
Meldungen (Feeds)
Prof. Mearsheimer: Die Macht der Israel-Lobby über Washington
In diesem Video spricht der weltbekannte Politikwissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen Prof. John Mearsheimer über das neue Buch des Investigativjournalisten Eli Clifton und des Politikwissenschaftlers Ian Lustick, Israel’s Lobby: America in the Grip of a Foreign Power, und vergleicht dessen zentrale Thesen mit seinem eigenen einflussreichen Buch über die Israel-Lobby, das er 2007 gemeinsam […]
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Niederlage für USA und Saudi-Arabien – Irans Verbündete rücken vor
In diesem Video untersucht der Investigativjournalist und Menschenrechtsanwalt Dimitri Lascaris die jüngsten militärischen Entwicklungen im Jemen, nachdem Ansar Allah bedeutende Geländegewinne an der Küste des Roten Meeres erzielt hat. Warum könnten diese Vorstöße das Kräfteverhältnis rund um eine der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt grundlegend verändern – und weshalb geraten Saudi-Arabien und seine westlichen Unterstützer dadurch […]
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Berlin – Stadt des Krieges?
Iran zwingt die USA in die Defensive – US-Stützpunkte nicht mehr tragfähig
In diesem Video berichtet der Menschenrechtsanwalt und Journalist Dimitri Lascaris über die eskalierenden Kämpfe im Jemen und die Frage, warum der Vormarsch von Ansar Allah auf eine strategisch wichtige Hafenstadt weit über das Land hinaus Folgen haben könnte. Zugleich verschärft sich die Konfrontation zwischen Iran und den USA rund um die Straße von Hormus, nachdem […]
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Hitze bei uns – Hitze, Fluten, Zerstörung in der Welt.
Die Verantwortungslosigkeit kapitalistischer Gesellschaften
Die folgenden Ausführungen beruhen auf meinem Buch „System Change oder Klimakollaps“, erschienen im April 2026 im oekom-Verlag, erhältlich auch hier im isw unter https://www.isw-muenchen.de/broschueren/spezials/225-buch-04-2026.
1. Hitze ist nur ein Teil des Klimawandels„Wie weiter leben mit der Hitze“ fragt die SZ (14.8.2026). Die folgende Grafik zeigt für die Sommermonate Juni bis August 2026 Tagesmitteltemperaturen: Das ist der jeweilige Durchschnitt aus 24, also stündlich gemessenen, Temperaturwerten. Diese Temperaturen gelten für den Durchschnitt der 10 größten Städte in Deutschland (1). Zudem sind die langjährigen Monats- und Jahresdurchschnittstemperaturen für Deutschland aufgezeichnet (Durchschnitt 1991 bis 2020).
Die Wissenschaft weiß seit vielen Jahrzehnten, was in 2026 die deutschen Bürger immer mehr zu spüren bekommen: Der Klimawandel ist da und er schreitet weiter fort. Es wird heiß. Hitze ist, wie wir erfahren, gesundheitsgefährdend. Das Robert-Koch-Institut (2) berechnet, dass in Deutschland in diesem Jahr bis Anfang August rund 12.000 Menschen an der weit überdurchschnittlichen Hitze verstorben sind, vor allem (aber nicht nur) alte Menschen (SZ, 7.8.2026). Das RKI sagt, dass ab einer Wochenmitteltemperatur von 20 °C ein hitzebedingter Anstieg der Sterblichkeit gemessen werden kann. Der Monatsdurchschnitt lag für die 10 Städte vom Juni bis August kontinuierlich bei 20 °C, was bedeutet, dass rund zur Hälfte der Zeit die mittlere Tagestemperatur über der 20-°C-Linie lag. Dem RKI zufolge lag die höchste Wochenmitteltemperatur in Deutschland bei 26,4 °C, erreicht vom 22. bis 28. Juni 2026.
So, jetzt kommt dieselbe Grafik nochmal, und zwar mit einer zusätzlichen Linie: einer Temperaturlinie bei 29 °C. Diese Linie liegt so viel höher als die deutschen Isttemperaturen in 2026, dass sie im Städtedurchschnitt nur an 2 Tagen überschritten wurde. (3)
Was hat es mit dieser Linie auf sich? Diese Linie ist nicht einfach fiktiv, sondern sie kommt aus einer Studie, die an der Universität Exeter durchgeführt wurde (Lenton u.a., 2023; SZ, 23.5.2023). Sie fragt, wie viele Menschen in Gebieten mit einer Jahres(!)mitteltemperatur von 29 °C und mehr leben. Das gilt als Schwellenwert zu einer Situation, in der Menschen im Freien ohne Hitzeschutz nicht leben können. Wenn das RKI eine zunehmende Sterblichkeit ab 20 °C erwartet, und wenn es die höchste jemals in Deutschland erreichte Wochentemperatur bei 26,4 °C feststellt, und wenn man weiß, dass die deutsche Jahresmitteltemperatur bei 9,3 °C liegt, dann kann man sich gut vorstellen, dass 29 °C Durchschnittstemperatur verheerend auf die menschliche Gesundheit wirken muss.
Diese Gebiete konzentrieren sich heute hauptsächlich auf Teile der Sahara und werden von 60 Mio. Menschen bewohnt, weniger als 1 % aller Menschen. Schreitet nun
- erstens der Klimawandel derart voran, dass bis 2100 weltweit eine Temperaturerhöhung um 2,5 bis 3 °C erreicht wird (was sehr wahrscheinlich ist, 1,5 °C sind heute schon beinahe erreicht),
- und wächst zweitens die Weltbevölkerung auf etwa 10 Mrd. Menschen (übliche Hochrechnung), und dies vor allem in den armen Regionen,
dann könnten auf den dann viel größeren lebensfeindlichen Hochtemperatur-Gebieten im Jahr 2100 rund 2 Milliarden Menschen leben, hauptsächlich in Süd- und Südostasien sowie in Westafrika. Ein Jahresmittel von 29 °C bedeutet, dass es viele Monate lang noch heißer als 29 °C ist. Eine Temperatur von 20,3 °C wie bei uns im Sommerdurchschnitt 2026 der 10 deutschen Städte müsste in diesen Superheißgebieten als überraschend kühl empfunden werden.
2 Milliarden in ausgeprägt lebensfeindlichen Gebieten: Es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass die daraus folgenden Konflikte jenseits aller bisherigen Erfahrungen liegen werden. Wenn das tatsächlich in diese Richtung gehen sollte, dann wird das sicherlich zu heute kaum vorstellbaren Fluchtbewegungen und Verwerfungen führen.
„Die Fortsetzung der derzeitigen Politik wird zu einem katastrophalen Temperaturanstieg von bis zu 3,1 °C führen. Wir haben keine Zeit mehr. Die Folgen einer solch extremen Erwärmung für Menschen, Gesellschaften und Volkswirtschaften sind unvorstellbar.“ (UNEP 2024)
„Wir erleben den Kollaps des Klimas in Echtzeit, und die Folgen sind verheerend.“ (A. Guterres, UN-Generalsekretär)
„Wir wissen einfach nicht, ob wir in einer Drei-Grad-Welt noch genug ernten, um die ganze Welt ernähren zu können.“ (S. Rahmstorf, Klimaforscher)
„Was heute geschieht, gleicht einem kollektiven Suizidversuch.“ (H. J. Schellnhuber, Klimaforscher)
Aber die Hitze ist nur eine der mörderischen Entwicklungen, die die Menschen – vor allem im Süden – heimsuchen werden. Ich will hier gar nicht eingehen auf die Fülle von massiv lebensbedrohlichen Entwicklungen, etwa die Dürre und die fortschreitende Verschlechterung der Bodenfruchtbarkeit, das dramatische Artensterben, der viel zu hohe Süßwasserverbrauch mit der Folge eines Verschwindens auch der tiefliegenden Grundwasservorräte, oder die rabiate Plünderung der Bodenschätze. Hier nur noch eines, der Anstieg des Meeresspiegels. Er stieg seit 1900 um 20 cm bis 2018, heute allerdings dreimal so schnell wie vor 100 Jahren (IPCC 2023). Nach IPCC dürfte er bis zum Jahr 2100 im günstigsten Fall nur um etwa 25 cm weiter steigen, vielleicht aber auch um einen Meter oder, durchaus möglich, um noch höhere Werte. Und vor allem wird der Anstieg Jahrhunderte weiter gehen: die grönländische Eisdecke schmilzt umso schneller, je weniger dick sie ist.
Allein in Bangladesch leben rund 20 Millionen Menschen niedriger als 1 Meter über dem Meeresspiegel (10 % der Landfläche). Dazu: Bangladesch hat heute schon mehr als doppelt so viele Einwohner, aber weniger als die halbe Fläche wie Deutschland. Die Bevölkerungsdichte ist fünfmal so hoch wie hierzulande. Aus Sicht der Bangladeschis ist Deutschland ein ziemlich leeres, unbewohntes Land, das aber mit seinen maßlosen Emissionen den Bangladeschis Hitze und Überflutung beschert hat. Und auch noch weiterhin intensiviert. Und nicht nur in Bangladesch: „In den kommenden Jahrzehnten könnte der Meeresspiegelanstieg Hunderte Millionen zwingen, aus ihrer Heimat zu fliehen.“ (WIL 2025, S. 20).
Von den zehn Ländern, deren Menschen am meisten von künftigen Überschwemmungen bedroht sind, ist nur ein einziges ein reiches Land, das sich einen Überschwemmungsschutz leisten kann: die Niederlande. Die anderen sind: Bangladesch, Vietnam, Laos, Kambodscha, Ägypten, Myanmar, Guyana, Surinam, Irak (WIL 2023, S. 54), zusammen 520 Millionen Einwohner, 29mal so viele wie in den Niederlanden.
„Wir haben einen Punkt erreicht, an dem im besten Fall [!] bis zum Ende dieses Jahrhunderts Tod und Leid weit verbreitet sind und im schlimmsten Fall die Menschheit am Rande der Ausrottung steht.“ (Der UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte, 2019)
Zum Allgemeinwissen, v.a. in CDU- und FDP-Kreisen, in der AfD sowieso, gehört, dass die Deutschen kaum etwas mit der Klimazerstörung zu tun haben. Hier Veronika Grimm, Mitglied des Sachverständigenrates Wirtschaft und dort zuverlässiges Sprachrohr der Energiewirtschaft: „Wenn wir in Deutschland klimaneutral werden, ändert das überhaupt nichts an diesen Entwicklungen [es geht um Niedrigwasser im Rhein]. Die EU ist für weniger als 7 % der globalen Emissionen verantwortlich – China für 30, die USA für 13 %. Es kommt nicht darauf an, ob Deutschland 2045 oder 2050 klimaneutral wird.“ (KSA, 16.8.2026). Indien und Russland als Großemittenten hat sie vergessen – ansonsten spiegelt das die übliche Gesundbeterei und die Ausflüchte der deutschen Klimazerstörer: Deutschland ist zu klein, um Einfluss zu haben. Die Chinesen sind’s.
Äthiopien hat 122 Mio. Einwohner, also um die Hälfte mehr als Deutschland. Aber die gesamte äthiopische CO2-Jahresemission wird in Deutschland schon am 10. Januar überschritten, in den USA sogar schon am frühen Vormittag des 2. Januar. Es ist der Beitrag des durchschnittlichen Äthiopiers zum Klimawandel, welcher wirklich vernachlässigbar gering ist. Und Äthiopien ist noch nicht das Land mit den geringsten Prokopf-Emissionen.
Wir müssen erkennen, dass es die Menschen in den reichen Ländern sind, die den bisherigen Klimawandel nicht nur geschaffen haben, sondern ihn auch jetzt noch massiv vorantreiben. Und wir müssen noch weiter differenzieren: Wenn wir die Welt hinsichtlich der Emissionen nicht nur aufteilen in Deutsche, Chinesen, Äthiopier usw., sondern auch in reiche und viel sowie in arme und wenig emittierende Deutsche und Chinesen und Äthiopier usw., dann kommen wir zur dritten Grafik.
Hier ist die Weltbevölkerung angeordnet nach ihrer Emissionsintensität und unterteilt in 100 Einprozent-Abschnitten (zu je 77 Millionen). Diese Grafik macht die extreme Ungleichverteilung der klimaschädlichen Emissionen deutlich:
- Die Emissionen der sparsamsten 40 % der Weltbevölkerung – das sind etwa 3 Milliarden Menschen mit zusammen 4,8 % aller weltweiten CO2-Emissionen – sind so niedrig, dass sie in der Grafik kaum zu erkennen sind, kaum über die waagrechte Achse hinaus reichen. Wenn die Emissionen der armen Hälfte der Weltbevölkerung nicht vorhanden wären, dann hätten wir trotzdem praktisch dasselbe Klimazerstörungs-Problem.
- 70 % der Weltbevölkerung liegen unter dem Weltdurchschnitt (mit zusammen 19,4 % aller Emissionen).
- Die folgenden 20 % der Weltbevölkerung liegen in etwa zwischen Durchschnitt und doppeltem Durchschnitt (mit zusammen 30,4 % der Emissionen). Darunter fallen annähernd drei Viertel der Deutschen.
- Die verbleibenden 10 % der Weltbevölkerung kommen auf 50 % aller CO2-Emissionen. Hier befindet sich etwa ein Fünftel der Deutschen. Wenn diese 10 % der Weltbevölkerung nicht vorhanden wären bzw. nicht emittieren würden, dann hätten wir kein akutes Klimaproblem, oder zumindest noch viele Jahrzehnte Zeit, um auf den heutigen tatsächlichen Emissionsstand zu kommen.
Nun brauchen wir nur noch diese Erkenntnis mit der im vorigen Abschnitt zusammen zu fügen und wir sehen:
- Die vielen Armen der Welt werden immer mehr gegen Hitze, Dürre und Überflutung (und Bodenzerstörung usw.) um ihr Überleben kämpfen müssen (und vielfach verlieren): sie sind aber nur zum geringsten Teil die Verursacher des auf sie schon eindreschenden und des auf sie noch zukommenden noch schlimmeren Unheils.
- Die wenigen Reichen der Welt, die dieses Unheil zum allergrößten Teil verursachen: sie leben künftig ebenfalls in einem problematischeren Klima als früher, aber in einem vergleichsweise noch sehr gemäßigten Klima. Sie leben in klimatisierten Häusern, fahren in klimatisierten Autos, haben ihr Vermögen für den Fall eines Unwetters schadensversichert.
10 bis 20 % der Weltbevölkerung zerstören die natürlichen Lebensbedingungen der großen Mehrheit der Weltbevölkerung. Das erinnert an das monströse Verbrechen des Kolonialismus: Ein kleiner reicher Teil der Weltbevölkerung unterjochte, beraubte, zerstörte den Großteil der restlichen Weltbevölkerung. So auch heute – mit dem Unterschied, dass die Täter heute Personen und Konzerne sind, die sich nach den Gesetzen der Marktwirtschaft verhalten, die also „unschuldig sind“. Die Welt wird zerstört und niemand hat Schuld auf sich geladen.
„Die Entwicklungsländer werden schätzungsweise 75 bis 80 Prozent der Kosten des Klimawandels tragen.“ (Der UN-Sonderberichterstatter für extreme Armut und Menschenrechte, 2019)
„Die Wunden, die der Klimawandel der Menschheit zufügt, sind mit denen eines Weltkrieges vergleichbar.“ (Papst Franziskus)
In der Ideologie der Marktwirtschaftler nimmt das Verursacherprinzip eine sehr hohe Stellung ein: Alle Kosten für Schäden und Lasten müssen von der Person getragen werden, die sie verursacht hat. Ein sehr eingängiger Grundsatz, der sich ursprünglich gegen das feudale Luxusleben richtete.
Schön wäre es, wenn er der Realität entsprechen würde. Dann hätten wir in den armen Ländern keine Klimazerstörung. Es geht um die sogenannten „externen Effekte“: das sind im Sprachgebrauch der Ökonomen Schäden, die durch wirtschaftliche Aktionen irgendwo bei Dritten, bei Unbeteiligten entstehen. Schäden, die daher von ihrem Verursacher (dem Nutznießer der wirtschaftlichen Aktion) nicht bezahlt werden, die also vom Verursacher auf diese Dritte abgeladen werden. Typisches Beispiel sind die Emissionen aus der Verbrennung, die die Atemluft und das Klima von Unbeteiligten verschlechtern. (4) Achselzuckend wird meist darüber hinweg gegangen, der Staat wird sich schon kümmern. Oder man überlegt sich schöne Theoriekonstrukte („Preise, die die ökologische Wahrheit sprechen“).
Das Verursacherprinzip mag im Umgang der „Normalmenschen“ untereinander einigermaßen gelten, offenbar aber überhaupt nicht in der großen Wirtschaft, bei den Schadensverursachern Konzerne und Reiche. Einen Grundsatz/Sachverhalt als realitätsgetreu verkaufen, der das nicht im Geringsten ist: das kann man Verlogenheit nennen, bewusste, aktive, propagandistische Verlogenheit. Als ehrlicher Markttheoretiker müsste man feststellen: Wenn die reale Marktwirtschaft dieses Prinzip, das die Theorie als zentrale Eigenschaft der Marktwirtschaft zuschreibt, so grundsätzlich überhaupt nicht realisiert, dann funktioniert die reale Marktwirtschaft zwar irgendwie, aber definitiv nicht so, wie sie von ihren Fans und Liebhabern beschrieben wird.
Der Sachverständigenrat und die KlimazerstörungAber mehr noch: Führende Marktwirtschaft-Professoren haben heute keinerlei Skrupel, Vorteile der Marktwirtschaft zu preisen und gleichzeitig das Verursacherprinzip offen auf den Müllhaufen zu werfen, Verantwortung gegenüber den Ergebnissen marktwirtschaftlicher Tätigkeit offen abzulehnen. (5)
Der Sachverständigenrat für Wirtschaft (SVR) hat im Juli 2019 ein Sondergutachten („Aufbruch zu einer neuen Klimapolitik") verfasst. Diesem Werk entnehme ich Ratschläge für deutsche Wirtschaftspolitiker zum strategisch besten Verhalten bei der weltweiten Bekämpfung der Klimaprobleme.
Die Position des Marktwirtschaftlers ist klar: „In der Klimapolitik muss eine Balance zwischen dem durch sie zu erreichenden Nutzen und den mit ihr verbundenen Kosten gefunden werden." (SVR 2019, S. 22). Also: Man darf nicht mehr Klimaschutz machen, als für die Gesamtwirtschaft noch rentabel ist, wie auch immer hier Rentabilität gemessen wird. Das heißt auch: Solange der Schaden, den wir durch Treibhausgas-Emissionen anrichten, niedriger ist als der Nutzen, den wir davon haben (z.B. Urlaubsreisen), ist es gesamtwirtschaftlich rational und absolut richtig, das Klima zu schädigen und – notfalls – Ausgleich zu zahlen.
Das Ergebnis solcher Berechnungen: Der Wissenschaftler „Nordhaus [er ist eine Autorität für derartige Überlegungen] stellt in einer solchen Kosten-Nutzen-Analyse fest, dass … das optimale Kosten-Nutzen-Verhältnis … sich demnach bei einem Emissionspfad einstellen würde, der bis zum Jahr 2100 zu einer Erderwärmung um 3 Grad führt" (S. 22). Die Klimaschäden durch eine Erwärmung von weniger als 3 °C sind also geringer zu bewerten als die BIP-Zunahme, für die diese Schäden in Kauf zu nehmen sind. Unterhalb von 3 °C so lange weiter zu emittieren, bis die 3 °C erreicht sind, ist also rentabel, grundsätzlich marktwirtschaftlich sinnvoll.
Wir wissen, dass gemeinhin alles über 1,5 °C, jedenfalls über 2 °C, als katastrophal eingeschätzt wird. Für den Markttheoretiker aber ist die Katastrophe der Zerstörung der natürlichen und sozialen Lebensbedingungen offensichtlich ein Problem, mit dem er modellmäßig gut umgehen kann.
Es kommen die Strategen zu Wort: „Entwicklungs- und Schwellenländer werden die ökonomischen Folgen des Klimawandels voraussichtlich überdurchschnittlich stark zu spüren bekommen. Besonders in Afrika …" (S. 23). (6) Eine klimabedingte Einbuße des BIP in den ärmsten Ländern um bis zu 75 % bis 2100 sei denkbar. Dagegen: „Für die Industriestaaten dürften die unmittelbaren ökonomischen Kosten durch die klimatischen Veränderungen … recht gering bleiben" (S. 23, S. 27). Beim angeführten für den Welt-Wohlstand optimalen 3°C-Pfad stehen also hohe BIP-Gewinne in den reichen Ländern durch das klimaschädliche Wachstum (etwas gemindert durch die “recht geringen“ Kosten hierfür) verheerend hohen BIP-Verlusten in den armen Ländern gegenüber.
Und welche Schlüsse ziehen die SVR-Strategen daraus? Durch die viel höhere klimabedingte Verwundbarkeit der anderen Länder haben die EU-Länder und speziell Deutschland (nur 3 von 181 Länder sind laut SVR durch Klimaänderungen weniger verwundbar) eine großartige Verhandlungsposition in internationalen Verhandlungen inne (S. 27). Während Deutschland der Klimawandel vergleichsweise wurscht sein kann, müssten andere Länder, eben die Entwicklungs- und Schwellenländer, besonders in Afrika, ein sehr viel höheres Interesse am Klimaschutz haben. Von diesen Ländern kann man also erwarten, dass sie intensiv Klimaschutz betreiben und sich um einen deutschen Beitrag dazu bemühen – nicht umgekehrt! Daher rät der SVR dringend davon ab, eine „strategisch vermutlich unkluge Vorreiterrolle" (S. 26) anzustreben. Denn Alleingänge (also ein freiwilliges Mehr an Klimaschutz), gerade aus einer eigentlich starken Verhandlungsposition der relativen Unverwundbarkeit heraus, sind ausgesprochen teuer, weil für uns wenig von Nutzen. Gerade wo doch die Afrikaner das stärkste Interesse am Klimaschutz haben und daher Vorbild sein müssten. Auf AfD-Stammtischdeutsch: Sollen doch die Afrikaner Klimaschutz machen, wenn sie meinen, sie haben es nötig, aber wir doch nicht, wir können gut abwarten.
Dieselbe Argumentation vertritt die Partei mit der Kernkompetenz krasser Egoismus, die FDP. In ihrem berüchtigten Wirtschaftswende-Papier, das zum Bruch der Ampelregierung beitrug, schreibt sie: „Es hilft dem Klimaschutz nicht, wenn Deutschland … möglichst schnell und folglich mit vermeidbaren wirtschaftlichen Schäden … versucht, seine Volkswirtschaft klimaneutral aufzustellen." (Das entspricht genau der oben zitierten Aussage des SVR-Mitglieds Grimm.) Eine solche Strategie führe nämlich „lediglich zu einer Reduktion der notwendigen Anstrengungen anderer Staaten" (BMF 2024). Das repräsentiert die mit der größten Selbstverständlichkeit vorgetragene Position, für Klimaschutz und weitere Schadensvermeidung so wenig wie möglich zahlen zu wollen, v.a. wenn irgendwelche anderen den Nutzen haben. Das steht einem primitiven Stammtischgeschwätz in nichts nach, auch wenn es eloquenter formuliert ist.
Schlechte Aussichten für KlimaschutzUm die Zeit der Pariser Klimabeschlüsse 2015 wurde in nationalen und internationalen Organisationen und Diskussionen oft noch gutwillig darum gerungen, wie man den Klimawandel stoppen könnte. Einhellig war der Konsens (das gilt auch bis heute), dass die Verhinderung der Klimazerstörung die Weltgemeinschaft auf Dauer auf alle Fälle billiger kommt als die Zerstörungen.
Aber je weiter der Klimawandel und die Zerstörungen fortschreiten, desto teurer wird die Bekämpfung. Und gleichzeitig verschärfen sich Egoismus und Konkurrenz: Warum soll ich als Person, als Unternehmen, als Politiker, als Staat Aufwendungen tätigen, die angesichts der Größe des Problems nur marginalen Nutzen schaffen und die mir in der Konkurrenz mit anderen Unternehmen, anderen Ländern schlicht schaden, wenn eben diese Anderen nicht entsprechend handeln. Dann bleibt, für die Gutwilligen, noch die Rückzugslinie: Der Klimawandel ist angesichts der vielen Unwilligen so schwierig zu stoppen und umzudrehen, dann lasst uns doch zumindest im Inneren den Schutz vor den Auswirkungen verbessern. In 2026: Maßnahmen gegen die Auswirkungen der Hitze ergreifen.
Das hemmt nun gerade nicht den weiteren Klimawandel, und man verliert ihn sogar eher aus den Augen. Umfragen besagen einerseits, dass bei jungen Menschen die Klimaangst immer stärker um sich greift. Umfragen besagen aber auch, dass der Klimaskeptizismus, die Leugnung des menschenverursachten Klimawandels zunimmt. Und Umfragen kommen auch zum Ergebnis, dass heute (in Deutschland) zwei Drittel der Bevölkerung Umwelt- und Klimaschutz als drittrangig betrachten (weitaus mehr als noch einige Jahre vorher), für den man nicht bereit ist, das Wirtschaftswachstum zu reduzieren (sonnenseite, 27.8.2026). Irgendwie hängt beides wohl zusammen.
Demzufolge häufen sich in der letzten Zeit politische Absagen an den Klimaschutz, etwa das Aus vom Verbrenner-Aus, ein mögliches Verschieben des Kohleausstieges, Behinderung des Ausbaus der Regenerativen, Abschwächung der EU-Zertifikatepolitik, freie Bahn für Fossilheizungen, Rücknahme der Klimaziele z.B. für Bayern, tatenlose Hinnahme einer Stagnation der Emissionen, eine geplante Subventionierung neuer Gaskraftwerke für „Dunkelflaute“-Zeiten von bis zu schwer vorstellbaren 33 Mrd. Euro (sonnenseite, 5.9.2026).
4. Woher kommt diese Verantwortungslosigkeit und was bewirkt sie? Marktwirtschaft = Eigennutz + Unsichtbare HandIch fange mit dem Begründer marktwirtschaftlichen Denkens an, mit Adam Smith, mit dem vielleicht bekanntesten Ökonomen-Zitat: „Es ist nicht die Wohltätigkeit des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers, die uns unser Abendessen erwarten lässt, sondern dass sie nach ihrem eigenen Vorteil trachten.“ Das ist ein Aufruf dazu, im wirtschaftlichen Verkehr rein und ausschließlich nach dem Eigennutz zu verfahren. Die komplette Markttheorie, die all die schönen Eigenschaften der Marktwirtschaft herleitet, setzt das rein eigennützige Handeln der Marktakteure voraus, und zwar als einziges Motiv, seien es einzelne Personen als Nachfrager oder Anbieter, seien es Handwerker, Firmen oder Konzerne, sei es in Dorf und Stadt oder im internationalen Handel. Kooperation, gemeinsame Absprache über die Verteilung der Arbeit und der Mittel, der Grundstoffe, der Maschinen: all das ist absolut verpönt. Stattdessen predigt die Theorie die Verabsolutierung der Konkurrenz, also eines Verhaltens, das den Anderen – sei er (Mit-)Anbieter oder (Mit-)Nachfrager – übertrumpfen will, das einen größtmöglichen Ertrag auf sich selbst konzentrieren will, das also „nach dem eigenen Vorteil trachten“ will, wie Adam Smith formulierte.
Die Ideologie der Marktwirtschaft gibt sich alle Mühe, die Psyche des Menschen rein auf den Eigennutz-Trieb zu reduzieren, sie als einen rein individuellen Optimierungs-Trip zu verstehen. Diese Ideologie gibt sich alle Mühe, jede menschliche Hilfsbereitschaft, Mitmenschlichkeit, Kooperationsfreude, Erkennen der gleichen (Klassen-)Situation wie die KollegInnen, die daraus folgende Solidarität mit anderen als irrelevant und sogar wirtschaftlich schädlich hinzustellen, als allerhöchstens außerhalb der Wirtschaft – in der Familie, beim Almosengeben, vielleicht im privaten Freundeskreis, in der Ausübung von Religion – als denkbare, nachvollziehbare Handlung zu belassen. Empathie und Solidarität sind überflüssig und schädlich. Diese Ideologie fördert bedingungslos einen Sozialdarwinismus in der Gesellschaft.
„Der Kapitalismus basiert auf der merkwürdigen Überzeugung, dass widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das allgemeine Wohl sorgen werden.“ (John M. Keynes)
Aber braucht man denn nicht zur Optimierung auch des gesamtgesellschaftlichen Ergebnisses eine Kooperation, mindestens eine Verständigung der in der Wirtschaft Tätigen, z.B. auf Produktions- und Verteilungsziele? Nein, sagt die abstrakte Theorie, das optimale Gesamtergebnis wird durch das ominöse Marktwirken erreicht, durch den freien, ungehemmten Markt – wie auch immer der Markt das konkret veranstaltet. Adam Smith sprach von der Unsichtbaren Hand, eine geniale Erfindung, ein Bild, das auch heute das Marktwirken veranschaulichen soll. Erklärt und bewiesen wird dieses ominöse Marktwirken nur durch extrem abstrakte, von der Realität vollkommen abgehobene mathematische Gleichungssysteme über das Marktverhalten von Anbietern und Nachfragern. Jeder darf sich vorstellen, wie es aussieht, wenn das „Marktwirken“ oder die „Unsichtbare Hand“ die Konvergenz von Gleichungssystemen konkretisiert. Ein kollektiver Wille, also ein Staat, hat in der Wirtschaft jedenfalls prinzipiell nichts verloren.
Jedenfalls, und das ist der große, zentrale, wichtige Punkt: Wenn man an das gute Marktwirken glaubt, dann hat man das moralische Recht und sogar die Pflicht, im Bereich der Wirtschaft rein eigennützig und rücksichtslos zu handeln. Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist dann nur noch, die Wege der Wirtschaft nach draußen in andere Länder zu öffnen, schädliche Einflüsse von außen frühestmöglich abzuwehren, eventuelle verbleibende Marktprobleme zu bereinigen.
Konkurrenz, Überforderung, Zerstörung der menschlichen Psyche„Es gilt, unsere Gegner zu zermalmen und alle Menschen zu besiegen, die uns im Weg stehen.“ (R. Fuld, Chef von Lehman Brothers)
Die Menschen unter Druck zu setzen, um auch das Letzte von ihnen heraus zu holen, ist einzelwirtschaftlich ein probates Mittel, aber gesellschaftlich nicht kostenlos zu haben. Nicht alle sind begeistert von Konkurrenz und Leistungsdruck. Die Menschen bekommen es offensichtlich immer massiver zu spüren, dass sie in einer kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft letztlich – genauso wie Maschinen, Geräte, Rohstoffe – als Objekte instrumentalisiert werden: genutzt und ausgenutzt werden zur höheren Performance des Konzerns. Parallel dazu steigt der Druck zur Selbstoptimierung. Die social media haben hier einen riesigen Einfluss. Eine nachhaltige Gesellschaft ist es ganz gewiss nicht, die sich aus so einem zunehmenden Druck entwickelt. Die Menschen halten das nicht gut aus, jedenfalls nicht alle. Allenthalben wird immer mehr geklagt über zunehmende psychische Probleme:
- Die Zahl von Arbeitsunfähigkeitstagen aufgrund von Burn-out-Erkrankungen in Deutschland stieg von 8,1 je 1000 AOK-Mitglieder in 2004 auf 100 in 2014 und weiter auf 174 in 2023 (verdi, 13.3.2026).
- „Mehr als die Hälfte der Deutschen fühlt sich erschöpft, ausgelaugt, groggy“ (SZ, 6.12. 025).
- „Jeder vierte Münchner ist psychisch krank“ (SZ, 18.3.2024).
- „Wie aus Pflegekräften Süchtige werden. Im Krankenhaus versuchen manche, den Stress zu betäuben“ (SZ, 16.4.2026).
- „Wir haben mehr Depressionen, mehr Ängste, mehr Traurigkeit, mehr Hoffnungslosigkeit“ (SZ, 20.1.2026).
- „Junge Menschen blicken immer pessimistischer in ihre Zukunft und die ihrer Kinder“ (SZ, 25.6.2026).
- „Junge Menschen fühlen sich so einsam wie noch nie“ (SZ, 30.3.2026).
- „Die Zahl junger Menschen mit psychischen Erkrankungen steigt weiter an. Knapp ein Viertel aller Kinder und Jugendlichen hierzulande leidet an psychischen Auffälligkeiten“ (SZ, 17.5.2025). Also schon die Kinder. Ja, warum auch nicht? Frühzeitig müssen die Kinder lernen, dass das Leben kein Honigschlecken ist!
- „Immer mehr Jugendliche ritzen sich“ (SZ, 17.4.2026).
- „Deutlich mehr Sprachstörungen bei Vorschulkindern“ (MM, 4.9.2026).
- „Missbrauch und Gewalt gab es früher auch schon, aber die Themen psychiatrischer Erkrankung, Depression, Ängste, selbstverletzendes Verhalten haben eine ganz andere Dimension angenommen. Sie kommen häufiger vor und die Symptome der Betroffenen sind meist heftiger“ (SZ, 15.5.2026).
- Vorbild USA? „Die Opioidkrise ist längst nicht vorbei“ (SZ, 29.4.2026). Bei einer viermal so großen Bevölkerung wie in Deutschland sterben in den USA rund 50-mal so viele Menschen den Drogentod wie in Deutschland. Seit 2000 sind in den USA – schwer vorstellbar – 1,3 Millionen Menschen den Drogentod gestorben – so viele wie in einem großen Krieg. Was ist das für eine Gesellschaft, die so schwer auszuhalten ist, dass jährlich Zigtausende lieber den Drogentod riskieren.
- „Noch nie wurde so viel Kokain hergestellt und konsumiert. Über ein Geschäft, das ganze Gesellschaften destabilisiert“ (SZ, 12.2.2026).
Befreit vom Gedanken der Solidarität gewinnt die Ökonomisierung des sozialen Umgangs miteinander Raum: Das Renditedenken durchdringt die Gesellschaft, Menschen bewerten andere Menschen immer mehr danach, wie nützlich und verwertbar sie sind bzw. der Umgang mit ihnen ist. Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer spricht von der durchrohten Gesellschaft (Spiegel 28/2025): Die Bindung an soziale Normen wird umso schwächer, je dominanter die kapitalistische Ökonomie alle Lebensbereiche bestimmt, je zwingender das individuelle Konkurrenzverhalten alle Lebensbereiche durchdringt. Auch hier: Das Sein bestimmt das Bewusstsein: Der Verlust des solidarischen Zusammengehörigkeitsgefühls fördert rechtes Denken, rechte Positionierungen. In allen möglichen Ländern nehmen faschistische, menschenfeindliche Haltungen rapide zu – oft, allzu oft begründet durch zunehmende Konkurrenzangst. Subjektiv bricht für viele Menschen die alte „geordnete“ Welt zusammen, und man sieht sich alleine schwer erklärlichen und sehr bedrängenden Änderungen gegenüberstehen.
Und in völliger Ignoranz, ja, in Verhöhnung dieser zerstörerischen Auswirkungen und Probleme forderten die zentralen Denker einer absolut neoliberalistischen Ausprägung des Kapitalismus, nämlich August von Hayek und Milton Friedman, die absolute Vorfahrt unternehmerischer Konkurrenzfreiheit gegen Sozialpolitik, auch gegen Demokratie. Hayek: „Der vorherrschende Glaube an 'soziale Gerechtigkeit' ist gegenwärtig wahrscheinlich die schwerste Bedrohung der meisten anderen Werte einer freien Zivilisation” (Hayek-Gesellschaft). Die Idee der sozialen Gerechtigkeit betrachtet er ausdrücklich als ebenso dummen Aberglauben wie die mittelalterliche Hexenangst. Und Milton Friedman, sein Nachfolger an der Universität Chicago (7): „Die Doktrin der sozialen Verantwortung” sei „eine fundamental subversive Doktrin”. Es gebe „nur eine einzige soziale Verantwortung: … die Profite erhöhen” (Ötsch 2009, S. 296).
Elon Musk ist der aktuelle Hauptpropagandist für den Abbau staatlicher Sozialpolitik, der Kettensägemann Milei ist dessen vulgärer Praktiker.
ZeitenwendeEs gibt heute eine weitaus dringlichere Aufgabe, als sich um das Wohlergehen der Menschen zu kümmern und die Zerstörung der Natur zu verhindern. Es ist die Bekämpfung der Autoritären, womit konkret gemeint ist: die Vorbereitung auf den großen Krieg gegen Russland (später dann vielleicht auch gegen China).
Wann kommt der Russe? Eine alte Angstmache aus den 1960er Jahren wird wieder hervorgeholt. Die Presse ist voll mit Spekulationen, wann Russland den Westen angreift. Es werden laufend Meldungen von Generälen, von Rüstungsunternehmen, von Politikern, von Verteidigungsministern (die in den USA schon offiziell auf Kriegsminister umbenannt wurden), von Militärfreunden und -experten lanciert, dass die Russen in drei Jahren, 2029, Krieg gegen den Westen beginnen. Auch wenn Russland in den vergangenen Jahren, als es in der Ukraine noch gut für Russland lief, rund ein Vierteljahr brauchte, um die Fläche eines durchschnittlichen deutschen Landkreises zu erobern: der Durchmarsch von Litauen nach Lissabon steht bevor. Auch wenn dieselben Hiobsbotschafter propagieren, dass die Ukraine heute alleine schon den gegenwärtigen Krieg gegen Russland gewinnen wird und muss – einen auch nur leichten Widerspruch zur aufgebauten obigen Drohkulisse empfindet da offensichtlich niemand.
Man muss nicht im Geringsten ein Anhänger des Kriegsverbrechers Putin sein, um zu befürchten, dass hinter dem unbedingten Willen zur Hochrüstung des Westens, zum weiteren Ausbau der eh schon enormen militärischen Überlegenheit, eine politische Strategie steht: dass der Westen die gerade günstige Gelegenheit nutzen will, den Konkurrenten Putin durch Totrüsten, wirtschaftliche Pressionen und auch durch den Abnutzungskrieg endlich klein zu kriegen – eine brandgefährliche Strategie, die uns dem Krieg näher bringt.
„Der Zwang zum ewigen Wettrüsten verwüstet die Seele.“ (Papst Franziskus)
Vor 50 Jahren war es ein Kennzeichen der SPD, dass sie den Begriff „Entspannung“ prägte: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts – das war mal die SPD. Die Konsequenz dieses Denkens waren bedeutende – und auch erfolgreiche! – Anstrengungen für Gesprächskontakte, Rüstungskontrolle, Abrüstung. Diese Begriffe und v.a. die Inhalte von Entspannung und Abrüstung wären in der heutigen Politik absolute Fremdkörper. Alle Anstrengungen müssen auf die Rüstungsmaximierung gerichtet werden, so die SPD-Leitlinie heute:
- Verteidigungsminister Pistorius (SPD): „Mit Sozialleistungen und mit Bildung lässt sich dieses Land nicht verteidigen“ (Die Zeit, 21.5.2025).
- Finanzminister Klingbeil (SPD): „Mit der schwarzen Null können wir uns nicht gegen Putin verteidigen“ (SZ 8.7.2026). (8)
Der neoliberale Ökonom wird Politökonom:
„Kanonen und Butter – es wäre schön, wenn das ginge. Aber das ist Schlaraffenland, das geht nicht.“ (C. Fuest, Chef des ifo-Instituts München)
Der neokeynesianische Ökonom fordert Hochrüstung für den Wirtschaftsaufschwung:
„Aufrüsten für den Wohlstand. Der Staat sollte … mit Ausgaben für Rüstung das Wachstum ankurbeln.“ (M. Schularick, Chef des IfW Kiel)
Wird aus Hochrüstung Krieg? Herrschende ohne Angst vor dem Krieg, die nicht als Feiglinge dastehen wollen: in einer solchen Lage ist m.E. wirklich Angst angesagt. Bundeskanzler Merz: „In Teilen unserer Bevölkerung gibt es eine tiefsitzende Kriegsangst. Ich teile sie nicht“ (SZ, 28.6.2025). Und Macron: „In Europa rücke ein Moment näher, ‘in dem es angebracht sein wird, kein Feigling zu sein‘, sagte er“, also Macron (SZ, 6.3.2024).
Der Nato-Chef Rutte: “Wir werden bereits jetzt angegriffen“ von den Russen. „Wir müssen uns auf Krieg in einem Ausmaß vorbereiten, wie es unsere Großeltern und Urgroßeltern erlitten haben“ (SZ, 31.12.2025). Damit kann er nichts anderes als den totalen Atomkrieg gemeint haben. Man möchte meinen, das wäre eine total aufrüttelnde Meldung, aber nein: Keine Empörung, kein Alarm in den Medien, in der öffentlichen Diskussion. Bürgergeldbetrüger sind die wirklichen Aufreger.
„Wir befinden uns derzeit in einer der gefährlichsten Zeiten der Menschheitsgeschichte.“ (D. Smith, Direktor des SIPRI)
Um den Bogen zum Klima zu vollenden: Schon nachvollziehbar, dass man über Klimafragen nicht mehr groß nachdenken will, wenn der große Krieg gleich vor der Tür steht. Tapfere Kriegsherren sind jetzt gefragt. Da müssen wir uns über Klima, Artensterben, Bodendegradierung, Rohstoffraubbau, Wasserknappheit nicht mehr den Kopf zerbrechen. Vielleicht wieder nach dem Atomkrieg. Schöne Aussichten!
Fazit: Wir haben es zu tun mit einem extrem zynischen, verantwortungslosen, unglaublich verlogenen Wirtschaftssystem, das mit einem ungeheuer rasanten Tempo sowohl die natürlichen Lebensgrundlagen wie auch die Psyche der Menschen zerstört. Es steht völlig konträr zu den Notwendigkeiten einer lebenswerten Zukunft. Ohne ein grundlegend anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem gehen wir einer düsteren Zukunft entgegen.
Persönliche Nachbemerkung: Ich wäre sehr froh, wenn alle diese meine Ausführungen vollständig zu 100 % widerlegt werden könnten.
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Fußnoten
(1) Mit der Einwohnerzahl gewichteter Durchschnitt von Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart, Leipzig, Bremen, Dresden.
(2) Das RKI ist die zentrale Behörde für Krankheitsüberwachung und -prävention.
(3) Frankfurt 6mal; Düsseldorf, Stuttgart 3mal; München 0mal; die anderen einmal bis zweimal.
(4) Neben den Klimagasen sind auch die Schäden durch andere Schadgase wie Stockstoffoxide, durch Wasserverschmutzung, Lärm, unbehandelte industrielle Giftabfälle Beispiele von externen Effekten.
(5) Bei den (meisten) Konzernen ist es eh klar, dass das Verantwortungsbewusstsein sich allein auf die Profite bezieht.
(6) Auch der SVR wird wissen, dass diese Probleme in den ärmsten Ländern nicht dort hausgemacht sind, sondern zum allergrößten Anteil im Emissionsverhalten hierzulande und in den anderen reichen Ländern begründet sind.
(7) Friedman war Kopf der berüchtigten Chicago-Boys, eine Ökonomengruppe, die den Pinochet-Putsch in Chile 1973 begrüßte, weil er eine Bewegung für den Kommunismus durch eine Bewegung für freie Märkte ersetzte (Ötsch 2009, S. 51).
(8) Das ist natürlich falsch: Finanziert wird die Rüstung (200 Mrd. Euro jährlich werden angestrebt) durch Kredite, die die Reichen, die Finanzfonds, die Konzerne geben – erwirtschaftete Überschüsse und anlagesuchendes Kapital. Man könnte alternativ diese Gebenden im selben Ausmaß besteuern mit dem Ergebnis, dass man dann eben keine Schulden hat.
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Quellen
BMF – Bundesministerium für Finanzen: Wirtschaftswende Deutschland – Konzept für Wachstum und Generationengerechtigkeit, 2024, https://www.fdp.de/sites/default/files/2024-11/wirtschaftswende-deutschland.pdf
Die Zeit: "Mit Sozialleistungen lässt sich dieses Land nicht verteidigen", 21.5.2025
DWD – Deutscher Wetterdienst: Klimadaten Deutschland, https://www.dwd.de/DE/leistungen/klimadatendeutschland/klimadatendeutschland.html
Garnreiter Franz: Hochrüstung oder Solidarische Hilfe für die Welt? Was der SPD heute wichtig ist, 8.5.2026, https://www.isw-muenchen.de/online-publikationen/texte-artikel/5419-hochruestung-oder-solidarische-hilfe-fuer-die-welt
IPCC: Synthesis Report of the IPCC Sixth Assessment Report (AR6), Summary for Policymakers, 2023, https://report.ipcc.ch/ar6syr/pdf/IPCC_AR6_SYR_SPM.pdf
KSA – Kölner Stadtanzeiger: “Wenn wir in Deutschland klimaneutral werden, ändert das nichts“, Interview mit Veronika Grimm, 16.8.2026
Lenton Timothy u.a.: Quantifying the human cost of global warming, in: Nature Sustainability, Mai 2023, https://www.nature.com/articles/s41893-023-01132-6
MM – Münchner Merkur: Deutlich mehr Sprachstörungen bei Vorschulkindern, 4.9.2026
Ötsch Walter: Mythos Markt. Marktradikale Propaganda und ökonomische Theorie, Metropolis-Verlag 2009
Oxfam: Climate Equality. A Planet for the 99 %, November 2023, https://policy-practice.oxfam.org/resources/climate-equality-a-planet-for-the-99-621551/
sonnenseite: Wirtschaftslage ist wichtiger als Klimawandel, 27.8.2026, https://www.sonnenseite.com/de/wirtschaft/wirtschaftslage-ist-wichtiger-als-klimawandel/
sonnenseite: Neue Gaskraftwerke: Die Rechnung kommt mit der Klimakrise, 5.9.2026, https://www.sonnenseite.com/de/politik/neue-gaskraftwerke-die-rechnung-kommt-mit-der-klimakrise/
SVR – Sachverständigenrat Wirtschaft: Aufbruch zu einer neuen Klimapolitik. Sondergutachten, 2019, https://www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de/fileadmin/dateiablage/gutachten/sg2019/sg_2019.pdf
SZ – Süddeutsche Zeitung: Lebensfeindliche Hitze, 23.5.2023
SZ: Macron: Kein Feigling sein, 6.3.2024
SZ: Jeder vierte Münchner ist psychisch krank, 18.3.2024
SZ: Seelisches Long Covid bei Kindern und Jugendlichen, 17.5.2025
SZ: „Wir haben persönlich einen guten Draht zueinander gefunden“, 28.6.2025
SZ: Mehr als die Hälfte der Deutschen fühlt sich erschöpft, ausgelaugt, groggy, 6.12.2025
SZ: Sucht Putin 2026 die Eskalation?, 31.12.2025
SZ: „Wir haben mehr Depressionen, mehr Ängste, mehr Traurigkeit“, 20.1.2026
SZ: Dieser Krieg ist verloren, 12.2.2026
SZ: Junge Menschen fühlen sich so einsam wie nie, 30.3.2026
SZ: Wie aus Pflegekräften Süchtige werden, 16.4.2026
SZ: Immer mehr Jugendliche ritzen sich, 17.4.2026
SZ: Die Opioidkrise ist längst nicht vorbei, 29.4 2026
SZ: „Die Fälle sind heute krasser“, 15.5.2026
SZ: Getrübte Aussichten, 25.6.2026
SZ: „Mit der schwarzen Null können wir uns nicht gegen Putin verteidigen“, 8.7.2026
SZ: Mehr Hitzetote in Deutschland als bislang angenommen, 7.8.2026
SZ: Wie weiterleben mit der Hitze, 14.8.2026
verdi: stabilbleiben-sozialgestalten, 13.3.2026, https://www.verdi.de/stabilbleiben-sozialgestalten/startseite
WID – World Inequality Database, https://wid.world/world/#sptinc_p90p100_z/US;FR;DE;CN;ZA;GB;WO/last/eu/k/p/yearly/s/false/24.722500000000004/80/curve/false/country
WIL – World Inequality Lab: Climate Inequality Report 2023, https://wid.world/wp-content/uploads/2023/01/CBV2023-ClimateInequalityReport-3.pdf
WIL: Climate Inequality Report 2025, https://wid.world/www-site/uploads/2025/10/Climate_Inequality_Report_2025_Final.pdf
Berlin – Stadt des Krieges?
Prof. Mearsheimer: Warum die Ukraine verloren ist
In diesem Video stellt der weltbekannte Politikwissenschaftler und Experte für internationale Beziehungen Prof. John Mearsheimer die verbreitete westliche Darstellung des Ukraine-Krieges grundlegend infrage. Während Berichte über hohe russische Verluste, erfolgreiche ukrainische Drohnenangriffe und langsame russische Geländegewinne den Eindruck vermitteln, Moskau gerate zunehmend unter Druck, kommt Mearsheimer zu einer völlig anderen Einschätzung. Warum bewertet er die […]
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30 Jahre Atomwaffen-Teststoppvertrag: Die atomare Gefahr bannen!
AUSDRUCK (September 2026)
Israel in existenzieller Krise – Iran geht in die Offensive
In diesem Video berichtet der Menschenrechtsanwalt und Journalist Dimitri Lascaris über eine sich zuspitzende Wasserkrise in Israel, nachdem zeitweise fast alle Meerwasserentsalzungsanlagen des Landes stillgelegt werden mussten. Welche Rolle spielen dabei die Folgen der Zerstörung der Wasser- und Abwasserinfrastruktur im Gazastreifen – und warum könnte diese Entwicklung für Israel weitreichender sein, als bislang öffentlich eingeräumt […]
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Rezensionen: Kriegstüchtig an allen Fronten
Warum der Streit um E-Autos ein Verteilungskampf ist
Eine Studie spricht für die E-Mobilität – eine voreilige Fehlinterpretation eines Ministerpräsidenten hält dagegen
Politische Deutungshoheit vor ErkenntnisEin Ministerpräsident kommentierte meinungsbeeinflussend eine wissenschaftliche Studie der Technischen Universität München, die zu diesem Zeitpunkt noch niemand gesehen hatte: Markus Söder miss-interpretiert das vermeintliche Ergebnis eines Whitepapers des Forschungsverbunds CirculaTUM (TU München) als Munition gegen das E-Auto und für ein „klares Aus“ des geplanten EU-weiten Verbrenner-Aus Ende 2035 (1)
Der Hauptautor der Studie, TU-Professor Johannes Fottner weist die Aussagen von Markus Söder öffentlich zurück, nachdem die politisch motivierte Forderung von Söder nach einem Ende des Verbrenner-Aus aus der aktuellen Studie nicht hervorgehe.
Die Kernaussage lautet: „Um die gesetzten Klimaziele zu erreichen […] müssen alle bereits identifizierten und noch zu identifizierenden Potenziale zu mehr Nachhaltigkeit über den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs gehoben werden, nicht nur während der Betriebsphase“. (2)
Weniger als Klimapolitiker denn als Lobbyist der bayerischen Autokonzerne hält Markus Söder dagegen: Mit dem Verweis auf "unsere Automobilhersteller" verteidigt er letztlich BMW & Co. und deren Profite mit Verbrenner-Motoren, nicht die Mobilitäts-Bedarfe der Bürger oder das Klima. Dass er selbst 2007 noch ein Verbrenner-Verbot forderte, zeigt: Hier spricht der Kapital-Fraktions- und Standort-Lobbyist, nicht der Überzeugungstäter.
Was die Studie tatsächlich zeigtBatterieelektrische Autos verursachen im EU-Schnitt rund 121 Gramm CO₂-Äquivalent pro Kilometer bzw. rund 25 Tonnen über den gesamten Lebenszyklus – im Mittel 41 Prozent weniger als vergleichbare Benziner; in 92 Prozent der untersuchten Szenarien schneidet das E-Auto besser ab. (3)
Der physikalische Grund: Der direkte Stromweg zum Rad nutzt rund 75 Prozent der eingesetzten Energie, ein Umweg z.B. über synthetische E-Fuels nur rund 14 Prozent. Der europäische Strommix ist 2024 zudem auf rund 183 Gramm CO₂-Äquivalent je Kilowattstunde gefallen – 62 Prozent weniger als 1990 –, wodurch jedes bereits zugelassene E-Auto automatisch als klimafreundlicher einzuordnen ist, ohne dass am Fahrzeug technisch etwas verändert wird. Größte Emissionsquelle der Herstellung ist mit rund 54 Prozent die Batterieproduktion, deren Rohstoffketten – Lithium, Kobalt, Graphit – mit die am meisten nachgefragten Rohstoffe weltweit.
Kritisch sei aber angemerkt, so wie Franz Garnreiter formuliert, dass grünes Wachstum „nur die Probleme vom Emissionsübermaß auf eine Erschöpfung der nicht energetischen Rohstoffe der Erde“ verlagert, (4) so dass die Automobilität, auch e-Automobilität, grundsätzlich ökologisch verträglicher Alternativen bedarf, sprich öffentlicher Nahverkehr, was weiter unten im Text kurz thematisiert wird, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
Bei der vorliegenden TU-Studie ist die Besetzung des Autorenteams bezeichnend, das bewusst aus Lieferketten-, Nachhaltigkeits- und Regulierungsexperten bestand statt aus Fahrzeugtechnik-Professoren wie Markus Lienkamp, der aber das Elektroauto ebenfalls als „die einzige langfristige Lösung zur Minderung der CO₂-Emissionen“ (5) bezeichnet.
Eigentumsfrage statt KlimafrageVerhandelt wird dennoch im Kern nicht die Klimafrage, sondern eine Eigentumsfrage. Ökonomisch betrachtet geht es um einen neuen Akkumulationszyklus – die Phase, in der Kapital aus Gründen der zwanghaften Mehrung in neue Anlagen investieren muss, um künftigen Profit abzuwerfen. Deutsche Automobilbauer und Zulieferer haben ihr Kapital über ein Jahrhundert in den Verbrennungsmotor gesteckt; jede beschleunigte Elektrifizierung reduziert die Rendite- Erwartung der Verbrenner-Produktion, während die chinesische Ausrichtung der Automobilität längst auf die Optimierung der Batterie-Wertschöpfungskette setzt.
Die seitens der Automobil-Konzerne immer wieder ins Spiel gebrachte "Technologieoffenheit" ist dabei keine neutrale Position, sondern der Versuch einer Kapitalfraktion, Zeit zu erwirken – um im internationalen Wettstreit um Automobil-Absatzmärkte die Verluste beim Verbrenner-Verkauf aufzuholen, abzufedern. bzw. zu ersetzen.
Die Rechnung zahlen die BeschäftigtenWährend in den Medien substanziell oder feuilletonistisch über CO₂-Bilanzen berichtet wird, vollzieht sich in den Werkshallen der Auto-Hersteller der reale Anpassungsprozess. Am 4. September 2026 billigte der VW-Aufsichtsrat einstimmig ein Sanierungskonzept, das die Streichung von insgesamt rund 100.000 Stellen bis 2030 vorsieht – 50.000 zusätzlich zu den bereits 2024 vereinbarten 50.000 –, um die operative Umsatzrendite von aktuell 3,8 auf 9 Prozent zu heben. Die Jahresproduktion soll auf 9 Millionen Fahrzeuge sinken; 135 Milliarden Euro sind für 2027 bis 2031 eingeplant. Die Werke Emden, Zwickau, Hannover und das Audi-Werk Neckarsulm haben ab 2031 keine gesicherte Folgebelegung – geprüft werden „alternative Verwendungsmöglichkeiten“, darunter als Alternative eine Rüstungsproduktion. (6)
Bei BMW erhalten ab Oktober 2026 rund 40.000 der Beschäftigten ein Abfindungsangebot – de facto die Aufforderung, sich selbst aus dem Unternehmen zu „entsorgen“. Betroffen sind vor allem Verwaltung, Management und Entwicklung in München, Dingolfing, Regensburg und Leipzig; tatsächlich abgebaut werden sollen weltweit rund 8.000 Stellen bis Ende 2027 mit einem dreistelligen Millionenbetrag.
Mercedes-Benz bewegte parallel rund 5.500 Beschäftigte per Abfindung zum Gehen, 90.000 der rund 108.000 Beschäftigten in Deutschland sind vom Sparkurs betroffen – während der Konzern 2025 rund 3,3 Milliarden Euro an Dividenden und 2 Milliarden für Aktienrückkäufe auszahlte. Bei Stellantis/Opel sollen in Rüsselsheim 650 von 1.650 Ingenieursstellen wegfallen, von einst 14.000 Beschäftigten am Stammsitz sind nur noch rund 7.000 übrig.
Allein 2025 gingen in der deutschen Autobranche fast 50.000 Arbeitsplätze verloren, seit 2019 sind es 111.000 – der VDA rechnet bis 2035 mit kumuliert 225.000 verlorenen Stellen (EY, VDA, 2026). Das Muster wiederholt sich europaweit, von Stellantis in Turin bis Ford in Valencia: die klassische Antwort auf eine Überproduktionskrise. (7)
Keine Entwarnung fürs E-Auto als Ware – deshalb VerkehrswendeMobilität ist ein menschliches Grundbedürfnis: Ohne sie keine Teilhabe an Arbeit, Bildung oder sozialen Beziehungen. Unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen wird dieses Bedürfnis jedoch nicht als öffentliche Aufgabe geplant, sondern in die Warenform gepresst – Mobilität als privates Kaufgut statt Infrastruktur der Daseinsvorsorge. Der Antriebswechsel ändert an dieser Form nichts: Er tauscht den Motor, nicht die Logik der kapitalistischen Produktionsweise.
Beleg dafür liefert eine Studie der Rosa Luxemburg-Stiftung: Die Motorisierung wuchs in zwei Jahrzehnten von 107 auf 158 PS "aus Profitgründen", nicht aus Bedürfnis (8) Die Alternative liegt dieser Einschätzung nach nicht in einem grüneren Auto, sondern jenseits des Autos als Ware: eine Verkehrswende, die individuellen Besitz durch öffentliche Daseinsvorsorge ersetzt – weniger Autoverkehr in den Städten, dafür ein umfassender Ausbau von Schiene, Bus und Bahn im Nah- und Fernverkehr. (9) Wie konkret das aussehen kann, zeigt der Streit ums VW-Werk Osnabrück, das ab 2027 keine Fahrzeuge mehr bauen soll. Dort steht buchstäblich die Frage „Panzer oder Kleinbus?“ im Raum. (10) Der Konzernbetriebsrat lehnt bis jetzt Rüstungsproduktion ab, die Oberbürgermeisterin plädiert für „zivile Produktion“. (11) Die Alternative bleibt konsequent zivil und öffentlich: Kleinbusse, Bedarfsverkehr, Schienenfahrzeuge, E-Busse, Straßenbahnen und E-Bikes, getragen von einem Kommunalverbund aus Hannover, Bremen und Hamburg. (12)
Aufgabe eines Ministerpräsidenten wäre die Interessenvertretung aller Landesbewohner, nicht nur der Profite der ansässigen Autokonzerne. Statt Millionen Blechkisten auf Kosten von Klima und Lebensqualität zu verteidigen, wäre ein Landes-Vater gut beraten, endlich für Bus, Bahn und Rad zu kämpfen statt für die Bilanzen von Großkonzernen.
Abschließende BemerkungDie Auseinandersetzung um die TUM-Studie ist ein Lehrstück über Klasseninteressen, nicht über Klimaphysik: VW-Aufsichtsrat und BMW-Vorstand verkaufen ihre Sanierungskonzepte zur Absicherung der Profitinteressen als alternativlos, während die Beschäftigten auch zukünftig die Kosten tragen werden. Solange Produktionsentscheidungen dem Profit einzelner Konzerne unterworfen bleiben, läuft jede „Wachstumsagenda“ aufs Gleiche hinaus – es sei denn, Eigentums- und Produktionsfrage werden zum Gegenstand politischer Auseinandersetzung.
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(1) Christina Kunkel: TU-München-Studie zu E-Auto-Emissionszielen, Süddeutsche Zeitung, 2. September 2026. https://www.sueddeutsche.de/wissen/tu-muenchen-studie-e-auto-emissionsziele-verbrennerverbot-li.3540494
(3) CirculaTUM (Technische Universität München): „Defossilization, Not Decarbonization“, Whitepaper, 2026. https://mediatum.ub.tum.de/doc/1861151/1861151.pdf
(4) Franz Garnreiter: System Change oder Klimakollaps. Über die Verantwortungslosigkeit kapitalistischer Gesellschaften, oekom Verlag, 2026
(5) Gabriel Wessel: Artikel zur TUM-Studie und zu Markus Lienkamp, CHIP.de. https://www.chip.de/news/auto-fahrrad/
(6) https://www.kommunisten.de/rubriken/kapital-a-arbeit/9429-vom-volkswagen-zur-ruestungsproduktion
(8) Stephan Krull: „Land mit Links“, Nr. 4: Umbau der Autoindustrie, Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen.https://nds.rosalux.de/fileadmin/ls_ni/dokumente/publikationen/Land_mit_Links_4_Umbau_der
Autoindustrie.pdf
(9) IPCC: Climate Change 2022 – Mitigation of Climate Change, AR6 Working Group III, Chapter 10: Transport. https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg3/chapter/chapter-10/
(10) Stephan Krull: VW-Werk Osnabrück vor der Entscheidung: Panzer oder Kleinbus?, stephankrull.info, 10. August 2025. https://stephankrull.info/2025/08/10/vw-werk-osnabrueck-vor-der-entscheidung-panzer-oder-kleinbus/
(11) Rosa-Luxemburg-Stiftung: Veranstaltung „Busse statt Porsche und Panzer“, rosalux.de. https://www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/HSSWK/busse-statt-porsche-und-panzer?cHash=38cfd9d1f064c2a10a500838d7d63fcc
(12) Stephan Krull: VW-Werk Osnabrück vor der Entscheidung: Panzer oder Kleinbus?, stephankrull.info, 10. August 2025. https://stephankrull.info/2025/08/10/vw-werk-osnabrueck-vor-der-entscheidung-panzer-oder-kleinbus/
Druckfrisch: "Kriegstüchtig an allen Fronten"
Prof. Jeffrey Sachs: Washington zerstört seine eigene Macht
Dieser Podcast basiert auf einem aktuellen Artikel des hochrangigen UN-Beraters und weltbekannten Ökonomen Prof. Jeffrey Sachs sowie der Nahost- und Afrika-Expertin Sybil Fares. Im Mittelpunkt steht Washingtons Versuch, den Iran mit den nach eigenen Angaben „härtesten Sanktionen der Geschichte“ wirtschaftlich zu isolieren – nachdem monatelange Bombardierungen und eine Seeblockade den erhofften Erfolg nicht gebracht haben. […]
Der Beitrag Prof. Jeffrey Sachs: Washington zerstört seine eigene Macht erschien zuerst auf acTVism.



