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Updated: 3 hours 57 min ago

Lieber Erdbeben als russisches Gas

Fri, 04/02/2022 - 22:09

Teurer denn je

Präzise Angaben dazu, wie die hohen Erdgaspreise im vergangenen Jahr die Energiekosten in Deutschland haben ansteigen lassen, hat kürzlich der Energieexperte Hans-Wilhelm Schiffer vorgelegt, der dem Studies Committee des World Energy Council in London angehört und für die Organisation auch in Deutschland tätig ist. Demnach schnellten die Energiekosten von Januar bis November 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 55 Prozent in die Höhe und erreichten einen Betrag von 58,7 Milliarden Euro.[1] Darin sind die Ausgaben für den Monat Dezember, in dem die Preise erneut deutlich anstiegen, noch nicht enthalten. Dass die Zunahme im Wesentlichen auf die Entwicklung der Erdgaspreise zurückgeht, zeigt die Tatsache, dass für die Nettoimporte von Erdgas in den ersten elf Monaten 2021 rund 23,1 Milliarden Euro gezahlt werden mussten – doppelt so viel wie im Vorjahreszeitraum. Wegen des Energiekostenanstiegs sieht sich die Bundesregierung veranlasst, Geringverdienenden einen Heizkostenzuschuss zu zahlen.[2] Der Schritt wird als unzureichend kritisiert.

So knapp wie nie zuvor

Zusätzlich zum Preisanstieg wird das Erdgas mittlerweile knapp. So sind die Speicherstände bereits Ende Januar unter die kritische Marke von 40 Prozent gefallen; damit liegen sie tiefer denn je zu dieser Jahreszeit. 40 Prozent sind laut einem Gutachten, das im Jahr 2015 vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde, notwendig, um den Bedarf für den Fall zu decken, dass es zu einer einwöchigen Kältewelle kommt.[3] Für den – immerhin unwahrscheinlichen – Fall, dass zum Ende des Winters 2021/22 noch eine 30 Tage währende Kältewelle eintritt, müssten die Speicher zu 50 Prozent gefüllt sein, um die Versorgung der Bundesrepublik zu sichern. Medien stimmen inzwischen darauf ein, was geschieht, wenn das in den Speichern verfügbare Gas nicht mehr ausreicht. Laut dem behördlichen Leitfaden „Krisenvorsorge Gas“ wird dann zunächst die Versorgung von Firmenkunden eingestellt, die in besonderen Klauseln einer Lieferunterbrechung gegen Vergütung zugestimmt haben.[4] Dann muss versucht werden, zusätzliches Erdgas aus Nachbarländern zu importieren. Im nächsten Schritt werden Gaskraftwerke sukzessive abgeschaltet, was die Stromversorgung in Deutschland schwer beeinträchtigen würde. Anschließend werden auch Privathaushalte von der Belieferung mit Erdgas abgeklemmt.

Nord Stream 2: „Hilfreich“

Die hohen Erdgaspreise und die Knappheit sind in steigendem Maß der Machtpolitik Berlins und des Westens geschuldet, die im Kampf um die Dominanz über Ost- und Südosteuropa immer aggressiver Russland attackiert. An ihr liegt es etwa, dass die Pipeline Nord Stream 2 noch nicht in Betrieb ist; nach jahrelangen sanktionsbedingten Verzögerungen schleppt sich nun das Genehmigungsverfahren bei der Bundesnetzagentur hin. Aus der Energiebranche heißt es, Nord Stream 2 könne einen Beitrag leisten, dem Erdgasmangel abzuhelfen; die Leitung sei „energiewirtschaftlich ... hilfreich“, konstatiert der Eon-Vorstandsvorsitzende Leonhard Birnbaum.[5] Freilich hat der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann, diese Woche bestätigt, mit einer Entscheidung über die Zulassung der Leitung sei frühestens im Sommer zu rechnen. Damit fällt sie zur Behebung des aktuellen Mangels ebenso aus wie zur Erhöhung des Angebots zwecks Senkung des Preises.

LNG: „Fast so klimaschädlich wie Steinkohle“

Zu langfristig erheblich höheren Erdgaspreisen wird nach Lage der Dinge das Bemühen der Bundesregierung führen, künftig mehr Flüssiggas (Liquefied Natural Gas, LNG) einzuführen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck kündigte kürzlich im Bundestag an, Berlin werde den Bau zweier Flüssiggasterminals in Brunsbüttel und Stade unterstützen; damit soll es möglich werden, die Einfuhr russischen Erdgases zu verringern. Allerdings ist LNG erheblich teurer als Pipelinegas; „wenn die Preise sinken sollen, dann muss dazu mehr Pipelinegas nach Europa kommen“, hielt Eon-Chef Birnbaum diese Woche fest.[6] Hinzu kommt, dass sich Flüssiggaslieferungen im vergangenen Jahr als höchst unzuverlässig erwiesen haben: Während russisches Gas stets vertragsgemäß nach Deutschland geleitet wurde, blieben wegen der hohen Preise in Ostasien LNG-Importe aus (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Darüber hinaus ist Flüssiggas, weil es aufwendig gekühlt und über lange Strecken per Schiff transportiert wird, deutlich umweltschädlicher als Pipelinegas; berechne man alle Emissionen mit ein, dann sei es „fast so klimaschädlich wie Steinkohle“, berichtet ein Experte des Umweltbundesamts.[8] Nicht zuletzt wird aus den USA, dem wichtigsten LNG-Lieferanten der EU, Frackinggas angeliefert, das wegen der Umweltschäden, die das Fracking verursacht, berüchtigt ist.

Erdbebengefahr

Das Bemühen Berlins, Erdgas aus nichtrussischen Quellen zu beschaffen, führt zur Zeit zu ernsten Auseinandersetzungen mit den Niederlanden. Deutschland ist lange aus dem riesigen Erdgasfeld bei Groningen beliefert worden. Weil das jahrzehntelange Abpumpen des Gases aber immer häufiger zu Erdbeben führt, hatte die Regierung in Den Haag angekündigt, Mitte dieses Jahres den Förderprozess bei Groningen einstellen zu wollen. Das scheitert nun aber daran, dass die Bundesrepublik auf einer Fortsetzung der Belieferung besteht und sogar verlangt, deutlich mehr Erdgas aus Groningen zu erhalten als zuvor. Nach Branchenangaben ist der niederländische Gasversorger GasTerra vertraglich gezwungen, den Forderungen aus Deutschland nachzukommen; in Groningen steht deshalb statt der Einstellung der Förderung ihre Ausweitung bevor – und damit auch eine gesteigerte Erdbebengefahr.[9] Bereits Mitte Januar wurden vor Ort Proteste laut, freilich bislang ohne Erfolg.[10]

 

[1] Klaus Stratmann: Deutschlands Energierechnung steigt deutlich – bei weiter hoher Abhängigkeit von Russland. handelsblatt.com 27.01.2022.

[2] Ein bisschen Wärme. Frankfurter Allgemeine Zeitung 03.02.2022.

[3], [4] Klaus Stratmann: Gasvorräte unter der kritischen Grenze. handelsblatt.com 03.02.2022.

[5] Eon-Chef Birnbaum: „Wir brauchen russisches Gas“ – Nord Stream 2 „energiewirtschaftlich hilfreich“. rnd.de 01.02.2022.

[6] Eon-Chef Birnbaum: „Wir brauchen russisches Gas“ – Nord Stream 2 „energiewirtschaftlich hilfreich“. rnd.de 01.02.2022.

[7] S. dazu Pipelineblockade in der Erdgaskrise.

[8] Marcus Theurer: Flüssig-Erdgas für Deutschland. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 30.01.2022.

[9] Lukas Kotkamp: The Netherlands‘ earthshaking gas deal with Germany. politico.eu 27.01.2022.

[10] Gerrit Hoekman: „Schlag ins Gesicht der Groninger“. junge Welt 14.01.2022.

Washingtons Prellbock (II)

Thu, 03/02/2022 - 21:01

Litauens Vorstoß als Modell

Ursache des aktuellen Konflikts ist, dass Litauen der Eröffnung eines „taiwanischen Vertretungsbüros“ in Vilnius zugestimmt hat – und zwar unter diesem Namen. Der nur scheinbar nebensächliche Name hat erhebliche Bedeutung: Anders als die international gebräuchliche Bezeichnung „Taipeh-Vertretung“ signalisiert er vielleicht noch nicht eine endgültige Abkehr von der Ein-China-Politik, deren Anerkennung die Volksrepublik zur Voraussetzung für ihre diplomatischen Beziehungen macht, aber doch zumindest ihre Relativierung. Hinzu kommt, dass die Eröffnung des Büros bereits im Vorfeld eng mit den Vereinigten Staaten abgesprochen war (german-foreign-policy.com berichtete [1]) und offenkundig Teil einer Polit-Kampagne ist, die Washington im Herbst gestartet hat und die darauf abzielt, Beijing durch die Aufwertung Taiwans Schwierigkeiten zu bereiten.[2] Darüber hinaus hat die Regierung in Vilnius ihren Schritt von Anfang an als einen Vorstoß eingestuft, der anderen Staaten als Modell für ihre Beziehungen zu Taipeh dienen könne. Außenminister Gabrielius Landsbergis hat dies am 24. November bei einem Besuch in Washington ausdrücklich bestätigt.

Chinas Gegenmaßnahmen

Entsprechend scharf hat die Volksrepublik auf Litauens gezielte Provokation reagiert. In einem ersten Schritt hat sie faktisch den gesamten bilateralen Handel zum Erliegen gebracht. Damit war in Vilnius wohl gerechnet worden; der Verlust galt allerdings als verschmerzbar: Litauen exportierte im Jahr 2020 Waren im Wert von lediglich 350 Millionen Euro in die Volksrepublik – kaum mehr als ein Prozent des litauischen Gesamtexports. Da Washington zugesagt hatte, unter anderem mit Exportkreditgarantien einzuspringen, und auch Taipeh Bereitschaft zur Unterstützung erkennen ließ, ging Vilnius von einem raschen Ausgleich für die zu erwartenden Einbußen aus. Allerdings legte Beijing rasch nach; inzwischen ist die Einfuhr auch von Produkten, in denen lediglich Komponenten aus Litauen enthalten sind, in der Volksrepublik nicht mehr erwünscht. Diesen Schritt hatte die Regierung in Vilnius – Außenminister Landsbergis hat dies eingeräumt – nicht einkalkuliert. Er wiegt schwer, da in Litauen diverse Zulieferer großer europäischer Konzerne ansässig sind, die ihrerseits nach China exportieren. Zu den Unternehmen, die betroffen sind, gehört unter anderem ein litauisches Werk des deutschen Continental-Konzerns.[3]

Millionenschäden

Die Regierung in Vilnius hat jetzt entsprechend mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die die ursprünglich erwarteten deutlich übertreffen. Vor beinahe zwei Wochen wurde bekannt, dass Unternehmen bereits Verluste in Höhe von hunderten Millionen Euro beklagen; der Betrag könne rasch in die Höhe schnellen, hieß es.[4] Da die deutsche Kfz-Branche besonders betroffen ist, hat die Deutsch-Baltische Handelskammer in Vilnius interveniert: Gelinge es der litauischen Regierung nicht, eine „konstruktive Lösung“ zu finden, dann stehe „das grundlegende Geschäftsmodell der betreffenden Unternehmen in Frage“. Einige hätten in diesem Fall „keine andere Wahl, als die Produktion in Litauen stillzulegen“. Zum ökonomischen Druck kommt hinzu, dass die gegen die Volksrepublik gerichtete Provokation im politischen Establishment des baltischen Landes stets umstritten war; Staatspräsident Gitanas Nausėda hat sich recht früh auch öffentlich von ihr distanziert. Nicht zuletzt hat eine im Auftrag des Außenministeriums durchgeführte Umfrage gezeigt, dass die Chinapolitik der Regierung nur von rund 13 Prozent der Bevölkerung unterstützt wird, während gut 60 Prozent sie dezidiert ablehnen.[5]

EU unter Zugzwang

Der chinesisch-litauische Konflikt hat, da ein EU-Mitgliedstaat von ihm betroffen ist, Brüssel unmittelbar unter Zugzwang gesetzt. Vermittlungsversuche der EU-Kommission sind gescheitert; Beijing erklärt, es wolle den Streit mit Vilnius bilateral lösen und sei nicht bereit, seine Beziehungen zur EU durch den Konflikt zu beschädigen. Überlegungen, gegen die Volksrepublik Gegenmaßnahmen zu verhängen, haben sich zerschlagen; einer der Gründe ist, dass das Chinageschäft für manche Mitgliedstaaten, insbesondere für Deutschland, zu bedeutend ist, um es mit einer Konflikteskalation aufs Spiel zu setzen. Hinzu kommt wohl auch, dass Litauen die Provokation in kaum verhüllter Abstimmung mit den USA geplant hat, ohne die EU zu konsultieren; damit entwickeln sich die baltischen Staaten immer mehr zu Prellböcken, mit denen Washington die Staaten Europas auf seine Linie zu zwingen sucht. In der vergangenen Woche hat die EU letzten Endes die Welthandelsorganisation WTO eingeschaltet; dies gilt als die am wenigsten konflikthafte Lösung. Beijing hat nun 60 Tage Zeit, um auf die Vorwürfe der EU zu reagieren; dann kann Brüssel die Einsetzung eines WTO-Streitbeilegungspanels beantragen.[6] Der Prozess kann sich leicht über Jahre hinziehen.

Keine Lösung in Sicht

Zu Wochenbeginn hat nun der für Wachstum, Energie und Umwelt zuständige Staatssekretär im US-Außenministerium, Jose W. Fernandez, Vilnius besucht, um nach Auswegen aus dem Dilemma zu suchen. Finanzielle Ressourcen stellt Taipeh bereit; es hat im Januar zunächst einen 200 Millionen US-Dollar schweren Investitions-, dann einen eine Milliarde US-Dollar umfassenden Kreditfonds in Aussicht gestellt, mit denen das Geschäft mit Litauen ausgebaut werden soll. Im Gespräch ist etwa, in Litauen einen Ableger des Halbleiterproduzenten TSMC aus Taiwan zu gründen; als Anknüpfungspunkt für den Chiphersteller gilt Litauens äußerst leistungsfähige Laserindustrie. Allerdings verhandelt TSMC bereits mit Deutschland über den Aufbau einer Halbleiterproduktion. Hinzu kommt, dass der Konzern ebenfalls Schwierigkeiten hätte, eine hochkomplexe Fabrik in einem Land zu errichten, das keinerlei Geschäftsbeziehungen zu China unterhalten kann.

Vor dem Scheitern

Entsprechend drängt Washington Vilnius übereinstimmenden Berichten zufolge schon seit Wochen, im Streit mit Beijing nachzugeben. So heißt es, Diplomaten schlügen mittlerweile vor, die Bezeichnung „taiwanisches Vertretungsbüro“ fallenzulassen und sie durch einen gebräuchlichen Namen – nach Lage der Dinge wohl „Taipeh-Vertretung“ – zu ersetzen.[7] Staatspräsident Nausėda hat sich bereits öffentlich dafür ausgesprochen. Allerdings sind bislang weder die Regierung in Vilnius noch Taipeh dazu bereit.

 

[1] S. dazu Washingtons Prellbock und Tabubrecher im Zweiten Kalten Krieg.

[2] S. dazu Der Konflikt um Taiwan (I) und Der Konflikt um Taiwan (II).

[3] China pressures Germany’s car parts giant Continental to give up Lithuanian components – media. lrt.lt 17.12.2021.

[4] Andrius Sytas, John O’Donnell: German big business piles pressure on Lithuania in China row. msn.com 21.01.2022.

[5] Most Lithuanians critical of Vilnius’ China policy – survey. lrt.lt 12.01.2022.

[6] EU zerrt China vor WTO. Frankfurter Allgemeine Zeitung 28.01.2022.

[7] US wades into spat between China and Lithuania over Taiwanese office. ft.com 20.01.2022.

Rezessionsängste in Deutschland

Wed, 02/02/2022 - 21:39

„Eine Enttäuschung“

Deutsche Leitmedien warnen vor den Risiken einer „Rezession“, die im ersten Quartal dieses Jahres unausweichlich scheint.[1] Demnach trifft die aktuelle Pandemiewelle die Wirtschaft der Bundesrepublik „stärker als befürchtet“. Die deutsche Wirtschaftsleistung sei im letzten Quartal 2021 um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft, heißt es, während sie im Ausland „schwungvoll“ gewachsen sei. Der Rückgang sei höher ausgefallen als vermutet. Deutschland befinde sich damit „auf dem besten Weg in eine Rezession“, hieß es im Handelsblatt, der führenden deutschen Wirtschaftszeitung.[2] Im vergangenen Jahr sei das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in der Bundesrepublik nur um 2,8 Prozent gewachsen; das habe nicht genügt, um den großen Konjunktureinbruch aus dem ersten Pandemiejahr 2020 auszugleichen. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, spricht mit Blick auf das letzte Quartal 2021 von einer „Enttäuschung“. Konjunkturforscher des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW) prognostizieren angesichts eines schleppenden Jahresauftakts eine „technische Rezession“; damit wird ein über zwei Quartale schrumpfendes BIP bezeichnet. Die Bundesregierung hält indes unbeirrt an ihrer optimistischen Prognose für das laufende Jahr fest und geht von einem Wachstum von 3,6 Prozent aus, das sich 2023 auf 2,3 Prozent abkühlen soll. Deutschland habe „eine robuste Wirtschaft und einen stabilen Arbeitsmarkt“, beteuerte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) bei der Vorstellung der Zahlen im Januar.

Viele Fragezeichen

Wie weiter berichtet wird, wächst – ungeachtet optimistischer Äußerungen aus der Bundesregierung – in der exportabhängigen deutschen Industrie „die Unsicherheit, wann die schwächelnde deutsche Wirtschaft den Krisenmodus dauerhaft verlassen“ werde. Derzeit gingen viele von einem „zweigeteilten“ konjunkturellen Verlauf aus: Nach dem wahrscheinlichen Schrumpfen der Wirtschaft im ersten Quartal sei ab dem Frühjahr eine „allmähliche Auflösung“ der globalen Lieferengpässe zu erwarten, darüber hinaus ein rascher „Rückgang der Corona-Infektionszahlen“, sodass es ab dem zweiten Quartal zu einem „großen Aufschwung“ kommen werde. Allerdings seien diese Konjunkturprognosen, die von einem Erreichen des wirtschaftlichen Vorkrisenniveaus zur Jahresmitte ausgehen, angesichts der „aktuell unsicheren Lage“ mit vielen Fragezeichen behaftet: „Denn erst einmal kommt aller Voraussicht nach nicht der Aufschwung – sondern die Rezession.“ Kommentatoren führender Medien zählen eine Reihe von Faktoren auf, die zur konjunkturellen Unsicherheit beitragen. Neben der zunehmenden Inflation, den Lieferengpässen, der Pandemie und der daraus resultierenden Nachfrageschwäche im Inland seien dies der „ukrainisch-russische Konflikt“ und die konsequente Pandemiebekämpfung in China, die für Unsicherheit in der deutschen Wirtschaft sorgten.[3] Insbesondere die äußeren „Risiken“ in China und im postsowjetischen Gebiet, auf die der deutsche Einfluss nur „begrenzt“ sei, hätten das Potenzial, der Bundesrepublik den „nächsten schweren Dämpfer“ zu versetzen.

Der Vorsprung schrumpft

In der Wirtschaftsberichterstattung wird überdies aufmerksam registriert, dass die europäische Konkurrenz weitaus besser durch die aktuelle Krisenphase kommt als Deutschland. Demnach habe sich die Wirtschaft in Spanien und Italien gegen Jahresende 2021 „deutlich besser entwickelt“ als in der Bundesrepublik, heißt es. In Spanien sei das Bruttoinlandsprodukt im gesamten vergangenen Jahr mit fünf Prozent „fast doppelt so viel wie in Deutschland“ gestiegen. In Frankreich seien gar sieben Prozent registriert worden – der höchste Wachstumswert seit „knapp 50 Jahren“.[4] Während die deutsche Wirtschaft im letzten Quartal 2021 um 0,7 Prozent schrumpfte, wuchs die französische um 0,7 Prozent. Die Zahl der Arbeitslosen ist in Frankreich mit 3,3 Millionen auf dem niedrigsten Stand seit 2012. Damit nimmt der ökonomische Abstand zwischen der Bundesrepublik und Frankreich ab; er hatte seit dem Ausbruch der Eurokrise beständig zugenommen und bildet bis heute die ökonomische Grundlage der politischen Dominanz Berlins in der EU.

Ursachen des Aufschwungs

Deutsche Leitmedien bringen die gute Konjunkturentwicklung außerhalb Deutschlands auch mit den dortigen Lockerungen bei der Pandemiebekämpfung in Zusammenhang, da – so wörtlich – die „Omikron-Variante“ als „nicht gefährlicher“ eingestuft werde „als eine Grippe“ und die Konjunktur „wieder auf Touren kommen“ könne.[5] Bei der Ursachensuche wurde überdies darauf verwiesen, dass die französische Wirtschaft nicht so stark abhängig sei von einer unter „Lieferengpässen leidenden Industrie“ wie die Bundesrepublik: Das verarbeitende Gewerbe weise in Deutschland mit einem Anteil von 20 Prozent des BIP „etwa doppelt so viel an der Wertschöpfung“ auf „wie in Frankreich“; deshalb schlügen sich die pandemiebedingten Versorgungsengpässe östlich des Rheingrabens konjunkturell stärker nieder. Schließlich werde die geringe Abhängigkeit der französischen Industrie vom Außenhandel ihr auch im laufenden Jahr „zugutekommen“, in dem ein Wachstum des BIP in Frankreich von 3,6 Prozent erwartet werde. Dieser Wert entspricht exakt der optimistischen Konjunkturprognose der Bundesregierung für dieses Jahr, die allerdings von Wirtschaftsverbänden längst offen infrage gestellt wird.

„Sand im Getriebe des Welthandels“

Wirtschaftskreise erklären zudem, die konsequenten Lockdowns, mit denen in China die in der Bundesrepublik nahezu ungehindert wütende Omikron-Varainte bekämpft wird, drohten „enorme Folgen für die deutsche Konjunktur“ nach sich zu ziehen; damit schieben sie der Volksrepublik die Schuld dafür in die Schuhe, dass das deutsche BIP in diesem Jahr womöglich nur um zwei Prozent wächst – fast nur halb so viel wie laut den offiziellen Berliner Wachstumsprognosen. China ist der größte Handelspartner der Bundesrepublik. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (DBI) warnt vor einer längeren Rezession, steigenden Preisen und einem „Flaschenhals“ bei den Lieferketten, sollte Beijing weiterhin auf einen konsequenten Lockdown setzen.[6] Die regierungsfinanzierte Deutsche Welle berichtet mit Blick auf die Sorgen der deutschen Wirtschaft über Beijings „Zero Covid-Strategie“, diese werde bereits vom Internationalen Währungsfonds (IWF) kritisiert.[7] Vertreter der deutschen Handelskammer in Beijing nannten die IWF-Forderung nach „Lockerungen“ in der chinesischen Pandemiepolitik kürzlich „nicht ganz unberechtigt“. Deutsche Leitmedien zitieren Wirtschaftsforscher mit der Aussage, Chinas Versuche, die Pandemie weiterhin mit Lockdowns einzudämmen, seien „Sand im Getriebe des Welthandels“.[8] Die chinesische Pandemiebekämpfung schade der „weltwirtschaftlichen Dynamik“.

Wachsende Spannungen

Unter Berufung auf Umfragen unter Hunderten von „Chinaexperten“, die zu gut zwei Dritteln eine Verschlechterung in den Beziehungen zwischen Berlin und Beijing prognostizieren, sagen führende deutsche Wirtschaftszeitungen eine zunehmend konfrontative Haltung Deutschlands und der EU gegenüber der Volksrepublik voraus.[9] Die „wachsenden Spannungen“ würden nicht nur durch politische Differenzen befeuert; sie resultierten auch aus dem deutschen Wunsch nach „wirtschaftlicher Stabilität“. Moniert wird vor allem das chinesische „Streben nach wirtschaftlicher und technologischer Autonomie“: Es wird als eine Herausforderung an die deutsche Exportindustrie verstanden, die Angst vor chinesischem Technologietransfer und vor einem indirekten chinesischen Protektionismus hat. Neben diesem „nationalistischen Kurs“ der Volksrepublik stelle jedoch die „Zero Covid-Strategie“ das „größte Problem“ dar, heißt es: Sie untergrabe „Reformziele und die finanzielle Stabilität“. Die zunehmenden „Reibungen zwischen China und Europa“ fänden überdies in einer Zeit statt, in der die Vereinigten Staaten „Druck auf Europa zum Schulterschluss gegenüber dem Systemrivalen“ China verstärkten.

 

[1] Deutschland droht eine Rezession. faz.net 28.01.2022.

[2] Deutschland auf dem Weg in die Rezession: Wirtschaft schrumpft um 0,7 Prozent. handelsblatt.de 28.01.2022.

[3], [4] Fröhlich in die Rezession. faz.net 28.01.2022.

[5] Droht jetzt eine Rezession? tagesschau.de 21.01.2022.

[6] BDI - Omikron-Welle in China kann Rezession und Preisanstieg auslösen. onvista.de 24.01.2022.

[7] Deutsche Wirtschaft besorgt wegen Chinas Null-Covid-Strategie. dw.com 25.01.2022.

[8] „Sand im Getriebe des Welthandels“. tagesschau.de 27.01.2022.

[9] Die Reibungen zwischen China und Europa werden größer. handelsblatt.de 26.01.2022.