Treblinka deportieren lassen, darunter fast 2.000 Kinder [5], als Schenker den Beginn seiner Bulgarien-Frachten bei "Dr. Moser, Tel.: 16 31 73" von der Preußischen Staatsmünze in Berlin meldete. Der kriminelle Verwertungskreislauf ging in eine neue Runde.

"Mehrere Waggons"

"Herr Garski soll im Auftrage der Preussischen Staatsmünze einen Transport mit Münzen nach Bulgarien begleiten", bestätigte die Berliner "Zentralleitung" von Schenker am 9. Dezember 1943. "Erfahrungsgemäß werden für den Transport 4-6 Wochen benötigt." Offenbar nach einer Rückfrage heißt es in einem handschriftlichen Notat, es sei "an der Reisedauer nichts zu ändern, da der Transport und die Übergabe tatsächlich 6 Wochen dauern kann (es sind mehrere Waggons)". Die "mehreren" Waggons der Reichsbahn mit Münzen aus Berlin schleuste Schenker durch das "Protektorat" (Tschechien), die "Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien", wobei sich "Schwierigkeiten im Abrollen und der Abfertigung in den einzelnen Ländern" "dann und wann" einstellten, aber der Verwertungskreislauf trotzdem zuverlässig bedient wurde: Weitere Schenker-Transporte der Berliner Fälscherwerkstatt von "Dr. Moser" (alias Preußische Staatsmünze) gingen "wiederum" im Frühjahr 1944 nach Bulgarien und Rumänien ab.

"Personelle Durchkämmung"

Schenker und die Deutsche Reichsbahn arbeiteten im Gegenverkehr: Waggonladungen voller ausgeraubter und zur Ermordung bestimmter Menschen rollten mit der Reichsbahn nach Treblinka im Osten, während andere Waggons der Reichsbahn das geraubte Gut zwischen den Beuteländern und Berlin zwecks Veredelung hin- und herschoben - mit Schenker. Der Wechselbezug zwischen bandenmäßigem Wertetransfer und den Massenmordplänen war immanent. Die antisemitisch-antislawische Beuteoption trieb kein unerklärlicher Affektüberschuss, wiewohl die Affekte das staatliche Rauben zu entstellen vermochten. Doch Bestialität, die wie verzichtbar erschien, und kühle Enteignung durch die Herrschaftsgewalt und ihre Wirtschaftsagenten schärften einander. Die Beuteoption war systemintegriert und wurde bei Schenker rational reguliert. Schenker stellte leitende Führungskräfte ab, um in einem versachlichten Prüfverfahren die blutliche Herkunft als Eignungsmerkmal seiner Mitarbeiter festzuschreiben - und zwecks "Arisierung" Konsequenzen zu ziehen. Noch nach der Kriegswende in Stalingrad schickte Schenker den "Betriebsführer unserer Firma, Herr Gottlieb Kühlmeyer", deswegen nach Prag; "Reiseantritt: 18.12.43", "Reisedauer 3 Monate", "Reisegrund: Personelle Durchkämmung unserer Filialen im Protektorat Böhmen und Mähren, Neueinstellung von Personal usw."

"Überwachungsausschuss"

Infolge solcher "Durchkämmungen" wurden bei Schenker bis 1941 allein in den Auslandsfilialen 464 Mitarbeiter segregiert, weil sie Juden waren.[6] Wenn sie sich nicht durch Flucht retten konnten, standen ihnen Isolierung, Verfolgung und Tötung bevor. Als Träger von Werten waren sie Beute. Das "Arisierungsprogramm" kontrollierte der Gesandte des Auswärtigen Amtes Edmund Veesenmayer, Mitglied im "Überwachungsausschuss" der Reichsbahn. Es galt auch für Schenker. Fast zeitgleich mit der "Durchkämmung" der Schenker-Betriebe in Tschechien durch Schenkers "Betriebsführer" bereitete Veesenmayer im benachbarten Ungarn die Verladung von "289 357 Juden in 92 Zügen zu je 45 Wagen" der Deutschen Reichsbahn vor.[7] Zielort war Auschwitz. Veesenmayer von der Reichsbahn und Schenkers "Betriebsführer unserer Firma, Herr Gottlieb Kühlmeyer", arbeiteten Hand in Hand, ohne sich kennen oder begegnen zu müssen: für die Beutegewinnung, die in letzter Entkleidung den physischen Menschen, seinen wirklichen Körper, als den Eigner der Werte zu beseitigen hatte.

Zentralarbeitslager

Um Beute ging es auch in Proskurow ("Reichskommissariat Ukraine"), einem historischen Zentrum antisemitischer Massenpogrome.[8] Dort stand Schenker "[z]ur Abnahme, Abfertigung und Kontrolle der grossen Tabaktransporte aus der Ukraine nach Deutschland" bereit, schrieb die Schenker-"Zentralleitung" nicht ohne Stolz. In Proskurow hatte Schenker den "Leiter der Bremer Tabakabteilung, Herr Bever", eingesetzt. Um die von Bever abgefertigten ukrainischen Frachten konkurrierte die Brinkmann AG (Bremen), damals eine der größten europäischen Tabakfabriken, gegen Reemtsma (Hamburg). Für die Frachtverladung und den Straßenbau an der Eisenbahnhauptstrecke zwischen Proskurow und Deutschland wurden Gefangene des "Zentralarbeitslagers für Juden" (ZALfJ) herangetrieben.[9]

Als wäre nichts geschehen

Vom "Zentralarbeitslager" (ZALfJ) zur Arbeit in Proskurow waren es "mehrere Kilometer" [10], erinnert sich die Überlebende Etia Tselavich. In Kleiderfetzen und "schäbigem" Schuhwerk liefen die Gefangenen "durch eine Mischung aus Schlamm und Schnee". Fluchtversuche wurden mit Geiselmorden geahndet: Für jeden Geflohenen kamen zehn Unbeteiligte vor ein deutsches Erschießungspeloton. Im Dezember 1942 liquidierte die "Polizeisicherungsabteilung Durchgangsstrasse" das Lager. Zeitgleich lösten die Besatzer das örtliche Ghetto auf. Im Kugelhagel der deutschen Polizeitruppe starben mehrere tausend Menschen, eine genaue Opferzahl ist nicht bekannt. Als wäre nichts geschehen, gingen an Schenkers Laderampe in Proskurow die "grossen Tabaktransporte aus der Ukraine nach Deutschland" weiter. Im Dezember 1943 wurde "Herr Bever" in Proskurow abgelöst. Schenkers "Gefolgschaftsmitglied, Herr Johannes Wolters, wohnhaft in Bremen, Langenstr. 104", übernahm.

Massenregistrierung

Die in das Beutegeschehen systemintegrierten Mordaktionen nahmen zu, sobald die Fronten der Gegner näher rückten und den weiteren Zugriff auf Waren und Menschen zu bedrohen begannen, so auch in Griechenland. Dort ließ Franz Neuhausen, der langjährige Reichsbahn-Repräsentant und in Belgrad stationierte "Bevollmächtigte für die Produktion von Metallerzen in Südosteuropa", die griechischen Rohstoffe ausbeuten. Um Chrom zu gewinnen, wurden ab Juli 1942 nahe des nordgriechischen Thessaloniki Zwangsarbeiter eingesetzt. Die deutschen Besatzer hatten sie bei einer öffentlichen Massenregistrierung auf dem zentralen Versammlungsplatz der Stadt "erfasst": mehrere tausend jüdische Männer zwischen 18 und 45 Jahren. Wer nicht in den Minen arbeiten musste, wurde zum Ausbau des Schienennetzes verpflichtet. Für die Abfuhr des Beuteaufkommens in das nordeuropäische "Reichs"-Gebiet war Thessaloniki, ein Bahnknotenpunkt, unverzichtbar. Die Logistik besorgte Schenker.

"Größerer Lastwagenpark"

Schenker verfügte in Thessaloniki über eine seiner größten Regionalfilialen, deren Arbeitsumfang seit Juli 1942 erheblich zunahm: Nach Zwangsarbeit und Ghettoisierung der jüdischen Einwohner von Thessaloniki begann die Ausplünderung ihres gesamten Eigentums. Über 50.000 Menschen wurden schrittweise einem Beuteverfahren unterworfen, das in letzter Konsequenz ihren physischen Körpern galt. Nachdem im März 1943 die ersten Güterwagen mit jüdischen Gefangenen Thessaloniki Richtung Auschwitz verlassen hatten, folgte die Räumung des in ihren Wohnungen beschlagnahmten Wertguts. Die Plünderungen zogen sich über mindestens 5 Monate hin, da sie mit den Fahrplananordnungen der Reichsbahn abzustimmen waren, die für die Schleusung in die Todeslager 19 Massentransporte angesetzt und eine Gesamtladung von über 48.000 Menschen eingeplant hatte. Schenkers Stoßzeiten fielen in die Zeitintervalle zwischen den Abfahrten eines jeden der 19 Reichsbahntransporte, so dass weitere Wohnungen der auf den Bahnhof getriebenen Opfer leergeräumt werden konnten. Welcher Beuteanteil direkt verwertet und welches Raubgut von Schenker sukzessive nach Deutschland verschoben wurde, ist nicht mehr rekonstruierbar. Die Registratur und logistische Verteilung hielten auch nach August 1943 an, als der Großteil der griechischen Deportierten in Auschwitz bereits ermordet war. Wegen der angespannten Arbeitslage in Thessaloniki klagte die Berliner "Zentralleitung" von Schenker über Personalmangel. "Unser Schwesterunternehmen in Saloniki hat äußerst kriegswichtige Aufgaben zu erfüllen und beschäftigt einen größeren Lastwagenpark", heißt es am 10. Januar 1944 über die Auslastung der Regionalfiliale. Es wurde "dringend eine Schreibkraft benötigt. Hierfür ist Fräulein Wolff vorgesehen, die so schnell wie möglich nach Saloniki reisen soll."

"Immer grösserer Umfang"

Weil im Februar 1944 die Deportation weiterer griechischer Juden aus der Kleinstadt Ioannina bevorstand und eine Invasion der Westalliierten zu drohen schien, wurde der Personalbedarf bei Schenker noch dringlicher: "Da die kriegswichtigen Aufgaben unserer Niederlassung in Saloniki einen immer grösseren Umfang annehmen und unser dortiges Unternehmen nach wie vor unter starkem Personalmangel zu leiden hat", hieß es bei Schenker in Berlin, "haben wir zwei weitere Kräfte für Saloniki engagiert, von denen Frau Kleiss sofort in Marsch gesetzt werden soll." Die Personalnot bei Schenker war wahrscheinlich noch immer erheblich, als die jüdische Gemeinde von Ioannina am 25. März 1944 zusammengetrieben und über Larissa nach Thessaloniki deportiert wurde. Auf den Schienensträngen, die ihre Leidensgenossen aus Thessaloniki in den Monaten zuvor hatten ausbauen müssen, schleuste sie die Deutsche Reichsbahn weiter nach Auschwitz.

Nie einen einzigen Cent zurückgezahlt

Angesichts der angespannten Gesamtlage reiste der Schenker-Prokurist Fritz Doehring am 28. März 1944 nach Budapest. "Reisegrund: Bilanzbesprechungen" und "Zusammentreffen in Budapest mit dem Leiter der griechischen Organisation." Das Ende des "Großraums Europa" stand bevor, aber die Bilanzen konnten sich sehen lassen. Wie in Thessaloniki, in Warschau und Prag, in Antwerpen, Amsterdam oder Kopenhagen hatten Schenker und sein staatlicher Mutterkonzern, die Deutsche Reichsbahn, nicht nur Beute gemacht, sondern auch Nachkriegsvorsorge betrieben. Die in Sicherheit gebrachten "Aktienurkunden" [11] inklusive des gesamten Betriebskapitals beliefen sich auf einen Milliardenbetrag heutiger Währung [12]. Als die Schenker-Täter mit ihren griechischen Kollaborateuren zwei Jahre nach Kriegsende zu einer vertraulichen Besprechung in Wien zusammenfanden, irrten die Überlebenden aus Treblinka, Auschwitz oder Theresienstadt noch immer durch Europa. Die Volksvermögen ihrer Heimatländer waren ausgeraubt, die europäischen Siegernationen ausnahmslos verschuldet. Doch bei Schenker versicherten sich die überlebenden Täter 1947 in Wien, es könne bruchlos weitergehen: Man war "bereits in vollem Umfang tätig" [13] - mit dem Kapitalfundament aus Raub, Plünderungen und Mordbeihilfe. Der Wiederaufstieg, der damals begann, hat DB Schenker und seinen Mutterkonzern, die staatseigene Deutsche Bahn AG, zu den europaweit größten Logistikern werden lassen, weltweit zu den ersten Adressen. Von dem Großraub, der ihren Aufstieg ermöglichte, haben sie nichts, nie auch nur einen einzigen Cent zurückgezahlt.

 

Bitte beachten Sie auch Teil eins: Die Schenker-Verbrechen

 

(C) Train of Commemoration. Reg. Civil Org. All rights reserved 2021. Zug der Erinnerung e.V.

 

[1] Soweit nicht anders angegeben, sind die Zitate dem Aktenbestand "Akten betr. Auskünfte usw. über die Firma Schenker & Co. GmbH. Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Zentralleitung" im Archiv des Zug der Erinnerung e.V. entnommen. Hervorhebungen im Original.

[2] Ralf Banken: Edelmetallmangel und Großraubwirtschaft. Die Entwicklung des deutschen Edelmetallsektors im "Dritten Reich" 1933-1945. Berlin 2009. S.720. Vgl. auch Raul Hilberg: The Destruction of the European Jews. New Haven/London 2003. S.1028 f.

[3] Die infolge der Novemberpogrome sowohl im "Altreich" als auch im österreichischen "Anschlussgebiet" geplünderten Edelmetalle, darunter Sakralgold und "Judensilber", wurden wegen der Lademengen zeitweise in offene Lkw geschaufelt, um die Beute vom Berliner Zentraldepot zur DEGUSSA in den Stadtteil Reinickendorf zu liefern. Vgl. Ralf Banken: Edelmetallmangel. A.a.O. S. 341, Anm. 506.

[4] Ralf Banken: Edelmetallmangel. A.a.O.

[5] Allein aus der Gemeinde Štip im heutigen Nordmazedonien wurden über 500 Einwohner jeden Alters von der Deutschen Reichsbahn nach Treblinka verschleppt und ermordet. Ganze Familienverbände, so die Sion (187 Namen), die Levi (124), Levy oder Lavy (39), wurden ausgelöscht.

[6] Herbert Matis, Dieter Stiefel: Grenzenlos. Die Geschichte der internationalen Spedition Schenker 1931 bis 1990. Wien 2002. S.46. Unlimited. The History of the International Forwarding Company Schenker 1931 to 1990. Vienna 2002.

[7] Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Frankfurt a.M. 2005. S.63.

[8] Am 15. Februar 1919 veranstalteten ukrainische Nationalisten in Proskurow ein antisemitisches Pogrom, dem etwa 1.500 jüdische Einwohner der Stadt zum Opfer fielen.

[9], [10] Alexander Kruglov, Martin Dean: Proskurow and Lesnewo Forced Labor Camps for Jews. In: The USHMM Encyclopedia of Camps and Ghettos 1933-1945, vol. V. Ind. University Press, i.V.

[11], [12] Vgl. Die Schenker-Verbrechen, Erster Teil sowie The Schenker-Papers. german-foreign-policy.com 08.05.2016.

[13] Vgl. Herbert Matis, Dieter Stiefel: Grenzenlos. Die Geschichte der internationalen Spedition Schenker 1931 bis 1990. Wien 2002. S.80. Unlimited. The History of the International Forwarding Company Schenker 1931 to 1990. Vienna 2002.

 

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Interview mit EcoLeaks | Der Kampf gegen Fracking, Ausbeutung & Kolonialismus

acTVism - Di, 26/01/2021 - 14:07

In dieser Folge von Der Funke interviewen wir Esteban Servat, den Gründer von EcoLeaks, über den Hintergrund, den Zweck der Organisation und seine Rolle in der Umweltbewegung.

Der Beitrag Interview mit EcoLeaks | Der Kampf gegen Fracking, Ausbeutung & Kolonialismus erschien zuerst auf acTVism Munich.

B'tselem erklärt den Staat Israel zu einem Apartheidstaat

Lebenshaus-Newsletter - Di, 26/01/2021 - 10:55
Israels größte Menschenrechtsorganisation B'tselem hat ein Gutachten veröffentlicht, in dem bestätigt wird, dass die israelische Regierung im gesamten von ihr... Michael Schmid http://www.lebenshaus-alb.de

Euro gegen Dollar

German Foreign Policy - Mo, 25/01/2021 - 19:53

"Begrüßungsgeschenk" für Joe Biden

Die EU ist weiterhin entschlossen, die Rolle des Euro als Weltwährung zu stärken und so den Einfluss des US-Dollar zurückzudrängen. Ein Aktionsplan der EU-Kommission, der am Dienstag verabschiedet wurde, nachdem er vorab britischen [1] und deutschen [2] Medien zugespielt worden war, sieht zudem Maßnahmen zum Schutz von Unternehmen aus der Union vor extraterritorialen Sanktionen vor. Der konkrete Zeitpunkt der Veröffentlichung des Aktionsplans - nur einen Tag vor der Vereidigung des neuen US-Präsidenten Joe Biden - sei "nicht sehr freundlich", hieß es in Kommentaren; schließlich sei das Vorhaben "gegen die Vereinigten Staaten" gerichtet, deren US-Dollar die Weltmärkte dominiere. Der neue Aktionsplan stelle schon das "zweite pikante Begrüßungsgeschenk Brüssels" für die neue US-Administration dar - nach dem Investitionsabkommen, auf das sich die EU und China Ende 2020 im Grundsatz geeinigt hatten [3], ohne sich mit dem Team um Biden "auf eine gemeinsame Strategie gegenüber Peking zu verständigen". Brüssel und Berlin haben demnach das Interregnum in Washington genutzt, um strategische Weichenstellungen vorzunehmen und Fakten zu schaffen.

Gegengewicht gegen die USA

Den Beginn ernsthafter währungspolitischer Souveränitätsbestrebungen der EU datieren deutsche Medien auf den Sommer 2018, als die extraterritorialen US-Sanktionen gegen Iran auch europäische - insbesondere deutsche - Konzerne tangierten. Damals legte das unilaterale Vorgehen der Vereinigten Staaten die Abhängigkeit der EU vom US-Finanzsystem schonungslos offen: Die Trump-Administration drohte Finanzinstituten und anderen Unternehmen aus der Union, die mit Teheran Geschäfte machten, hohe Strafen an - und diese waren nicht in der Lage, sich zur Wehr zu setzen. Im August 2018 forderte Bundesaußenminister Heiko Maaß folglich den Aufbau unabhängiger EU-"Zahlungskanäle", eines "Europäischen Währungsfonds" sowie eines unabhängigen "Swift-Systems", um ein "Gegengewicht" zu den USA überall dort bilden zu können, wo diese nach Ansicht Berlins "rote Linien" überschritten.[4] Bereits Ende 2018 kündigte die EU-Kommission eine Reihe von Schritten an, um die "finanzielle Abhängigkeit" der Eurozone vom US-Dollar zu reduzieren.[5] Damals stand der Handel mit Energieträgern im Zentrum der geldpolitischen Bestrebungen Berlins und Brüssels. Die EU-Kommission wollte Konzerne aus der EU dazu ermuntern, ihre Energiebeschaffung fortan in Euro abzuwickeln. Zudem führte Brüssel Gespräche mit Airbus und etlichen Autobauern, um diese zum Umstieg auf den Euro zu bewegen.[6]

Corona-Hilfen als Chance

Auch in der aktuellen Erklärung der EU-Kommission, die eine "offene strategische Autonomie" der Union fordert, heißt es in Anspielung auf die Iran-Sanktionen der USA, "unilaterale Aktionen durch Drittstaaten" hätten den "legitimen Handel und Investments von EU-Unternehmen mit anderen Ländern" beeinträchtigt.[7] Zugleich habe eine Untersuchung der Europäischen Zentralbank feststellen müssen, dass die globale Bedeutung des Euro derzeit "auf historischen Tiefstständen" verharre, hieß es in Medienberichten; die EU wolle daher nun in "Nachbarregionen" für die Verwendung des Euro als internationales Zahlungsmittel "werben".[8] Zudem sollten die Banken- und die Kapitalmarktunion forciert werden. Schließlich werde gerade die massive Schuldenaufnahme durch die EU-Kommission, auf die sich die Staats- und Regierungschefs der Eurozone im vergangenen Sommer zum Kampf gegen die Coronakrise geeinigt hatten, dazu führen, dass die EU die Chance habe, "eine noch prägendere Kraft auf den Finanzmärkten zu werden". Da für die "Corona-Hilfen" erstmals im großen Stil EU-Schulden aufgenommen würden, avanciere die EU zu einer der "größten Institutionen der Schuldenausgabe"; dies mache den Euro zu einem wichtigen Faktor auf den Anleihemärkten. Überdies setze Brüssel auf "sogenannte Sozialbonds und Grüne Bonds", die spezifische Nachhaltigkeitskriterien erfüllten, weshalb sich die EU-Finanzmärkte zu einem "globalen Zentrum für grüne Finanzprodukte" entwickeln könnten.

Gegen US-Übernahmen

Um die EU künftig besser vor Sanktionen zu schützen und ihre Kapazitäten für kommende Wirtschaftskriege zu stärken, wird neben den bereits in Diskussion befindlichen Maßnahmen auch ein zunehmender Protektionismus anvisiert.[9] Durch die Ausweitung des sogenannten Blocking Statute könnten in Zukunft Versuche außereuropäischer Konzerne vereitelt werden, Firmen aus der EU zu übernehmen, heißt es; demnach könnten etwa US-Übernahmen in Europa künftig untersagt werden, wenn Brüssel der Ansicht sei, der Erwerb werde dazu führen, dass sich die betroffenen Unternehmen an unilateral verhängte US-Sanktionen gebunden fühlten.

Zwischen China und den USA

Dem aktuellen Vorstoß der EU-Kommission sind diverse Publikationen unter anderem des European Council on Foreign Relations (ECFR) vorausgegangen, in denen es hieß, die "bipolare Konkurrenz" zwischen den USA und China werde zu einem "Wandel der Globalisierung" führen.[10] Da beide Großmächte einen konventionellen Krieg aktuell zu vermeiden suchten, gingen sie dazu über, "die Architektur der Globalisierung zu manipulieren". Sowohl die Volksrepublik als auch die Vereinigten Staaten mischten Geopolitik mit Geoökonomie. Beijing suche mit "strategischen Investitionen" und "staatlichen Hilfen" die Märkte zu manipulieren und so die Position der EU in Drittstaaten zu unterminieren. Die USA wiederum "politisierten" ebenfalls globale Institutionen und Strukturen wie SWIFT, den IWF und die Welthandelsorganisation WTO sowie ihren eigenen Finanzmarkt immer mehr. Es bestehe die Gefahr, dass die EU in den sino-US-amerikanischen Machtkämpfen zerrieben werde.

Die EU als "geopolitische Macht"

Die EU müsse deshalb anfangen, als "geopolitische Macht" aufzutreten, und ihre "strategischen Ziele" klar umreißen, heißt es beim ECFR. Hierzu sei es unabdingbar, dass die Union aufhöre, auf geostrategischer Ebene wie eine "fragmentierte Macht" zu agieren. Die Aufgabenteilung, wonach Brüssel für Fragen des internationalen Handels verantwortlich sei, während die EU-Staaten sich mit den geostrategischen Problemen befassten, müsse überwunden werden, da "andere Mächte" sehr wohl "ökonomische Mittel instrumentalisieren, um politische Ziele zu erreichen". Es gehe vor allem darum, Außenpolitik und Geostrategie in die Debatte um die "Wirtschafts- und Währungsunion" der EU zu integrieren.[11] Dies liefe letztlich auf einen weiteren Souveränitätsverlust insbesondere der Staaten an der Peripherie der EU hinaus, die kaum Möglichkeiten haben, ihre außenpolitischen Interessen in den von Berlin und Paris dominierten Machtstrukturen der EU zu realisieren.

Vorkehrungen für Wirtschaftskriege

Neben den derzeit von der EU-Kommission diskutierten Vorschlägen zur Stärkung der Rolle des Euro propagiert der ECFR nicht zuletzt auch eine umfassende "Digitalisierung" der EU-Einheitswährung, um deren "Widerstandsfähigkeit" gegenüber äußerem Druck zu stärken und die Einsichtnahme von Drittstaaten in die Finanzströme der EU zu erschweren. Dies geschieht in Konkurrenz zu entsprechenden Projekten der USA und Chinas.[12] Demnach soll der Aufbau "kollektiver Verteidigungsinstrumente" die EU bei künftigen Wirtschaftskriegen in die Lage versetzen, auf "ökonomische Nötigung" schnell und effizient zu reagieren, heißt es - unter anderem durch das Implementieren von Sanktionen. Diskutiert wird in diesem Zusammenhang der Aufbau einer "Europäischen Exportbank", die internationale Zahlungskanäle auch bei US-Sanktionen gegen Drittstaaten offen hielte. Ein "Widerstandfonds" soll Konzernen aus der EU Kreditgarantien und sonstige "Solidaritätsmaßnahmen" zukommen lassen, sofern sie durch Zwangsmaßnahmen dritter Mächte bedroht würden. Zudem müsse der Fluss "sensibler Daten" in die USA mit einem neuen Rahmenabkommen für den IT-Sektor gestoppt werden. Es gehe auch darum, EU-Konzerne vor "gesetzwidriger Datenentwendung" durch chinesische und US-amerikanische Stellen zu schützen. Ein EU-"Büro für Widerstandsfähigkeit" könnte schließlich Marktmanipulationen konkurrierender Großmächte analysieren und konkrete Sanktionsschritte gegen Personen oder Institutionen koordinieren.

 

[1] EU sets out plans to curb reliance on dollar in post-Trump era. ft.com 16.01.2021.

[2] Björn Finke: Ringen um einen starken Euro. sueddeutsche.de 19.01.2021.

[3] S. dazu "Ein Sturm zieht auf".

[4] Maas fordert mehr finanzielle Unabhängigkeit von den USA. spiegel.de 21.08.2018.

[5] Alexander Mühlauer: Die Systemfrage. sueddeutsche.de 05.12.2018.

[6] Francesco Guarascio: EU pushes for broader global use of euro to challenge dollar. reuters.com 05.12.2018.

[7] European Commission: The European economic and financial system: fostering openness, strength and resilience. COM(2021) 32 final. Brussels, 19.01.2021.

[8] EU-Kommission will Euro als Weltwährung stärken. spiegel.de 19.01.2021.

[9] S. dazu Wirtschaft als Waffe und Wirtschaft als Waffe (II).

[10] Jonathan Hackenbroich: Defending Europe's Economic Sovereignty: New ways to resist economic coercion. ecfr.eu 20.10.2020.

[11] Jonathan Hackenbroich, Filip Medunic, Marco Saracco: Promoting the international role of the euro: Ideas for substantive progress and greater sovereignty. ecfr.eu 09.12.2020.

[12] S. dazu Der Digital-Euro und die Souveränität der EU.

China geht gestärkt aus den Krisen 2020 hervor

ISW München - Mo, 25/01/2021 - 15:50
2015 | Thomas Hawk, Flickr | CC BY-NC 2.0

Als einzige große Volkswirtschaft verzeichnet die Volksrepublik China für 2020 ein positives Wirtschaftswachstum. Während das weltweite BIP im vergangenen Jahr um 4,3% schrumpfte, die Wirtschaft der kapitalistischen Metropolen einbrach – USA: – 3,6%; Eurozone: – 7,6%; Deutschland: – 5,0%; Japan: – 5,3% – hat die Wirtschaftsleistung in China um 2,3% zugelegt (der Output der Industrie stieg um 2,8%). Trotz einer Dreifach-Krise mit der es das Land zu tun hatte: Covid-19-Pandemie, ökonomische Krise infolge des strengen Lockdowns und drittens Handelskrieg, den die USA bereits 2019 vom Zaun brachen und in dessen Verlauf die chinesische Außenwirtschaft mit Strafzöllen und Sanktionen bombardierten.

Covid-19-Pandemie nicht besiegt aber unter Kontrolle

China war das erste Land, das mit voller Wucht von der Virus-Seuche getroffen wurde, im Januar 2020. Aufgrund strikter und konsequenter, vom Westen meist bespöttelter und diffamierter Eindämmungsmaßnahmen („Freiheitsberaubung“), aber war es auch das erste, das das Virus in Griff bekam und die Bevölkerung wieder in ein weitgehend normales und freies Leben entlassen konnte. Das schließt ein gelegentliches Aufflammen der Infektionen nicht aus, wie vor kurzem in der Provinz Hebei. Aber die bisherigen Zahlen sprechen für sich: Mitte Januar registrierte die Johns-Hopkins-University weltweit 96 Millionen bestätigte Infektionen und über zwei Millionen Tote (2,064 Mio). Aufgrund eines besseren Krisenmanagements hat China mit knapp 20 Prozent der Weltbevölkerung (1.400 Millionen Einwohner) einen verschwindend geringen Anteil daran: 98.000 Infizierte und 4.800 Tote. Der Westen dagegen, der die tödliche Seuche monatelang bagatellisierte und auch angesichts der tödlichen Gefahr nur halbherzige Maßnahmen ergriff, wurde von der vollen Wucht der Pandemie getroffen: Am letzten Amtstag von Trump (19.01.2021) überschritt die Zahl der Corona-Toten in den USA erstmals die Schwelle von 400.000. Für die EU beklagte die Gesundheitskommissarin Kyriakides zum gleichen Zeitpunkt ebenfalls „mehr als 400.000 Corona-Tote“. Nicht mehr eingerechnet sind die 90.000 Toten Großbritanniens. Insgesamt steht der „Westen“ (USA, EU, UK) nur für 11 Prozent der Weltbevölkerung.

Alle Hoffnung richtet sich nun auf Immunisierung durch Impfen. Doch der Impfstoff steht vorerst nur in sehr wenigen Dosen zur Verfügung. Die Impf-Prozedur dürfte sich bis Ende des Jahres hinziehen. Umso wichtiger wären im Vorfeld konsequente Abschirmungsregelungen, zumal sich die aggressiveren Mutationen des Virus schnell verbreiten. Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach: „Ehrlich gesagt wäre ein kompletter Lockdown im Moment das Beste. Ich glaube nicht, dass wir die Situation sonst früh genug in den Griff bekommen, wenn wir in einem Teil-Lockdown bleiben“. Doch die Unternehmen reizen nicht einmal die Möglichkeiten von home-office voll aus, um ihre „Mitarbeiter“ zu schützen: „Profit vor Gesundheit!“.

Wirtschafts-Krise als Chance genutzt

Der strenge Lockdown mit Shutdown der Betriebe hatte in China ökonomisch schwer ins Kontor gehauen. Im ersten Quartal 2020 ging die Wirtschaftsleistung um 6,8% gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal zurück. Die China-Astrologen, wie etwa vom Berliner Merics (Mercator Institute for China Studies), prophezeiten China eine handfeste Rezession mit einem Jahres-Minus. Doch die chinesische Wirtschaft erholte sich nach dem Lockdown schnell; von Quartal zu Quartal ging es aufwärts: Q2 + 3,2% (jeweils gegenüber Vorjahr), Q 3: + 4,9%; Q 4: + 6,5%. Das Jahreswachstum von + 2,3% war zwar das niedrigste seit 1976 (Maos Todesjahr), aber immerhin positiv und mehr als doppelt so hoch als im Juli vom IWF prognostiziert (1,0%). Gerade das letzte Quartal zeigt an, dass die Wirtschaft wieder brummt und voll im Aufschwungsmodus ist. Der „Chefökonom“ von Merics, Max Zenglein, muss zugestehen: „Die chinesische Wirtschaftsentwicklung 2020 bot sicher einen der wenigen Lichtblicke in der Welt“. Die sonst so verteufelte staatslastige Planwirtschaft Chinas erwies sich als das einzige Zugpferd der Weltwirtschaft, das durch den hohen Bedarf an Maschinen, optischen Geräten, Autos und Nutzfahrzeugen etc., unter anderem die exportlastige „freie“ deutsche Marktwirtschaft aus dem Krisensumpf zog. Der Einbruch der deutschen Konjunktur ist deshalb mit minus fünf Prozent noch moderat ausgefallen, im Vergleich zu den meisten EU-Ökonomien. Wie nach der Finanzkrise 2008/09 rettete die „sozialistische Marktwirtschaft“ Chinas abermals die kapitalistische Weltwirtschaft.

Größtes Export-Wachstum Chinas gegenüber USA – trotz Handelskrieg

Politik der verbrannten Erde! Bis zu seinen letzten Amtstagen deckte Trump die Volksrepublik mit Sanktionen und Strafmaßnahmen gegen chinesische Firmen ein.

Umso erstaunlicher, dass China, wiederum als einzige Volkswirtschaft, 2020 ein Wachstum des Güterhandels verzeichnen konnte. Die Exporte stiegen mit + 3,6% schneller als das BIP: Gesamtvolumen 2,59 Billionen Dollar. Die Importe gingen um 0,7% zurück: 2,06 Billionen US-Dollar. Der Handelsbilanzüberschuss betrug 530 Milliarden Dollar – was die chinesischen Devisenreserven weiter ansteigen ließ: Sie erhöhten sich um 108,6 Milliarden Dollar auf 3,22 Billionen Dollar.

Der ultimative Gag: Trotz Trumps Strafzöllen, Sanktionen, Exportkontrollen und Decoupling-Strategie nahm Chinas Handel mit den USA weit überdurchschnittlich zu: Chinas Exporte in die USA stiegen im Jahr 2020 um 7,9 Prozent auf 452 Milliarden Dollar; die chinesischen Importe aus den USA stiegen um 9,8% auf 135 Milliarden US-Dollar, wie aus Daten der General Administration of Customs (GAC) hervorgeht. Im Jahr 2019 waren in der ersten Phase des Handelskriegs die chinesischen Exporte in die USA um 12,5% eingebrochen. Die USA waren im vergangenen Jahr nach ASEAN und der EU der drittgrößte Handelspartner Chinas. Der Anstieg der Importe aus den USA ist vor allem darauf zurückzuführen, dass China seine Verpflichtungen aus den Handelsvereinbarungen mit den USA vom Februar 2020 erfüllt hat. So stiegen die chinesischen Importe von Agrargütern um 66,9% (Sojabohnen +56%, Schweinefleisch + 224%, Baumwolle + 122%; Rohöl + 88%).

Die Haupthandelspartner Chinas: 1. ASEAN: Handelsvolumen (Ex- und Importe): 684,6 Mrd. USD (+ 6,7%); 2. EU: 649,5 Mrd. (+ 4,9%); 3. USA: 568,7 (+ 8,3%); 4. Japan: 317,5 (+ 0,8%); 5. Südkorea: 285,2 (+ 0,3%).

Auslandsinvestitionen: China war auch 2020 begehrtes Zielland für ausländische Direktinvestitionen: Diese stiegen um 6,2% auf 154,6 Milliarden Dollar, das ist nach den USA der zweithöchste Wert. Die ausgehenden chinesischen DI beliefen sich auf 132,94 Milliarden Dollar und waren damit um 3,3% höher als im Vorjahr. Die nicht-finanziellen Investitionen in die teilnehmenden Länder an der Seidenstraße (Belt & Road Initiative) erhöhten sich 2020 um 18,3% auf 17,8 Milliarden Dollar. Im Jahr 2020 wurden in China 38.570 Firmen mit ausländischer Beteiligung gegründet, über 100 am Tag.

Schwachpunkt Privater Konsum

Das chinesische Wirtschaftswachstum 2020 war getragen von gestiegenen Anlageinvestitionen (+ 2,9%) und der Zunahme des Außenbeitrags (Exporte minus Importe). Die Staatsausgaben trugen vergleichsweise wenig zur Stimulierung bei. Anders als bei der Finanzkrise 2009, wo China das weltgrößte Konjunkturprogramm auflegte, ist der Anteil des chinesischen Konjunkturpakets am BIP diesmal niedriger als bei den anderen großen Volkswirtschaften.

Der Schwachpunkt liegt beim Privaten Konsum, wie aus den Einzelhandels-Umsätzen deutlich wird. Sie gingen im Jahresverlauf zurück: – 3,9%. Auch im Minus der Importe von 0,7% wird die Zurückhaltung der Konsumenten deutlich. Die Gastronomie brach gar um 16,6% ein. Hauptgrund für weniger Konsum und damit korrelierend mehr Sparen dürfte die Angst vor einer zweiten Corona-Welle gewesen sein. Im letzten Quartal 2020 zeichnete sich eine Trendumkehr ab: Die Einzelhandelsumsätze nahmen um 4,6% zu.

Verdoppelung der Pro-Kopf-Einkommen in den letzten zehn Jahren

Mit unzureichender Kaufkraft der Verbraucher dürfte die Konsumzurückhaltung nichts zu tun haben. Die Realeinkommen der Stadt- und Landbewohner stiegen, mit Ausnahme 2009 (Finanzkrise!), in den vergangenen Jahrzehnten von Jahr zu Jahr. Selbst im Krisenjahr 2020 erhöhte sich das preisbereinigte (reale) Einkommen pro Chinese um 2,1%.

Im Jahr 2012 hatte der Nationale Volkskongress festgelegt, dass sich das Pro-Kopf-Einkommen von 2010 bis 2020 im Rahmen des 12. und 13. Fünfjahrplans verdoppeln soll. Ende 2020 meldete das NBS (National Bureau of Statistics) Vollzug der Vorgabe. Das Pro-Kopf-Jahres-Einkommen war bei 32.189 Yuan angelangt. In Euro umgerechnet sind das 4100 Euro (342 Euro im Monat). Die Chinesen bezeichnen das als Beginn der Phase „bescheidenen Wohlstands“, in die man eingetreten sei. Wobei sich erhebliche Diskrepanzen zwischen Stadt- und Landbewohner auftun. Das verfügbare Einkommen der Stadtbewohner stieg 2020 nominal um 3,5% (Inflationsrate 2,5%) auf jährlich 5584 Euro (465 Euro monatlich), dass der Landbewohner um 6,9% auf 2182 Euro im Jahr (182 Euro monatlich). Die 285,6 Millionen Wanderarbeiter verdienen überdurchschnittlich 4072 Yuan, etwa 518 Euro im Monat.

Dennoch: Der „Wohlstand“ ist bislang äußerst bescheiden. Das sollten all jene im Westen beachten, die aus ökologischen Gründen das hohe chinesische Wachstum kritisieren. Selbst wenn man die höhere Kaufkraft eines Dollar/Euro in China mit einbezieht – etwa 70 Prozent höher als im Westen – ist der Lebensstandard eines Durchschnitts-Chinesen niedriger als der eines deutschen Niedriglöhners. Es gibt nur zwei Möglichkeiten den Lebensstandard zu erhöhen: Wachstum des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) und damit des Lohnkuchens und/oder Umverteilung der Einkommen von oben nach unten. Im Entwurf des neuen Fünfjahrplans (2021 – 2025), der im März vom Nationalen Volkskongress verabschiedet wird, ist erstmals Umverteilung als Ziel angestrebt. Das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen der obersten Einkommensgruppe erreichte 2020 10.230 Euro (Jahr), während die unterste Einkommensgruppe nur 1.002 Euro registrierte.

Geradezu obszön ist allerdings der Vermögenszuwachs der Superreichen im Corona-Jahr: Nach dem Reichtumsbericht der Schweizer UBS (Union de Banques Suisse) leben von den weltweit 2.189 Milliardären, 415 in China – weltweit die zweitgrößte Milliardärsgruppe. Sie nannten ein Vermögen von durchschnittlich 4,2 Milliarden Dollar ihr Eigen. Die Vermögenswerte gingen vor allem mit dem Boom an den chinesischen Börsen nach dem Lockdown stark in die Höhe. Der reichste Festlandschinese ist Jack Ma, Mitbegründer der Alibaba Group mit einem Vermögen von 58,5 Milliarden Dollar.

Positiv zu vermerken ist andrerseits, dass das chinesische „Jahrhundertziel“, Beseitigung der absoluten Armut, mit Ende des Jahres 2020 erreicht wurde. Seit 1978 sind über 700 Millionen Chinesen aus der extremen Armut befreit worden (dazu eigener Bericht).

Ein Indikator für den Ressourcenverbrauch ist auch das BIP pro Kopf. Hier ist China noch immer auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Mit 16.700 Dollar (kaufkraftbereinigt) pro Kopf rangierte es 2019 an 80. Stelle in der Welt, hinter Botswana und Nordmazedonien. China punktet in der Wirtschaftsmacht nur dank seines Bevölkerungsreichtums. Oder wie es Deng Xiaoping formulierte: „Alles wird viel, wenn man es mit einer Milliarde multipliziert und alles wird wenig, wenn man es durch eine Milliarde dividiert“ (der Faktor ist heute 1,4 Milliarden). Das Pro-Kopf-BIP der führenden kapitalistischen Industrieländer (G-7) ist ein Vielfaches höher und entsprechend auch der Ressourcen-Verbrauch und Ausstoß von Klimagasen, selbst wenn man eine andere Struktur und höhere Effizienz der Produktion unterstellt: USA 65.000 Dollar BIP pro Kopf, Deutschland 56.000, Japan 43.000 Dollar – jeweils nach Kaufkraftparitäten.

Job-Wunder

Das Jahresziel im Plan 2020 war angesichts coronabedingten Wirtschaftseinbruchs im ersten Quartal schon sehr ambitioniert: 8,98 Millionen neue Arbeitsplätze sollten im Jahresverlauf geschaffen werden. Am Ende des Jahres waren es 11,86 Millionen neue Jobs. Eine Übererfüllung des Plans von 132 Prozent. Die städtische Arbeitslosenquote reduzierte sich von 6,2% im Februar auf 5,2% im Dezember und lag im Jahresdurchschnitt bei 5,6%. Vor 2020 lag sie meist bei 4,5 Prozent. Die Zahl der Wanderarbeiter sank 2020 um 1,8 Prozent auf 285,6 Millionen. Die relativ reibungslose Urbanisierung war in China nur möglich, weil es bisher gelang, jährlich 12 Millionen und mehr städtische Arbeitsplätze zu schaffen. 90 Prozent der Arbeitsplätze werden von Klein- und Mittelbetrieben geschaffen.

US-Präsident Biden: „China aus dem Feld schlagen“

Die chinesische Wirtschaft hat sich nach dem beispiellosen Einbruch im ersten Quartal 2020 schnell erholt und ist wieder auf starkem Wachstumskurs. Sie hat dadurch ihre Position in der Weltwirtschaft gestärkt. Chinesische Ökonomen gehen davon aus, dass der Beitrag Chinas zum Welt-BIP im Jahr 2020 von 17 Prozent auf 19 Prozent gestiegen ist und 2021 weiter zunimmt. Die Weltbank prognostiziert, dass Chinas BIP 2021 um etwa 8% zulegen wird, bei einem Wachstum der gesamten Weltwirtschaft von 5,2%, der USA um 3,5% und der Eurozone um 3,6%. Dies wird die Aufholjagd Chinas gegenüber den Metropolenländern weiter beschleunigen. Die westlichen Länder werden erst Mitte 2022 wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Der Abstand Chinas zu den USA dürfte sich in den beiden Jahren 2020/21 um gut zehn Prozentpunkte verringern, was für die USA eine ungeheure Herausforderung bedeutet.

China gewinnt im Systemvergleich“ titeln die Professoren an der FU Berlin Jürgen Gerhards und Michael Zürn: „China ist heute mehr als nur Gegenpol in einem multipolaren Machtgefüge der internationalen Politik. Es ist zum zentralen Konkurrenten im Wettbewerb der Systeme aufgestiegen, so dass selbst die EU den Begriff der Systemkonkurrenz reaktiviert hat“. Und: „Die großen Unterschiede in der Bewältigung der Pandemie und ihrer gesellschaftlichen Folgen lassen China als Legitimationssieger aus dem Systemwettbewerb des Jahres 2020 erscheinen“.

Es bleibt abzuwarten, welche Konsequenzen sich angesichts dieser Prognosen aus der Ankündigung des US-Präsidenten ergeben, China aus dem Feld schlagen zu wollen.

Aus diesem Grund wird es keine Entspannung oder gar Frieden im Handelskrieg zwischen den USA und China geben. Die USA werden auch unter Biden versuchen, China auf Abstand zu halten. Die USA sollten eine „aggressive Haltung“ gegenüber der Bedrohung durch China einnehmen, sagte Bidens neue Geheimdienst-Chefin Avril Haines. Mehr noch. Biden will angeblich die beiden politischen Lager in den USA versöhnen, was bei der extremen Polarisierung und Spaltung der Gesellschaft nicht gelingen wird. Lediglich in der Konfrontation gegen China gibt es eine parteiübergreifende Gemeinsamkeit. Die Sprecherin des Nationalen Sicherheitsrates in Washington, Emily Horne sagte: „Präsident Biden freut sich darauf, mit Führern in beiden Parteien darauf hinzuarbeiten, Amerika so zu positionieren, dass es China aus dem Feld schlägt“.

Berlin: Atomwaffen-Jet im Hauruck-Verfahren vor der Bundestagswahl?

IMI Tübingen - Mo, 25/01/2021 - 10:02
Dieser Text wurde zuerst am 22. Januar in leicht veränderter Form bei Telepolis veröffentlicht. Am 22. Januar trat der Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft, der u.a. von Deutschland jahrelang torpediert und bis heute nicht unterzeichnet wurde. Ein Grund dafür ist, dass mit (…)

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Warum "wir" auch in Afghanistan niemals "die Guten" waren (Teil 2)

Lebenshaus-Newsletter - Mo, 25/01/2021 - 05:07
Es wird wohl Jahre oder womöglich sogar Jahrzehnte dauern, bis die Mehrheit westlicher Kriegsverbrechen in Afghanistan aufgearbeitet sein wird. Dies... Michael Schmid http://www.lebenshaus-alb.de

Die Ausbeutung Lateinamerikas – Analyse des Extraktivismus als Wirtschaftsmodell

acTVism - So, 24/01/2021 - 12:55

In dieser Folge von Kenn Dich Aus interviewen wir Bret Gustafson, Sozialanthropologe an der Washington University in St. Louis, USA, über Extraktivismus in Lateinamerika.

Der Beitrag Die Ausbeutung Lateinamerikas – Analyse des Extraktivismus als Wirtschaftsmodell erschien zuerst auf acTVism Munich.

List with the Links to the Peace Day Sessions of the World Social Forum

No to NATO - Sa, 23/01/2021 - 12:00
Lista con los enlaces a las sesiones del Día de la Paz del FSM sólo en inglés. Liste avec les liens vers les sessions de la Journée de la Paix du FSM uniquement en anglais. Lista com os links para as sessões do Dia da Paz do FSM somente em inglês. List with the Links to the Peace Day Sessions of the World Social Forum.pdf With https://zoom.us/test you can test your connection to a zoom room. Is your mic working, … Continue reading →

Biden-Vereidigung – Hochamt der alten Eliten zwischen Trauer und Erleichterung

ISW München - Sa, 23/01/2021 - 11:58

Washington, 20.01. – leer an Zivilisten, voll von Soldaten, ein müder Abschied Trumps

2021 | Geoff Livingston, Flickr | CC BY-NC-ND 2.0

Der 20.1. war von den Medien als dringende Reinigung des Allerheiligsten der US-Demokratie, des Kapitols in Washington, von der Schändung durch Horden aggressiver Trumpisten angekündigt. Die waren vierzehn Tage zuvor unter dem Ruf „Hang Mike Pence“ auf der Jagd nach dem Vizepräsidenten der USA und anderen Politikern aus Senat und Repräsentantenhaus durch die Gänge gezogen und schlugen in Abgeordnetenzimmern alles kurz und klein. Das sich selbst als Mutterland der Demokratie feiernde Land war vor aller Welt bis auf die Knochen blamiert. Das sollte das „Heim der Freien“ sein, wo der Mob sich fast ungehindert im Parlament randalierend breit machen konnte?

Diesmal blieb der Triumph des Mob aus. Die Stadt wirkte wie leergefegt, Zivilisten waren kaum zu sehen, dafür umso mehr Militär. 25.000 Nationalgardisten patrouillierten durch Straßen und U-Bahnhöfe, durch Gassen und Hinterhöfe. Weit mehr Militär als die USA in Afghanistan und im Nahen Osten aufbieten. Die Nationalgarde zeigte, sie kann, wenn sie will. Warum hat sie am 6. Januar nicht gewollt? Damals war nur ein kleiner Teil der 2.300 Mann starken Capitol Police im Dienst, Bitten um Einsatz der Nationalgarde wurden abgeschlagen. Das Ministerium für Homeland Security und die 17 Geheimdienste kriegten nicht mit, was in allen sozialen Medien seit Wochen kursierte – der Aufruf zum Sturm auf das Kapitol, wo am 6.1. die Niederlage Trumps besiegelt werden sollte?

Trump, der an diesem 6. Januar in die selbstgestellte Falle tappte und sich als Möchtegern-Diktator für den Politikbetrieb disqualifizierte, steht Stunden vor der Zeremonie am Kapitol draußen am Militärflughafen Andrews vor ein paar Hundert unentwegter Trumpisten. Der scheidende Präsident weist auf seine großartigen Leistungen hin, der erste Präsident, der das Land nicht in einen Krieg geführt hat und der so prächtige Fundamente gelegt habe, dass der Nachfolger es nicht schwer habe, erfolgreich zu sein. Zum Abschluss dann noch: „Wir werden in irgendeiner Form zurück sein. Habt ein gutes Leben, wir werden uns sehen.“

Biden – der „Trauerbegleiter der Nation“

Derweil sammeln sich auf den Stufen des Kapitals 2000 geladene Gäste, im Grunde die ganze von Trump und der Hälfte der US-Bürger so gehasste alte Elite. Im ehrfürchtigen Gemurmel der Feiergemeinde bewegt sich auch der vor zwei Wochen an derselben Stelle mit dem Erhängen bedrohte Mike Pence, der sich hier lieber vom neuen Präsidenten ernst und fürsorglich begrüßen lässt als sich vom alten auf Andrews als „Verräter“ beschimpfen zu lassen. Auch Ted Cruz, Trumps Büchsenspanner bis Schlag 12, ist da, Bernie Sanders kommt zu Ehren des Mannes, der ihm die Kandidatur für die Demokratische Partei streitig gemacht hatte. Den Millionen an den Fernsehgeräten hämmern die Kommentatoren intensiv wie Sportreporter ein, sie sähen hier „die Widerstandskraft der Demokratie“. Der NCC-Mann versteigt sich zu der Einschätzung, hier sehe man das Geheimnis Amerikas, dass Personen, die sich politisch heftig bekriegen, ansonsten Freunde seien – leicht erschrocken hält er inne: „oder zumindest Partner“. Biden wird dann zum „Trauerbegleiter der Nation“ ausgerufen, grief councelor of the nation, der die Spaltung der USA in zwei sich als Feinde gegenüberstehende Blöcke überwinden würde.

Biden versucht, dem Anlass mit der verbliebenen Wucht eines 78-Jährigen und mit möglichst wenigen Versprechern gerecht zu werden. Die Performance ist dann in der Tat weit besser als der dürftige Inhalt. Sein erster Kernsatz lautet: „Wir haben gelernt, die Demokratie ist kostbar und sie ist zerbrechlich. Heute feiern wir, die Demokratie hat die Oberhand behalten.“ Wer hat die Oberhand behalten? Die Demokratie oder die Nationalgarde, die vor zwei Wochen so absichtsvoll gefehlt hatte? Bidens zweite Hauptbotschaft: „Meine ganze Seele ist darin, Amerika zusammenzubringen, unser Volk zu einen.“ „Einheit“ ist Bidens Medizin für alles: Wenn alle zusammenstehen, kann das Virus besiegt werden. Werden Arbeitsplätze für gute Jobs geschaffen, die Mittelklasse „wiederaufgebaut“, kommt ein Gesundheitswesen für alle, wird die rassistische Ungleichheit überwunden, „und wird Amerika wieder zur führenden Kraft für immer in der Welt“.

Die gewaltige soziale Ungleichheit, die sich in den absurden Unterschieden in Einkommen und Vermögen ausdrückt, erwähnt er gar nicht. Das oberste 1% der US-Bevölkerung hat doppelt so viel Vermögen wie die unteren 80%. Und das ist nicht das Ergebnis eines Virus-Befalls, sondern der Klassenherrschaft der Super-Reichen und ihrer Agenturen in Wirtschaft und Finanzsystem. „Einheit“ ist das Codewort, das dieser Klassenherrschaft wieder ein stabiles politisches Gerüst in Washington verleihen soll. Die großen Konzerne haben Trump fallen lassen, wie der Führer der Republikanischen Partei, Mitch McDonnell, in einem Gespräch mit den größten Spendengebern der Partei Anfang 2021 mitgeteilt bekam. AP meldete am 13.1.2021, dass die Konzernvertreter dem Republikaner klarmachten, dass Trump eine rote Linie überschritten habe, worauf McConnell einschätzte, „das Impeachment-Verfahren der Demokratischen Partei sei willkommener Moment für die GOP (Grand Old Party, Republikaner), sich vom tumultuösen und spalterischen bisherigen Präsidenten zu distanzieren“.

Die Konzerne, die McConnell da auf die Sprünge halfen, waren u.a. Amazon, American Express, Blue Cross Blue Shield, BP, BlackRock, Dow Chemical, Goldman Sachs, also die eigentliche Regierung der USA. Und das von den Konzernen verfügte und von Biden dramatisierte Einheitsgebot zeigte auch bei der Linken in der Demokratischen Partei seine Wirkung. Selbst der Squad, die vier linken Abgeordneten, die mit gewaltigen Vorsprüngen ihre Sitze verteidigen konnten, stimmten für Nancy Pelosi als Führerin im Abgeordnetenhaus, ohne dass Pelosi oder auch der neue Präsident in ihren Reden die Kernforderung der Linken in der Pandemie, eine öffentliche Gesundheitsversorgung für alle, auch nur erwähnten. Biden sprach davon, das Gesundheitssystem „sicher für alle“ zu machen. Das entspricht der Forderung im Wahlprogramm der Demokraten, neben die privaten Versicherungen auch eine öffentliche einzurichten, was zu einem Zweiklassen-Gesundheitssystem führen würde, dessen Unterschiede in dem teuersten Gesundheitssystem der Welt für einen Mitteleuropäer nur schwer vorstellbar wären.

Nicht Einheit mit der Rechten sollte die Devise der Stunde sein, sondern entschlossener Kampf gegen die herrschende Minderheit der Konzerne und Super-Reichen, deren Instrument Trump war. Das Biden-Harris-Team hat nicht vor, diesen Kampf aufzunehmen.

Das Biden-Harris-Team: Obama-Veteranen mit einem kräftigen Schuss von WallStreet und Silicon Valley

Der Präsident selbst ist pures Obama-Gewächs. Er war acht Jahre dessen Vize und zuvor fast vierzig Jahre Senator für Delaware. Er ist gelernter Jurist, hat aber nie etwas anderes getan, als im Kongress politische Deals auszuhandeln. Er stand stets stramm im rechten Lager der Demokraten, oft in Kooperation mit den Republikanern. „Middleclass Joe“ genannt, die personifizierte Klasseneinheit, abhold jeder linken Neigung. In Sachen Rassismus stand er den Anhängern einer „weißen Vorherrschaft“ manchmal näher als den Progressiven seiner Partei. So stimmte er auch gegen das „Busing“, das Fahren schwarzer Kinder in entferntere Schulen, um der Ungleichheit der Lebenschancen in den verschiedenen Vierteln zu entgehen. Diesen Vorhalt machte Kamala Harris, die selbst vom Busing profitiert hatte, ihrem Konkurrenten bei der Auswahl des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers, dem es daraufhin die salbungsvolle Sprache verschlug.
Kamala Harris ist die Lieblingsschwarze des weißen Establishments in ihrer Partei. Als Staatsanwältin in Kalifornien hat sie unter Beweis gestellt, dass sie mit aller Härte gegen die schwarze Bevölkerung vorgehen kann, von denen als unterqualifizierte, prekär angesiedelte Menschen „naturgemäß“ – was heißt: den sozialen Bedingungen entsprechend – mehr Straftäter zu finden sind als in behüteten und begüterten Vierteln. Harris ist der Empathie für solche Schichten unverdächtig. Ihre Vizepräsidentschaft ist ein Probelauf für die Präsidentschaft 2024. Bei Wohlgefallen wird sie die Unterstützung der Konzerne finden.

Ansonsten ist das Team auf fast absurde Weise identisch mit der Mannschaft Obamas. Außenminister Tony Blinken war damals stellvertretender Außenminister mit dem Schwerpunkt China. Finanzministerin Yellen war Chefin der Notenbank. Avril Haines, heute die Chefin der Geheimdienste, war stellvertretende CIA-Chefin. Besonders kräftig ist die Nabelschnur Obama-Biden beim Thema China. Nicht nur der neue Außenminister bearbeitete schon damals den Schwerpunkt, dies gilt auch für drei seiner wichtigsten Kombattanten: Kurt Campbell, bei Obama stellvertretender Außenminister für Asien- und Pazifik-Angelegenheiten, bearbeitet nun dasselbe Aufgabengebiet; auch Laura Rosenberger hat heute wieder ihren selben Posten wie damals: beim Nationalen Sicherheitsrat (NSC) Direktor für China und Korea; Rush Doshi war bei Hillary Clinton Mitglied der Asia Policy Working Group, und betreut nun im NSC den Bereich China.

So unverblümt wie bei Biden war der Einfluss von WallStreet/Silicon Valley nie zuvor: Michael Pyle, der bisherige Chefstratege von BlackRock, ist der ökonomische Chefberater von Harris; Brian Deese, bei BlackRock „global head of sustainable investing“, wird der „national economic director“ von Präsident Biden; Wally Adeyemo, bisher Stabschef von BlackRock-Chef Larry Fink, wird Stellvertreterin von Finanzministerin Yellen. Enger geht der Zusammenschluss von großem Geld und großer Politik kaum.

Bidens neue China-Doktrin: Der neue „Kampf der Systeme“

Am ersten Tag feuerte Biden eine ganze Batterie von Dekreten ab, die ihn ausweisen sollen als Politiker, der sein Land wieder in die internationale Ordnung einfügt (wieder Mitarbeit beim Pariser Klimaabkommen und in der WHO); der mit der Migration anders umgehen will (Stopp des Baus der Mauer zu Mexiko, der Einreisestopp für Muslime wird aufgehoben), der mit dem Abrüsten der fossilen Energien Ernst machen will (Stop der Pipeline Keystone XL, die Ölgebiete in Kanada mit denen in Nebraska verbinden soll); der der Ideologie der “weißen Überlegenheit“ entgegentritt (Auflösung der Kommission „1776“, die im Auftrag Trumps die rassistische Unterdrückung in den USA beschönigen sollte) und vor allem: Kampf gegen die Pandemie (u.a. Tragen von Masken in der Öffentlichkeit für 100 Tage verbindlich vorgeschrieben).

Außenpolitisch hat sich der Präsident noch nicht näher erklärt, außer der Verheißung in seiner Inaugurationsrede, dass er dafür sorgen werde, Amerika werde die führende Kraft in der Welt für immer (for good) sein . Genaueres zu Europa und zu China war bisher nicht zu vernehmen. Aber der große Stab von China-Spezialisten in seiner Regierung hat bereits Pflöcke eingeschlagen. Außenminister Blinken erklärte in seiner Anhörung vor dem Senatskomitee, dass Trump „richtig lag, als er einen härten Zugang auf China einschlug“. Ausdrücklich stimmte er Pompeos Erklärung zu, dass Chinas Vorgehen in Xinjiang einen „Völkermord“ darstelle. Er fügte hinzu: „Es kann kein Zweifel bestehen, dass China unter allen Nationen die größte Bedrohung für die USA darstellt“. Das lässt zwar Raum für die Erkenntnis, dass Covid 19 und der Klimawandel auch fundamentale Bedrohungen für die USA sind – bei Trump war China zuletzt die einzige einzelne Bedrohung für die USA – aber China wird gesehen als die einzige Kraft unter den Nationen, die über die Potenz und den Willen verfügt, die USA vom Thron der dominanten globalen Macht zu stoßen. Nach Blinken erleben wir derzeit „eine wachsende Spaltung zwischen Techno-Demokratien und Techno-Autokratien. Ob die Techno-Demokratien oder die Techno-Autokratien diejenigen sind, die definieren, wie die Technik gebraucht wird…das wird einen langen Weg währen, der die nächsten Jahrzehnte formt.

Blinken sieht ein Auseinanderbrechen der Weltordnung in zwei Blöcke, deren einer – die Techno-Demokratien – von den USA angeführt und zum Sieg geführt werden soll. Wir stehen kurz vor der Verkündung einer entsprechenden Biden-Doktrin, die den Kampf der Systeme zur Richtschnur der US-Politik ausruft.

Bosnien/Lipa: Zivilgesellschaftliches Bündnis fordert Evakuierung und Aufnahme der Schutzsuchenden sowie ein sofortiges Ende der Push-Backs

Lebenshaus-Newsletter - Sa, 23/01/2021 - 05:01
Auf Initiative der Balkanbrücke, Seebrücke und PRO ASYL fordert ein Bündnis aus rund 140 zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen die sofortige... Michael Schmid http://www.lebenshaus-alb.de

Abkommen über UNO-Atomwaffenverbot: Pakt ohne Nuklearmächte

Lebenshaus-Newsletter - Fr, 22/01/2021 - 23:12
Der UNO-Vertrag zum Verbot nuklearer Waffen tritt am Freitag in Kraft. Die Atomwaffenmächte lehnen ihn ab. Deutschland verschärft seine Ablehnung.... Michael Schmid http://www.lebenshaus-alb.de

Berliner Geologistik

German Foreign Policy - Fr, 22/01/2021 - 19:57

Etwa 19 bis 22 Milliarden Euro an Kapitalzuflüssen aus Steuerkassen verbuchen die deutschen Spitzenunternehmen der grenzüberschreitenden Logistik in der Coronakrise. Soweit es sich um Subventionen handelt, die den Stellenabbau eingrenzen, fließen sie vornehmlich in die deutschen Betriebsteile, während Beschäftigte in Auslandsfilialen, etwa in Österreich oder Belgien, prozentual mehr Arbeitsstellen verlieren, so bei der Lufthansa.[1] Die Lufthansa verbucht Kapitalzuflüsse zwischen 9 und 11 Milliarden Euro, die Deutsche Bahn AG und mittelbar DB Schenker erhalten 5 Milliarden ("Eigenkapitalhilfen"). Von Corona begünstigt geht DHL (Deutsche Post AG) durch die Krise. Der Konzern beliefert ein Dutzend EU-Staaten mit Pandemievakzinen und kündigte am 12. Januar an, den Betriebspark um acht Frachtmaschinen des Typs Boeing 777F zu erweitern: Stückpreis laut Liste etwa 200 Millionen US-Dollar.[2] TUI, ein Unternehmen, das in Deutschland als harmloser Urlaubsprofi gilt, erfreut sich öffentlicher Zuschüsse und Kreditlinien, die bis Dezember 2020 über 4 Milliarden Euro ausmachten und mit einer staatlichen Beteiligung aus dem Berliner "Wirtschaftsstabilisierungsfonds" (WSF) zu Jahresbeginn weiter gestiegen sind (auf 25 %).[3]

"Ständig vor Ort"

Aber weder TUI (der weltweit größte Touristikkonzern) noch Lufthansa oder DHL sind harmlose Großunternehmen für den Urlaubs- oder Briefverkehr. Ihr ziviler Nutzen verdeckt den staatlichen Zugriff, für den sie etatisiert und bereitgehalten werden: In Friedenszeiten spannen sie ein logistisches Netz, das Warenbewegungen örtlich verdichtet und bis an die Quellen der Wertschöpfungsketten verfolgt werden kann - wichtig für die Geowissenschaften, die Rohstoffforschung und Wirtschaftsspionage. In Zeiten von Krisen und Auslandskonflikten steht dieses Netz (samt der Transporter) zum Umbau bereit. TUI, Lufthansa, DHL oder DB Schenker sind darin fest integriert. "[G]emeinschaftliches Miteinander" [4] verbindet die deutschen Logistikkonzerne und eine steuernde Fachabteilung des Berliner Verkehrsministeriums als Durchgangsstation zu den Notstands- und Militärbehörden der Bundesrepublik. Deren "Mitarbeiter in den Außenstellen sind daher ständig vor Ort und halten den Kontakt" zu den deutschen Logistikunternehmen, heißt es über den staatlichen Bereitschaftsdienst für den "Spannungs- und Verteidigungsfall" beim "Bundesamt für Güterverkehr" (BAG).

"Systemrelevanz"

Dann werden aus den bunt beschrifteten Kreuzfahrtschiffen Militärhospitäler für Auslandseinsätze (in Frage kommt TUI), und aus Postfrachtmaschinen werden Truppentransporter (DHL). Das Schienennetz dient der schnellen Verlegung im "Verteidigungseinsatz", und der Bahn werden "grenzüberschreitende [!] Transporte für die Streitkräfte" "zugewiesen" (auch von Bedeutung für das Bahn-Ressort Schenker).[5] Was in der Corona-Krise die zivile Gesellschaft zu schützen verspricht ("Systemrelevanz"), grenzt das Gesetz [6] aufs Militärische ein: Logistikreserve für "Notstand" und Krieg.

Geopolitisches Netz

Wohin die strukturelle Verkoppelung des Staatsapparats mit den expansiven Interessen der Geologistik führen kann, zeigen die Verbrechen der führenden deutschen Logistikunternehmen im NS-"Reich". Die heutigen Logistikkonzerne der Bundesrepublik verdanken diesen kriminellen Unternehmen ihr Entstehen, etwa Kühne + Nagel (Hamburg), namensidentisch mit der Großspedition, der "eine relative Nähe zum Massenmord" [7] und zu tausendfachen Plünderungen in den deutsch okkupierten Nachbarstaaten nachgesagt werden darf, so in Frankreich. Kühne + Nagel gehört zu den aktuellen Corona-Profiteuren und erhält deutsche Staatsaufträge.[8] Noch deutlicher ist diese Erbschaft bei Schenker, heute ein Unternehmen des staatseigenen DB-Konzerns und namensgleich mit Schenker & Co, das an gewohnheitsmäßigen Bandenverbrechen bei der antisemitisch-antislawischen Vernichtungspolitik führend beteiligt war. Sie vollzog sich im geopolitischen Netz expansiver Vorkriegsinteressen der deutschen Außenpolitik.

Beschwiegenes Erbe

Was den Erben dieser Verbrechen gemein ist, so auch dem Unternehmen DER (Deutsches Reisebüro) im REWE-Konzern, ist ihre konstante Weigerung, die eigene Herkunft öffentlich und vollständig aufzudecken. Indem sie das Erbe beschweigen, wollen sie der materiellen Gerechtigkeit entgehen, die sie den Opfern und den Lehren aus der deutschen Geschichte schulden - in welchem Ausmaß, zeigt beispielhaft die Vergangenheit von DB Schenker.

 

[1] Die Lufthansa-Hilfen verzerren den Wettbewerb. capital.de 09.12.2020.

[2] Deutsche Post AG erhöht Ergebnisprognose für 2022 nach vorläufigen Zahlen 2020. Veröffentlichung einer Insiderinformation nach Artikel 17 der Verordniung (EU) Nr.596/2014 vom 12.01.2021.

[3] Drittes Milliarden-Hilfspaket für Tui - Staat könnte zum Großaktionär werden. Handelsblatt 02.12.2020.

[4] Bundesamt für Güterverkehr (BAG) sorgt für Bewegung. eurotransport.de/artikel/zivile-notfallvorsorge 20.01.2021.

[5] Allgemeine Verwaltungsvorschriften zu § 17 des Verkehrssicherstellungsgesetzes (VSG) i.d.F. vom 29.06. 1998.

[6] Vgl. Verkehrsleistungsgesetz (VerkLG) i.d.F. vom 12.12.2019.

[7] Henning Bleyl: Lasten der Vergangenheit. taz.de 31.03.2015.

[8] Kühne + Nagel übernimmt Logistik des Moderna-Impfstoffs. Handelsblatt 07.01.2021. Corona und Brexit: Der Logistiker Kühne + Nagel antizipiert neue Chancen. Neue Zürcher Zeitung 20.10.2020. Einen Staatsauftrag zur Lieferung von Corona-Impfstoffen vergab das Land Nordrhein-Westfahlen (NRW).

 

Die Schenker-Verbrechen

Schenker & Co.: Hehler, Räuber, Mordbeihelfer

Das weltweit tätige Logistikunternehmen der DB AG, die Deutsche Bahn-Tochter Schenker, steht in der staatlichen Nachfolge einer Verbrecherorganisation. Dies bestätigen neue Dokumente, die der "Zug der Erinnerung" nach Hinweisen britischer Historiker in deutschen Archiven erschließen konnte. Demnach organisierte Schenker für die "Reichsgruppe Industrie" den Beutetransfer der europaweiten Plünderungen in den von der Nazi-Wehrmacht okkupierten Staaten nach Deutschland. Insbesondere in den letzten Kriegsjahren (1943 bis 1945) war Schenker an großangelegten Raubzügen beteiligt, die von Athen im Süden über den gesamten Balkan, von Lissabon im Westen, Oslo im Norden und im Osten von Warschau bis in die Sowjetunion reichten. Die geplünderten Werte flossen in das Vermögen des deutschen Staates, der es mit Konzernen wie Mannesmann, Rheinmetall, Siemens oder AEG teilte. Aber auch harmlos erscheinende Familienbetriebe ließen sich von Schenker & Co. - im Verbund mit der Deutschen Reichsbahn - deportierte Arbeitskräfte und geraubte Rohstoffe aus Osteuropa zuführen.

Nach Entladung im Reichsgebiet transportierte Schenker auf dem Rückweg an die Front umfangreiche Waffenarsenale, um die deutsche Großraubwirtschaft im "Neuen Europa" militärisch abzusichern. Wie die Dokumente zeigen, erstreckte sich das bandenmäßig betriebene Schenker-Geschäft auch auf Werttransporte der Preußischen Staatsmünze, die im Auftrag der Reichsbank geraubtes Gold in Barren umschmolz und mit einem falschen Prägedatum versah. Damit sollte die Herkunft (unter anderem aus antisemitischen Mordaktionen) verschleiert und das enteignete oder aus den Leichen gebrochene Edelmetall im internationalen Handel unerkannt kapitalisiert werden.

Weder das Nachfolgeunternehmen von Schenker & Co. (die Deutsche Bahn-Tochter DB Schenker) noch der damalige und heutige Eigentümer von Schenker (der deutsche Staat) scheinen die Schenker-Verbrechen einer umfassenden Aufklärung für wert zu befinden. Aus verständlichen Gründen. Die Erträge aus Hehlerei, Raub und Mordbeihilfe wurden von Berlin nie restituiert. Eine Klärung ist umso dringlicher, als DB Schenker und sein Mutterkonzern zunehmend in Verdacht geraten, ihre global betriebene Wirtschaftsexpansion befördere die Berliner "Weltpolitik". Das wäre nicht neu. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg galt Schenker als ökonomisch tätige Vorhut deutscher Großmachtsubversion, Schenker-Filialen fungierten als Agentendrehscheiben. In London geriet die regionale Schenker-Niederlassung in Brand, in Osteuropa wurde vor der europaweiten Monopolisierung des Logistikgeschäfts durch Berlin gewarnt.

Mit Schenker gegen China

Diese Warnungen kamen zu spät.[1] Zwar galt Schenker in Österreich "als 'fünfte Kolonne'" [2] der Berliner Außenpolitik, und die sozialdemokratische "Rudé právo" in Prag erhob den Vorwurf, Schenker schmiere tschechische Politiker, um sie als deutsche Einflussagenten einzusetzen [3]; aber die Zielgerichtetheit der Schenker-Umtriebe blieb verborgen. Der unverdächtig erscheinende Auftrag, "den europäischen Verkehr an seinen Quellen zu erfassen" und "ihm die gewünschte Richtung zu geben" [4], zielte auf Krieg. Spätestens seit 1937 war Schenker ein unverzichtbares Instrument der offenen und verdeckten deutschen Aggressionen - nicht nur gegen seine Nachbarstaaten auf dem Kontinent.

Einen erheblichen Teil des deutschen Waffenhandels, der an internationalen Fronten auf den Krieg in Europa vorbereitete, erledigte Schenker. Allein 50 Prozent dieser Exporte gingen bis 1937 nach China, um die unter deutschen Offizieren stehenden Truppen der Tschiang-Kai-shek-Kräfte gegen die Rote Armee zu munitionieren. Schenker baute seine asiatischen Filialen aus und expandierte in der Folge nach Japan, das zu einem festen logistischen Stützpunkt der Berliner Kriegspolitik wurde.

"Ausfuhrgemeinschaft für Kriegsgerät"

In Europa operierte Schenker auf der iberischen Halbinsel, um Waffen für den Putschisten Franco gegen die demokratisch gewählte spanische Regierung in Stellung zu bringen. Die Anlieferungen kamen von der "Reichsgruppe Industrie", deren Rüstungskartell mit Schenker in einem fast täglichen Austausch stand. Schenker sorgte nicht nur für sichere Transportwege. Das staatliche Unternehmen stellte "Abnahmebeamte" [5] bereit, die das deutsche Kriegsgut durch ausländische Zollsperren schleusten und am Zielort die geheimen Übergaben vornahmen. Bestechung an fremden Grenzen gehörte zum Alltagsgeschäft. Auf diesem Gebiet erfahren und in Spanien tätig war Hans Eltze, der amtliche Vertreter der "Reichsgruppe Industrie", Referat "Ausfuhrgemeinschaft für Kriegsgerät".[6] Unter dem Kürzel "AGEKA" sorgte das Exportkartell für die Bündelung des Rüstungstransfers, den Schenker & Co. umsetzte. Nach dem erfolgreichen Putsch in Spanien und der Niederschlagung der Internationalen Brigaden mit den von Schenker bereitgestellten deutschen Waffen siedelte Eltze nach Portugal über. Portugal wurde für die "AGEKA" und damit für Schenker zum Tarnungsland der Material- und Rohstoffimporte, die mit Beginn des deutschen Überfalls auf Polen spätestens ab 1939 unverzichtbar waren (darunter Wolfram). Schenkers "Abnahmebeamte", die als Hoheitsträger über Madrid nach Lissabon reisten, beglaubigte "Herr Dr. Mörner, Berlin-Wannsee, Drei Lindenstrasse", Hauptgeschäftsführer der "AGEKA".

Kennwort "Bär"

Mit zunehmenden Materialverlusten und steigendem Nachschubbedarf für den Krieg im Osten nahmen auch die Schenker-Operationen zu. Die Aufträge kamen jetzt vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Zwecks Einsatz seiner "Abnahmebeamten" ab Grenzbahnhof Perl im Saarland notierte Schenker: "Herr Kuralt hat im Auftrage des OKW mehrere von Perl unter dem Kennwort 'Bär' laufende Kriegsmaterialtransporte zu begleiten und zu übernehmen und muß ferner auch Abfertigungen an den spanischen Grenzübergängen durchführen [...]. Von der Reise unterrichtet: OKW-Kapitän Flues." Wegen weiterer Rüstungslieferungen notierte Schenker an anderer Stelle: "Wir haben zurzeit in Portugal grosse, kriegswichtige Transporte durchzuführen, die infolge ihrer ausserordentlichen Bedeutung mit grösster Sorgfalt und Sachkenntnis bearbeitet werden müssen."

"Brandeilig"

Das Oberkommando des Heeres (OKH), nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad mit Rüstungsersatz für die Front beschäftigt, suchte bei Schenker um "Begleitung und Kontrolle von Kriegsmaterialtransporten" nach. Für die wiederholten Lieferungen ins sogenannte Generalgouvernement, also nach Polen, stellte Schenker "unser Gefolgschaftsmitglied" Gustav Hamann "auf die Dauer von 3 Monaten" frei, "Herr Dr. Mörner" von der "AGEKA" wurde unterrichtet. Ebenfalls infolge der Stalingrad-Niederlage ließ Schenker "Kriegsmaterialtransporte" in großem Stil über die Slowakei nach Rumänien anrollen. Zwei rumänische Bündnisarmeen der deutschen Wehrmacht waren in Stalingrad vernichtet worden (1942), die Reste sollten weiterkämpfen. "Da es sich um eine große Anzahl von Transporten handelt", meldete Schenker im Februar/März 1943 dem Reichswirtschaftsministerium "die wiederholte Ein- und Ausreise" seiner beamteten Schleuser. Aber der Zusammenbruch in Rumänien ließ sich nicht aufhalten. Berlin ordnete deswegen die Verstärkung der Militärkräfte in Rumäniens Nachbarland an - in der faschistisch regierten Slowakei. Schenker stand auch dort bereit. "Da die Angelegenheit brandeilig ist", notierte die "Zentralleitung" von Schenker, müssten "am Montag, dem 28.II. (1944) in Antwerpen und am Dienstag, dem 29. in Amsterdam, Kriegsmaterial-Transporte, für die Slowakische Wehrmacht bestimmt, verladen" werden. Die Versiegelung nahm ein Schenker-"Gefolgschaftsmitglied" aus Aachen vor.

Mehrfacher Nutzen

Binnen weniger Tage schafften Reichsbahn-Waggons den Schenker-Transport - tonnenweise Waffen - mitsamt Schenkers "Gefolgschaftsmitgliedern" von der West- an die Ostfront: eine logistische Leistung. Empfängerin: die "Feldzeuginspektion" des Oberkommandos des Heeres (OKH) an der slowakisch-polnischen Grenze. Die Befürchtungen internationaler Beobachter in der Vorkriegszeit, Schenker operiere als "fünfte Kolonne" der Berliner "Europa"-Politik, wurden überboten: Im Verbund mit der Reichsbahn bewies Schenker, dass sein ständig expandierendes logistisches Netz und die korporativen Strukturen des sozialpartnerschaftlichen Gefolgschaftsregimes mehrfach nutzbar waren - in Friedenszeiten als Kraftpotenzial, um den Zugang zum Markt ohne innere Reibung möglichst grenzübergreifend ökonomisch zu weiten, in Krisen und Krieg, um den Markt mit Gewalt für radikale Methoden des Wertetransfers öffnen zu können. Die logistische Leistung erwies sich als Glanzstück kriminellen Kalküls. War dieses Stadium erreicht, brach die Tarnung der deutschen Expansionspolitik als Vereinigungswerk für den "Großraum Europa" in sich zusammen. Der Widerstand wuchs.

Großraubwirtschaft

Im "Großraum Europa" operierte Berlin nun nach Art der Schutzgelderpressung und Bandengewalt: Großraubwirtschaft. Hatte Schenker anfangs den Schein gewahrt und im besetzten Ausland Preisverhandlungen geführt, so wurden die Schenker-Importeure deutlicher, als die militärische Lage die Wertschöpfung antrieb. Im Dezember 1943, die Versorgung an der Ostfront wurde schwieriger, an der Heimatfront sank der Kalorienwert, musste Schenker seinen "Leiter der Fleisch-Abteilung [...] wegen grosser Vieh- und Fleischtransporte nach dem Reich" ins deutsch besetzte Dänemark schicken, um "Verhandlungen" mit den "Firmen Bacen Udvalg" in Kopenhagen und in Svensborg mit "C Clausen" anzubahnen. Von gleich zu gleich führte Schenker diese Verhandlungen auf keinen Fall: Die dänische Wirtschaft stand seit August 1943 unter dem Kommando von SS-Brigadeführer Werner Best, das gesellschaftliche Leben in Dänemark unter deutscher Militärgerichtsbarkeit, dänische Zahlungsmittel verloren an Wert.

"Geschäftsstelle Warschau"

Im "Generalgouvernement" erübrigten sich Verhandlungen jeder Art, da Schenker mit nackter Gewalt auf das polnische Eigentum durchgreifen konnte. Verhandelt wurde nur noch zwischen den Besatzungsinstanzen über die bevorzugte Zuteilung des Raubguts. Es eilte. Im Januar 1944 notierte Schenker: "Wir haben schnellstens dafür zu sorgen, daß Vieh aus dem Generalgouvernement und den angrenzenden Gebieten nach Deutschland gebracht wird. Herr M. ist als Transportbegleiter vorgesehen und muß die Transporte nach Deutschland bringen, um dann schnellstens wieder zurückzureisen zur Empfangnahme weiterer Sendungen […]. Reiseantritt: Sofort. Reisedauer: 3 Monate." Ebenfalls 3 Monate setzte Schenker für die Plünderung polnischen Getreides an und schickte "Herrn Leander Maes" nach Krasne im "Generalgouvernement", ebenfalls im Januar 1944. Die Eile, die Schenker & Co. an den Tag legten, hatte einen triftigen Grund: Die sowjetischen Armeen rückten näher. "Infolge der Kriegsereignisse müssen wir bewährtes Personal zur Abfertigung von Viehtransporten aus den gefährdeten Gebieten sofort einsetzen", heißt es in den Schenker-Dokumenten am 12. Januar 1944 über die antipolnischen Großraubaktionen. Der Abtrieb polnischer Viehbestände ins "Reich" habe "mehrmalig" zu erfolgen.

Nachkriegsvorsorge

Am 19. Januar, wenige Tage später, kündigte Schenker an, zusätzliche Schreibkräfte für die Registratur der in Warschau lagernden Mengen deutschen Raubguts würden benötigt: "Unsere Zweigniederlassung Warschau braucht infolge des größeren Anfalles von Transportaufträgen dringend weitere perfekte Stenotypistinnen", offenbar für Warenlisten der Warschauer "Geschäftsstelle" vor Verladung in die Reichsbahn-Waggons Richtung Berlin. Im Warschauer Untergrund, der über die logistischen Aktivitäten der deutschen Besatzer gut informiert war, verbreitete sich das Gerücht, womöglich stehe der Zusammenbruch der deutschen Ostfront unmittelbar bevor. Diese Hoffnung war verfrüht, aber bestärkte die Entschlossenheit des polnischen Widerstands.

Aktien in Prag

Bevor das deutsche "Vereinigungswerk" für die "Neuordnung Europas" nicht nur in Polen zu Ende ging, beteiligte sich Schenker überall im "Großraum" als Beihelfer und Täter, um die Plünderungen zu vollenden und das fremde Wirtschaftsgut für die Nachkriegszeit zu sichern. Am 11. Januar 1944 setzte die Schenker-"Zentralleitung" "[u]nser Gefolgschaftsmitglied Frau Helene Rex" von Berlin nach Prag in Marsch - "Reisegrund: Wegen Sicherstellung der Unterbringung unserer Aktienurkunden [...]. Reisedauer: 14 Tage (wiederholt) (Kurier)". Die Kuriertätigkeit unterstützte der Geschäftsführer von Schenker, "Herr Dr. Fritz Rapmund" ab 18. Januar und reiste ebenfalls nach Prag: "Ihm obliegt die Erledigung der Verwaltungs- und Finanzgelegenheiten des Gesamtunternehmens", heißt es über die technischen Vorbereitungen auf einen eventuellen Zusammenbruch der deutschen Großraubwirtschaft in der Tschechoslowakei. "Es sind bei unserem Schwesterunternehmen in Prag verschiedene Fragen aufgekommen, die einer Klärung an Ort und Stelle bedürfen." Die Rückführung der "Aktienurkunden" nach Berlin sollte einen Wertanspruch belegen können, der sich auf die von Schenker angeeigneten Sub- oder Schwesterunternehmen und deren Kapitalien bezog - Beute aus dem Nationalvermögen der okkupierten Nation, deren Opfer und Leiden Schenker in Anteilscheinen verflüchtigen wollte.

Tonnenweise Silber

Auch im besetzten Jugoslawien, beim "Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft" Franz Neuhausen, dem Vorkriegsrepräsentanten der Deutschen Reichsbahn und Generalkonsul des Auswärtigen Amtes, herrschte Anfang 1944 Aufbruchstimmung. Im Osten rückten die sowjetischen Heeresverbände vor, im Westen kämpften die Alliierten Italien frei; wesentliche Teile der jugoslawischen Gegenküste waren in den Händen der Bündnispartner von Marschall Titos Partisanenarmee. Neuhausen, ein bekannt korrupter Wirtschaftsbetrüger aus der Vorkriegszeit, raffte sein in Belgrad gehortetes Privatvermögen zusammen und kümmerte sich parallel um die Reichsbahn-Interessen, somit auch um Schenker & Co. Schenker stellte die Logistik bereit, um die von Neuhausen ausgeplünderten jugoslawischen Kupfererze und Edelmetalle per Lkw und Bahn nach Deutschland zu schaffen - darunter tonnenweise Silber.

*

(C) Train of Commemoration. Reg. Civil Org. All rights reserved 2021. Zug der Erinnerung e.V.

 

Zweiter Teil:

Raublogistik in Südosteuropa * Blutiges Gold * Die Preußische Staatsmünze - eine Fälscherwerkstatt * "Personelle Durchkämmung" * Beute in der Ukraine * Zentralarbeitslager * Plündern in Thessaloniki*

 

[1] Vgl. The Schenker Papers. Zug der Erinnerung/Train of Commemoration, 2015. german-

foreign-policy.com 08.05.2016.

[2], [3], [4] Herbert Matis, Dieter Stiefel: Grenzenlos. Die Geschichte der internationalen Spedition Schenker 1931 bis 1990. Wien 2002. Unlimited. The History of the International Forwarding Company Schenker 1931 to 1990. Vienna 2002.

[5] Soweit nicht anders angegeben, sind die Zitate dem Aktenbestand "Akten betr. Auskünfte usw. über die Firma Schenker & Co. GmbH. Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Zentralleitung" im Archiv des Zug der Erinnerung e.V. entnommen. Hervorhebungen im Original.

[6] Als Vorsitzender der Ausfuhrgemeinschaft fungierte Wilhelm Zangen, Generaldirektor der Mannesmann Röhrenwerke (Düsseldorf), ein NS-"Wehrwirtschaftsführer". Sein Stellvertreter Hans Eltze arbeitete im Verbund mit anderen bekannten Rüstungshändlern, seitdem er seine Wirtschaftskarriere nach 1918 bei Rheinmetall begonnen hatte. Für Rheinmetall war Eltze in der Schweiz tätig, wo er die Waffenfabrik Solothurn gründete und die klandestine deutsche Wiederaufrüstung bereits vor 1933 anschob. Eltze trat 1933 der NSDAP bei und arbeitete mit dem vorbestraften Waffenhändler Waldemar Pabst zusammen, dem verantwortlichen Offizier für die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Eltzes Karriere führte anschließend nach Österreich, wo er Generaldirektor des Waffenfabrikanten Steyr wurde, und siedelte von dort erst nach Spanien, dann nach Portugal über, wo er die Geschäfte des "AGEKA"-Kartells abwickelte.

 

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Die Schenker-Verbrechen

German Foreign Policy - Fr, 22/01/2021 - 17:23

Nach Entladung im Reichsgebiet transportierte Schenker auf dem Rückweg an die Front umfangreiche Waffenarsenale, um die deutsche Großraubwirtschaft im "Neuen Europa" militärisch abzusichern. Wie die Dokumente zeigen, erstreckte sich das bandenmäßig betriebene Schenker-Geschäft auch auf Werttransporte der Preußischen Staatsmünze, die im Auftrag der Reichsbank geraubtes Gold in Barren umschmolz und mit einem falschen Prägedatum versah. Damit sollte die Herkunft (unter anderem aus antisemitischen Mordaktionen) verschleiert und das enteignete oder aus den Leichen gebrochene Edelmetall im internationalen Handel unerkannt kapitalisiert werden.

Weder das Nachfolgeunternehmen von Schenker & Co. (die Deutsche Bahn-Tochter DB Schenker) noch der damalige und heutige Eigentümer von Schenker (der deutsche Staat) scheinen die Schenker-Verbrechen einer umfassenden Aufklärung für wert zu befinden. Aus verständlichen Gründen. Die Erträge aus Hehlerei, Raub und Mordbeihilfe wurden von Berlin nie restituiert. Eine Klärung ist umso dringlicher, als DB Schenker und sein Mutterkonzern zunehmend in Verdacht geraten, ihre global betriebene Wirtschaftsexpansion befördere die Berliner "Weltpolitik". Das wäre nicht neu. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg galt Schenker als ökonomisch tätige Vorhut deutscher Großmachtsubversion, Schenker-Filialen fungierten als Agentendrehscheiben. In London geriet die regionale Schenker-Niederlassung in Brand, in Osteuropa wurde vor der europaweiten Monopolisierung des Logistikgeschäfts durch Berlin gewarnt.

Mit Schenker gegen China

Diese Warnungen kamen zu spät.[1] Zwar galt Schenker in Österreich "als 'fünfte Kolonne'" [2] der Berliner Außenpolitik, und die sozialdemokratische "Rudé právo" in Prag erhob den Vorwurf, Schenker schmiere tschechische Politiker, um sie als deutsche Einflussagenten einzusetzen [3]; aber die Zielgerichtetheit der Schenker-Umtriebe blieb verborgen. Der unverdächtig erscheinende Auftrag, "den europäischen Verkehr an seinen Quellen zu erfassen" und "ihm die gewünschte Richtung zu geben" [4], zielte auf Krieg. Spätestens seit 1937 war Schenker ein unverzichtbares Instrument der offenen und verdeckten deutschen Aggressionen - nicht nur gegen seine Nachbarstaaten auf dem Kontinent.

Einen erheblichen Teil des deutschen Waffenhandels, der an internationalen Fronten auf den Krieg in Europa vorbereitete, erledigte Schenker. Allein 50 Prozent dieser Exporte gingen bis 1937 nach China, um die unter deutschen Offizieren stehenden Truppen der Tschiang-Kai-shek-Kräfte gegen die Rote Armee zu munitionieren. Schenker baute seine asiatischen Filialen aus und expandierte in der Folge nach Japan, das zu einem festen logistischen Stützpunkt der Berliner Kriegspolitik wurde.

"Ausfuhrgemeinschaft für Kriegsgerät"

In Europa operierte Schenker auf der iberischen Halbinsel, um Waffen für den Putschisten Franco gegen die demokratisch gewählte spanische Regierung in Stellung zu bringen. Die Anlieferungen kamen von der "Reichsgruppe Industrie", deren Rüstungskartell mit Schenker in einem fast täglichen Austausch stand. Schenker sorgte nicht nur für sichere Transportwege. Das staatliche Unternehmen stellte "Abnahmebeamte" [5] bereit, die das deutsche Kriegsgut durch ausländische Zollsperren schleusten und am Zielort die geheimen Übergaben vornahmen. Bestechung an fremden Grenzen gehörte zum Alltagsgeschäft. Auf diesem Gebiet erfahren und in Spanien tätig war Hans Eltze, der amtliche Vertreter der "Reichsgruppe Industrie", Referat "Ausfuhrgemeinschaft für Kriegsgerät".[6] Unter dem Kürzel "AGEKA" sorgte das Exportkartell für die Bündelung des Rüstungstransfers, den Schenker & Co. umsetzte. Nach dem erfolgreichen Putsch in Spanien und der Niederschlagung der Internationalen Brigaden mit den von Schenker bereitgestellten deutschen Waffen siedelte Eltze nach Portugal über. Portugal wurde für die "AGEKA" und damit für Schenker zum Tarnungsland der Material- und Rohstoffimporte, die mit Beginn des deutschen Überfalls auf Polen spätestens ab 1939 unverzichtbar waren (darunter Wolfram). Schenkers "Abnahmebeamte", die als Hoheitsträger über Madrid nach Lissabon reisten, beglaubigte "Herr Dr. Mörner, Berlin-Wannsee, Drei Lindenstrasse", Hauptgeschäftsführer der "AGEKA".

Kennwort "Bär"

Mit zunehmenden Materialverlusten und steigendem Nachschubbedarf für den Krieg im Osten nahmen auch die Schenker-Operationen zu. Die Aufträge kamen jetzt vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW). Zwecks Einsatz seiner "Abnahmebeamten" ab Grenzbahnhof Perl im Saarland notierte Schenker: "Herr Kuralt hat im Auftrage des OKW mehrere von Perl unter dem Kennwort 'Bär' laufende Kriegsmaterialtransporte zu begleiten und zu übernehmen und muß ferner auch Abfertigungen an den spanischen Grenzübergängen durchführen [...]. Von der Reise unterrichtet: OKW-Kapitän Flues." Wegen weiterer Rüstungslieferungen notierte Schenker an anderer Stelle: "Wir haben zurzeit in Portugal grosse, kriegswichtige Transporte durchzuführen, die infolge ihrer ausserordentlichen Bedeutung mit grösster Sorgfalt und Sachkenntnis bearbeitet werden müssen."

"Brandeilig"

Das Oberkommando des Heeres (OKH), nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad mit Rüstungsersatz für die Front beschäftigt, suchte bei Schenker um "Begleitung und Kontrolle von Kriegsmaterialtransporten" nach. Für die wiederholten Lieferungen ins sogenannte Generalgouvernement, also nach Polen, stellte Schenker "unser Gefolgschaftsmitglied" Gustav Hamann "auf die Dauer von 3 Monaten" frei, "Herr Dr. Mörner" von der "AGEKA" wurde unterrichtet. Ebenfalls infolge der Stalingrad-Niederlage ließ Schenker "Kriegsmaterialtransporte" in großem Stil über die Slowakei nach Rumänien anrollen. Zwei rumänische Bündnisarmeen der deutschen Wehrmacht waren in Stalingrad vernichtet worden (1942), die Reste sollten weiterkämpfen. "Da es sich um eine große Anzahl von Transporten handelt", meldete Schenker im Februar/März 1943 dem Reichswirtschaftsministerium "die wiederholte Ein- und Ausreise" seiner beamteten Schleuser. Aber der Zusammenbruch in Rumänien ließ sich nicht aufhalten. Berlin ordnete deswegen die Verstärkung der Militärkräfte in Rumäniens Nachbarland an - in der faschistisch regierten Slowakei. Schenker stand auch dort bereit. "Da die Angelegenheit brandeilig ist", notierte die "Zentralleitung" von Schenker, müssten "am Montag, dem 28.II. (1944) in Antwerpen und am Dienstag, dem 29. in Amsterdam, Kriegsmaterial-Transporte, für die Slowakische Wehrmacht bestimmt, verladen" werden. Die Versiegelung nahm ein Schenker-"Gefolgschaftsmitglied" aus Aachen vor.

Mehrfacher Nutzen

Binnen weniger Tage schafften Reichsbahn-Waggons den Schenker-Transport - tonnenweise Waffen - mitsamt Schenkers "Gefolgschaftsmitgliedern" von der West- an die Ostfront: eine logistische Leistung. Empfängerin: die "Feldzeuginspektion" des Oberkommandos des Heeres (OKH) an der slowakisch-polnischen Grenze. Die Befürchtungen internationaler Beobachter in der Vorkriegszeit, Schenker operiere als "fünfte Kolonne" der Berliner "Europa"-Politik, wurden überboten: Im Verbund mit der Reichsbahn bewies Schenker, dass sein ständig expandierendes logistisches Netz und die korporativen Strukturen des sozialpartnerschaftlichen Gefolgschaftsregimes mehrfach nutzbar waren - in Friedenszeiten als Kraftpotenzial, um den Zugang zum Markt ohne innere Reibung möglichst grenzübergreifend ökonomisch zu weiten, in Krisen und Krieg, um den Markt mit Gewalt für radikale Methoden des Wertetransfers öffnen zu können. Die logistische Leistung erwies sich als Glanzstück kriminellen Kalküls. War dieses Stadium erreicht, brach die Tarnung der deutschen Expansionspolitik als Vereinigungswerk für den "Großraum Europa" in sich zusammen. Der Widerstand wuchs.

Großraubwirtschaft

Im "Großraum Europa" operierte Berlin nun nach Art der Schutzgelderpressung und Bandengewalt: Großraubwirtschaft. Hatte Schenker anfangs den Schein gewahrt und im besetzten Ausland Preisverhandlungen geführt, so wurden die Schenker-Importeure deutlicher, als die militärische Lage die Wertschöpfung antrieb. Im Dezember 1943, die Versorgung an der Ostfront wurde schwieriger, an der Heimatfront sank der Kalorienwert, musste Schenker seinen "Leiter der Fleisch-Abteilung [...] wegen grosser Vieh- und Fleischtransporte nach dem Reich" ins deutsch besetzte Dänemark schicken, um "Verhandlungen" mit den "Firmen Bacen Udvalg" in Kopenhagen und in Svensborg mit "C Clausen" anzubahnen. Von gleich zu gleich führte Schenker diese Verhandlungen auf keinen Fall: Die dänische Wirtschaft stand seit August 1943 unter dem Kommando von SS-Brigadeführer Werner Best, das gesellschaftliche Leben in Dänemark unter deutscher Militärgerichtsbarkeit, dänische Zahlungsmittel verloren an Wert.

"Geschäftsstelle Warschau"

Im "Generalgouvernement" erübrigten sich Verhandlungen jeder Art, da Schenker mit nackter Gewalt auf das polnische Eigentum durchgreifen konnte. Verhandelt wurde nur noch zwischen den Besatzungsinstanzen über die bevorzugte Zuteilung des Raubguts. Es eilte. Im Januar 1944 notierte Schenker: "Wir haben schnellstens dafür zu sorgen, daß Vieh aus dem Generalgouvernement und den angrenzenden Gebieten nach Deutschland gebracht wird. Herr M. ist als Transportbegleiter vorgesehen und muß die Transporte nach Deutschland bringen, um dann schnellstens wieder zurückzureisen zur Empfangnahme weiterer Sendungen […]. Reiseantritt: Sofort. Reisedauer: 3 Monate." Ebenfalls 3 Monate setzte Schenker für die Plünderung polnischen Getreides an und schickte "Herrn Leander Maes" nach Krasne im "Generalgouvernement", ebenfalls im Januar 1944. Die Eile, die Schenker & Co. an den Tag legten, hatte einen triftigen Grund: Die sowjetischen Armeen rückten näher. "Infolge der Kriegsereignisse müssen wir bewährtes Personal zur Abfertigung von Viehtransporten aus den gefährdeten Gebieten sofort einsetzen", heißt es in den Schenker-Dokumenten am 12. Januar 1944 über die antipolnischen Großraubaktionen. Der Abtrieb polnischer Viehbestände ins "Reich" habe "mehrmalig" zu erfolgen.

Nachkriegsvorsorge

Am 19. Januar, wenige Tage später, kündigte Schenker an, zusätzliche Schreibkräfte für die Registratur der in Warschau lagernden Mengen deutschen Raubguts würden benötigt: "Unsere Zweigniederlassung Warschau braucht infolge des größeren Anfalles von Transportaufträgen dringend weitere perfekte Stenotypistinnen", offenbar für Warenlisten der Warschauer "Geschäftsstelle" vor Verladung in die Reichsbahn-Waggons Richtung Berlin. Im Warschauer Untergrund, der über die logistischen Aktivitäten der deutschen Besatzer gut informiert war, verbreitete sich das Gerücht, womöglich stehe der Zusammenbruch der deutschen Ostfront unmittelbar bevor. Diese Hoffnung war verfrüht, aber bestärkte die Entschlossenheit des polnischen Widerstands.

Aktien in Prag

Bevor das deutsche "Vereinigungswerk" für die "Neuordnung Europas" nicht nur in Polen zu Ende ging, beteiligte sich Schenker überall im "Großraum" als Beihelfer und Täter, um die Plünderungen zu vollenden und das fremde Wirtschaftsgut für die Nachkriegszeit zu sichern. Am 11. Januar 1944 setzte die Schenker-"Zentralleitung" "[u]nser Gefolgschaftsmitglied Frau Helene Rex" von Berlin nach Prag in Marsch – "Reisegrund: Wegen Sicherstellung der Unterbringung unserer Aktienurkunden [...]. Reisedauer: 14 Tage (wiederholt) (Kurier)". Die Kuriertätigkeit unterstützte der Geschäftsführer von Schenker, "Herr Dr. Fritz Rapmund" ab 18. Januar und reiste ebenfalls nach Prag: "Ihm obliegt die Erledigung der Verwaltungs- und Finanzgelegenheiten des Gesamtunternehmens", heißt es über die technischen Vorbereitungen auf einen eventuellen Zusammenbruch der deutschen Großraubwirtschaft in der Tschechoslowakei. "Es sind bei unserem Schwesterunternehmen in Prag verschiedene Fragen aufgekommen, die einer Klärung an Ort und Stelle bedürfen." Die Rückführung der "Aktienurkunden" nach Berlin sollte einen Wertanspruch belegen können, der sich auf die von Schenker angeeigneten Sub- oder Schwesterunternehmen und deren Kapitalien bezog - Beute aus dem Nationalvermögen der okkupierten Nation, deren Opfer und Leiden Schenker in Anteilscheinen verflüchtigen wollte.

Tonnenweise Silber

Auch im besetzten Jugoslawien, beim "Generalbevollmächtigten für die Wirtschaft" Franz Neuhausen, dem Vorkriegsrepräsentanten der Deutschen Reichsbahn und Generalkonsul des Auswärtigen Amtes, herrschte Anfang 1944 Aufbruchstimmung. Im Osten rückten die sowjetischen Heeresverbände vor, im Westen kämpften die Alliierten Italien frei; wesentliche Teile der jugoslawischen Gegenküste waren in den Händen der Bündnispartner von Marschall Titos Partisanenarmee. Neuhausen, ein bekannt korrupter Wirtschaftsbetrüger aus der Vorkriegszeit, raffte sein in Belgrad gehortetes Privatvermögen zusammen und kümmerte sich parallel um die Reichsbahn-Interessen, somit auch um Schenker & Co. Schenker stellte die Logistik bereit, um die von Neuhausen ausgeplünderten jugoslawischen Kupfererze und Edelmetalle per Lkw und Bahn nach Deutschland zu schaffen - darunter tonnenweise Silber.

 

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(C) Train of Commemoration. Reg. Civil Org. All rights reserved 2021. Zug der Erinnerung e.V.

 

Zweiter Teil:

Raublogistik in Südosteuropa * Blutiges Gold * Die Preußische Staatsmünze - eine Fälscherwerkstatt * "Personelle Durchkämmung" * Beute in der Ukraine * Zentralarbeitslager * Plündern in Thessaloniki*

 

[1] Vgl. The Schenker Papers. Zug der Erinnerung/Train of Commemoration, 2015. german-

foreign-policy.com 08.05.2016.

[2], [3], [4] Herbert Matis, Dieter Stiefel: Grenzenlos. Die Geschichte der internationalen Spedition Schenker 1931 bis 1990. Wien 2002. Unlimited. The History of the International Forwarding Company Schenker 1931 to 1990. Vienna 2002.

[5] Soweit nicht anders angegeben, sind die Zitate dem Aktenbestand "Akten betr. Auskünfte usw. über die Firma Schenker & Co. GmbH. Gesellschaft mit beschränkter Haftung. Zentralleitung" im Archiv des Zug der Erinnerung e.V. entnommen. Hervorhebungen im Original.

[6] Als Vorsitzender der Ausfuhrgemeinschaft fungierte Wilhelm Zangen, Generaldirektor der Mannesmann Röhrenwerke (Düsseldorf), ein NS-"Wehrwirtschaftsführer". Sein Stellvertreter Hans Eltze arbeitete im Verbund mit anderen bekannten Rüstungshändlern, seitdem er seine Wirtschaftskarriere nach 1918 bei Rheinmetall begonnen hatte. Für Rheinmetall war Eltze in der Schweiz tätig, wo er die Waffenfabrik Solothurn gründete und die klandestine deutsche Wiederaufrüstung bereits vor 1933 anschob. Eltze trat 1933 der NSDAP bei und arbeitete mit dem vorbestraften Waffenhändler Waldemar Pabst zusammen, dem verantwortlichen Offizier für die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Eltzes Karriere führte anschließend nach Österreich, wo er Generaldirektor des Waffenfabrikanten Steyr wurde, und siedelte von dort erst nach Spanien, dann nach Portugal über, wo er die Geschäfte des "AGEKA"-Kartells abwickelte.

 

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Martin Luther King Jr. über Amerikas "widerwärtigen Frieden"

Lebenshaus-Newsletter - Fr, 22/01/2021 - 15:39
Man kann sich nur schwer eine Geisteshaltung vorstellen, die der Bedeutung von Kings Vermächtnis stärker entgegengesetzt ist als die Aufrufe,... Michael Schmid http://www.lebenshaus-alb.de

2021/01/24 internetWorld Social Forum 24th January Thematic Space “Peace and War” Copy

No to NATO - Do, 21/01/2021 - 22:34
Ver también: www.no-to-nato.org/wsf2021/ Leer: Lista de eventos de paz del FSM.pdf Consulte los enlaces de las sesiones: https://www.no-to-nato.org/2021/01/list-with-an-overview-of-the-links-to-the-different-sessions/

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