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Informationen zu Waffenproduktion und Rüstungsexporten
Aktualisiert: vor 2 Stunden 43 Minuten

Schweiz: Finanzierung der Rüstungs- und Atomwaffenindustrie «’s ist leider Krieg – und ich begehre nicht schuld daran zu sein!»

Mo, 26/08/2019 - 10:00

von unserem Autor, Heinrich Frei.

Einer der wichtigsten Verträge zur Kontrolle von Atomwaffen läuft aus, das INF Abrüstungsabkommen zwischen den USA und Russland. (1) Jetzt «darf» hüben wie drüben noch mehr atomar aufgerüstet werden. Damit steigt die Gefahr eines Atomkrieges infolge eines Irrtums oder einer technischen Panne. – Und: Verrückte gibt es auch in der Politik. – Die Gefahr eines Atomkrieges ist noch viel bedrohlicher als der Klimawandel. Die Atomkriegsuhr wurde vorgestellt: auf zwei Minuten vor zwölf, vor dem Weltuntergang. (2)

Bild: Sreenshot von der Website des Bulletin of the Atomics Scientists

Keine drei Wochen nach dem Ende des INF-Vertrags, der Stationierung und Tests von landgestützten Mittelstreckenwaffen verbietet, haben die USA in Kalifornien eine solche Rakete gezündet. Das Geschoss vom Typ Tomahawk habe nach 500 Kilometer Flug sein Ziel erreicht, hiess es in einer Mitteilung des Pentagon. (3)

Schweiz hilft den Irrsinn der Aufrüstung zu finanzieren

Der Irrsinn der internationalen Aufrüstung wird auch durch die Schweiz immer noch unterstützt. Die Nationalbank, unsere Grossbanken, Versicherungen und Pensionskassen investieren in Firmen der Rüstungsindustrie. Auch die Pensionskasse der Stadt Zürich, in unserer rot-grün regierten Stadt, macht da leider mit. Die Nationalbank, Grossbanken, Versicherungen und Pensionskassen stecken ihr Geld sogar in Unternehmen, die an der Produktion von in der Schweiz verbotenem Kriegsmaterial beteiligt sind, von Atomwaffen, Streubomben und Antipersonenminen, sogar meine Pensionskasse der SBB, der Schweizerischen Bundesbahnen ist beteiligt.

Bundesgesetz über das Kriegsmaterial: Klare Verbote

2. Kapitel: Verbotenes Kriegsmaterial5

Art. 7 Kernwaffen, biologische und chemische Waffen

1 Es ist verboten:

  1. Kernwaffen, biologische oder chemische Waffen (ABC-Waffen) zu entwickeln, herzustellen, zu vermitteln, zu erwerben, jemandem zu überlassen, ein-, aus-, durchzuführen, zu lagern oder anderweitig über sie zu verfügen;

b. jemanden zu einer Handlung nach Buchstabe a zu verleiten;

c. eine Handlung nach Buchstabe a zu fördern

Art. 8b1Verbot der direkten Finanzierung

1 Die direkte Finanzierung der Entwicklung, der Herstellung oder des Erwerbs von verbotenem Kriegsmaterial ist verboten.

2 Als direkte Finanzierung im Sinne dieses Gesetzes gilt die unmittelbare Gewährung von Krediten, Darlehen und Schenkungen oder vergleichbaren finanziellen Vorteilen zur Bezahlung oder Bevorschussung von Kosten und Aufwendungen, die mit der Entwicklung, der Herstellung oder dem Erwerb von verbotenem Kriegsmaterial verbunden sind.

1 Eingefügt durch Ziff. I des BG vom 16. März 2012, in Kraft seit 1. Febr. 2013 (AS 2013 295; BBl 2011 5905).

Art. 8c1Verbot der indirekten Finanzierung

1 Die indirekte Finanzierung der Entwicklung, der Herstellung oder des Erwerbs von verbotenem Kriegsmaterial ist verboten, wenn damit das Verbot der direkten Finanzierung umgangen werden soll.

2 Als indirekte Finanzierung im Sinne dieses Gesetzes gilt:

a. die Beteiligung an Gesellschaften, die verbotenes Kriegsmaterial entwickeln, herstellen oder erwerben;

b. der Erwerb von Obligationen oder anderen Anlageprodukten, die durch solche Gesellschaften ausgegeben werden.

(4) (5) (6)

Verantwortliche Personen in der Schweizerischen Nationalbank für Investitionen in verbotene Waffen

Verantwortlich in der Schweizerischen Nationalbank für die Investitionen in Unternehmen die Kriegsmaterial herstellen und sogar an der Herstellung von Waffen beteiligt sind, die in der Schweiz verbotenen sind, wie Atombomben, Streubomben und Antipersonenminen sind alle Personen im Erweiterten Direktorium und des Bankrates der Nationalbank. (7)

Erweitertes Direktorium der Schweizerischen Nationalbank:

  • Prof. Dr. Thomas J. Jordan, Präsident des Direktoriums, Zürich
  • Dr. Fritz Zurbrügg, Vizepräsident des Direktoriums, Bern
  • Dr. Andréa M. Maechler, Mitglied des Direktoriums, Zürich
  • Dr. Martin Schlegel, Stellvertretendes Mitglied des Direktoriums, Zürich
  • Dewet Moser, Stellvertretendes Mitglied des Direktoriums, Bern
  • Dr. Thomas Moser, Stellvertretendes Mitglied des Direktoriums, Zürich

Bankrat der Schweizerischen Nationalbank

  • Barbara Janom Steiner, Präsidentin des Bankrats, Vizepräsidentin der BDP Schweiz,
  • Olivier Steimer, Vizepräsident des Bankrats,
  • Mitglieder des Bankrates der Schweizerischen Nationalbank
  • Vania Alleva, Vizepräsidentin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes SGB
  • Christoph Ammann, Regierungsrat und Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements des  Kantons Bern
  • Prof. Dr. Monika Bütler, Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen und Direktorin des Schweizerischen Instituts für Empirische Wirtschaftsforschung SEW-HSG
  • Heinz Karrer, Präsident von economiesuisse (Verband der Schweizer Unternehmen)
  • Prof. Dr. Christoph Lengwiler, Mitglied des Verwaltungsrats der Berner Kantonalbank AG, Bern
  • Shelby R. du Pasquier, Mitglied des Verwaltungsrats der SGS SA, Genf
  • Ernst Stocker, Volkswirtschaftsdirektor des Kantons Zürich
  • Prof. Dr. Cédric Pierre Till, Professor am Graduate Institute of International and Development Studies, Genf
  • Dr. Christian Vitta, Staatsrat und Vorsteher des Finanz- und Volkswirtschaftsdepartements des  Kantons Tessin

Waffen und Tabak im Tresor der Nationalbank, SonntagsBlick 6. Januar 2019, (Foto Heinrich Frei)

Atomwaffenverbotsabkommen: Wurde vom Bundesrat nicht unterzeichnet

Die Regierung der Schweiz in Bern unterzeichnete nicht einmal das UNO Atomwaffenverbotsabkommen und erlaubt es helvetischen Institutionen heute, wie oben schon erwähnt, weiterhin in Unternehmen zu investieren, die an der Produktion von Atomwaffen beteiligt sind. Das Abkommen der UNO zum Verbot von Atomwaffen schafft erstmals ein umfassendes und ausdrückliches Verbot für Atomwaffen. Es verbietet den Einsatz von nuklearen Sprengkörpern und dessen Androhung sowie Herstellung, Erwerb, Stationierung und Weitergabe von Kernwaffen. Unverständlich ist, dass unser Bundesrat ein solches Abkommen nicht unterschreiben will.

Explosion von hundert Atombomben: Nuklearer Winter

Das Motto der Investitionsentscheide der Nationalbank, von Großbanken, Versicherungen und Pensionskassen in Konzerne Geld anzulegen die Waffen produzieren und sogar verbotene Waffen wie Atombomben scheint zu sein: Maximaler Profit jetzt und nach uns die Sintflut. Die Atomraketen, die wir mitfinanziert haben, hüben wie drüben, können an Land und auf dem Meer in wenigen Minuten gestartet werden. – Hoffentlich passiert da nie ein Fehler…. Nur schon die Explosion von hundert Atombomben würde einen nuklearen Winter auslösen, gefolgt von Ernteausfällen und weltweiten Hungersnöten.

Wir Techniker sind es gewohnt, dass es Pannen gibt

Wir Techniker sind es gewohnt, dass nicht alles läuft wie geplant: Einmal ein Wassereinbruch von unten, dann von oben, von der Seite. Die Heizung, die Lüftung, die elektrischen Installationen wurden falsch geplant. Das Leergerüst stürzte ein usw. Wir Techniker «begehren dann», «nicht schuld daran zu sein…»

Geistesgegenwärtige haben bisher einen Atomkrieg abgewendet

Wir Alten haben Glück gehabt, dass die katastrophalen Pannen mit Atombomben in den letzten 60 Jahren hüben wie drüben immer glimpflich abgelaufen sind. Der atomare Schlagabtausch zwischen den Großmächten konnte immer durch Geistesgegenwärtige abgewendet werden.

Wie sieht die Zukunft aus? Die Bomben stehen bereit, auch in Büchel in Deutschland, in Italien, in Großbritannien, in Russland, Frankreich, in Pakistan, Indien und in Israel, bereit um die Menschheit auszulöschen, um die Erde für Menschen unbewohnbar zu machen.

«’s ist Krieg! ’s ist Krieg!, O Gottes Engel wehre, und rede Du darein! ’s ist leider Krieg – und ich begehre nicht schuld daran zu sein!,», wie der Dichter Mathias Claudius schrieb.

Schweizer National- und Ständerat sind für Unterzeichnung des Atomwaffenverbots-Vertrages

Ein positives Zeichen aus der Schweiz kann kann doch vermeldet werden, wie in einem Grusswort Grusswort aus Heiden in der Schweiz an die Hiroshima-Gedenkveranstaltung 2019 in Wien vermerkt wurde:

«Im letzten Jahre hat der Nationalrat (Volkskammer) einer Motion zugestimmt, dass die Regierung den Atomwaffenverbots-Vertrag sofort unterzeichnen und dem Parlament zur Ratifikation vorlegen soll. Erfreulicherweise hat auch der Ständerat (Länderkammer) im Dezember der Motion zugestimmt, die damit zum verbindlichen Auftrag an die Regierung geworden ist. Die Regierung, der Bundesrat aber schiebt den Entscheid vor sich her und will erst nächstes Jahr nach einem Zusatzbericht entscheiden. Als Grund für das Hinausschieben wird angeführt: Der Beitritt zum Verbotsvertrag könnte den Spielraum der Schweiz für Vermittlungsbemühungen bei der atomaren Rüstungskontrolle schmälern. Aber gerade beim INF-Vertrag ist der Bundesrat trotz Aufforderung aus der Zivilgesellschaft nicht aktiv geworden für Verhandlungen für eine Erneuerung und Erweiterung des Vertrags.»

In Heiden läutet zum Gededenken des Atombomabwurfes auf Nagasaki die Peace Bell Glocke

Im Dunant-Dorf hoch über dem Bodensee läutet jedes Jahr am 9. August im Gedenken an den Atombombenabwurf auf Nagasaki die Peace-Bell – eine Kopie der Angelus-Glocke der Urakami-Kirche, die beinahe unbeschädigt den Atombomben-Abwurf auf Nagasaki überstanden hat. Sie wurde von der Universität Nagasaki dem Dunant-Museum in Heiden geschenkt. Henry Duant, der als Begründer der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung gilt starb im Spital Heiden. (8)

Fussnoten

INFOMAIL – mit Medienberichten und Pressemitteilungen und zu den erfolgreichen Aktivitäten der Kritischen Aktionär*innen H&K

Fr, 02/08/2019 - 21:54

(Foto: Stephan Möhrle, RIB)

Bereits am Vortag der Hauptversammlung (HV) konnten wir Kritischen Aktionär*innen Heckler & Koch (KA H&K) einen immensen Erfolg verbuchen: In den HVs 2017 und 2018 hatten wir beantragt, Medienvertreter*innen zuzulassen, was damals von der H&K-Geschäftsführung konsequent abgelehnt worden war. Deshalb hatten wir mehreren Journalist*innen mit unseren Aktien Eintritt verschafft. Am frühen Abend des 11.07.2019 erreichte uns die Nachricht, dass diesmal – endlich – Journalist*innen zugelassen sein würden, was wir sofort bundesweit publik machten.

Diese dritte Beteiligung Kritischer Aktionär*innen an der Hauptversammlung (HV) der Heckler & Koch AG erbrachte mit rund 30 aktiven Teilnehmer*innen außerhalb der Versammlung und mit rund 20 aktiven Aktionär*innen in der Versammlung – darunter 15 Fragesteller*innen unsererseits – eine erneute Steigerung der Anzahl redeberechtigter kritischer Aktionär*innen (nach 2017 mit sieben und 2018 mit 13 Teilnehmer*innen der KA H&K in der Versammlung). Insgesamt stellten Aktionär*innen in der ersten Runde 125 Fragen – 120 davon stammten von uns, zudem die weiteren Fragen bzw. Nachfragen in den Fragerunden 2 und 3.

Die Fragen wurden unsererseits in nummerierter Reihenfolge gestellt und zumeist von Vorstand und Aufsichtsrat – wie gewünscht – in der entsprechenden Nummerierung beantwortet. In Runde 1 nicht beantwortete Fragen wurden in den kommenden Fragerunden von uns erneut eingebracht und letztlich auch beantwortet – allerdings nicht immer in der gewünschten Ausführlichkeit und Klarheit. Bei der Beantwortung einiger Fragen wurde auf „Geheimhaltungspflichten“ oder „laufende Rechtsverfahren“ verwiesen und die Antwort verweigert.

 

Pressespiegel im Volltext

Die Welt blickt in europäische Gewehrläufe.  

Di, 30/07/2019 - 15:35

obwohl Europa sich stets versucht als friedliche Alternative zu den USA und Russland zu profilieren hat es seine Waffenhandel verfielfacht. Die europäische Rüstungsindustrie will ihren Handel mit Kriegsmaterial weiter ausbauen und die bisher dominierenden US- und Russischen konzerne überflügeln.

Deutschland trägt seinen eigenen Anteil daran – als eine der führenden Nationen im Waffenhandel. Im bereich der konventionellen Waffen hat deutschland im Zeitraum 2014-2018 knapp hinter Frankreich (mit 6,8%) den 4. Platz belegt, mit einem Marktanteil von 6,4%.

Insgesamt beherrschen die europäischen Waffen 27,9% des Welt-Waffenmarktes. Damit ist man 6,9% vor Russland (21%) und nicht mehr weit von den USA (36%) entfernt.

Marktanteile europäischer Waffenhändler

Frankreich        6,8%

Deutschland     6,4%

UK                    4,2%

Spanien            3,2%

Italien               2,3%

Niederlande     2,1%

Schweiz           1,0%

Schweden        0,7%

Norwegen        0,5%

Tschechien      0,3%

Finnland          0,2%

Portugal          0,2%

DAKS-Newsletter Juli 2019 ist erschienen!

Mo, 22/07/2019 - 21:44

Der neue DAKS-Newsletter steht ganz im Zeichen des kürzliche veröffentlichten Rüstungsexportberichts der Bundesregierung für das Jahr 2018. In diesem Jahr gilt es die Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien besonders kritisch zu analysieren, da die Bundesregierung im vergangenen Jahr einen Genehmigungstopp gegen dieses Land verhängt hat. Nun dokumentiert der Bericht eine Vielzahl an Exporten an dieses Land. Wie soll damit umgegangen werden? Mehr dazu im neuen Newsletter!

Weitere Themen: Heckler & Koch und die mögliche Ersetzung des MG3 durch das MG5 der Bundeswehr und die neuen politischen Grundsätze der Bundesregierung zum Rüstungsexport.

Zum Weiterempfehlen: Wenn Sie den Kleinwaffen-Newsletter abonnieren wollen (als kostenlose E-Mail), senden Sie uns einfach eine Mail mit dem Stichwort „Kleinwaffen-Newsletter“.

DAKS-Newsletter Juli 2019

Bundesregierung beschließt Rüstungsexportbericht für das Jahr 2018

Bereits am 19. Juni 2019 hat das Kabinett den Rüstungsexportbericht für das Jahr 2018 beschlossen und ein vorläufiges Zahlenwerk wurde umgehend durch das Bundeswirtschaftsministerium veröffentlicht. Wie jedes Jahr steht damit nun die Frage im Raum, wie die vorhandenen Zahlen interpretiert und gelesen werden sollten. Die Bundesregierung sieht sich in ihrer restriktiven Exportpolitik bestätigt, das Handelsblatt greift diese Darstellung auf und sieht einen massiven „Einbruch bei Rüsstungsexporten“, Kritik am vorliegenden Bericht wird jedoch trotz des realen Rückgangs der Genehmigungswerte von kirchlichen Vertretern formuliert.

Worin das Problem der Deutung liegt, machen die Fotos deutlich, die in diesen Newsletter aufgenommen wurden: Von „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ wurden im vergangenen Monat Werbeflächen in der Berliner U-Bahn-Station Französische Straße gemietet und mit großflächigen Hinweisen auf die Wirkung deutscher Waffen im Jemen und in Syrien Aufmerksamkeit für das Problem deutscher Rüstungsexporte zu wecken versucht.

Wert deutscher Ausfuhrgenehmigungen in den Jahren 2008 bis 2018

Jahr

EU-Länder (in Mio.Euro)

NATO- oder NATO-gleichgestellte Länder (in Mio. Euro)

Drittländer

(in Mio. Euro)

Einzelgenehmigungen gesamt (in Mio. Euro)

2008

1839

809

3141

5788

2009

1445

1106

2492

5043

2010

2315

1056

1383

4754

2011

1954

1162

2298

5414

2012

971

1129

2604

4704

2013

1168

1071

3606

5846

2014

817

753

2404

3961

2015

2475

763

4621

7859

2016

1353

1827

3668

6848

2017

1483

965

3795

6242

2018

1053

1221

2550

4824

Aus diesen Zahlen geht zwar hervor, dass der Wert deutscher Exportgenehmigungen im Jahr 2018 um rund 1,4 Milliarden Euro gesunken ist und „nur noch“ 4,8 Milliarden Euro beträgt. Aus den Zahlen geht aber gleichfalls hervor, dass nach wie vor über 50% der deutschen Rüstungsexporte in Länder gelangen, die weder zur EU noch zur NATO gehören. Wertmäßig sind 53% der deutschen Waffenexporte für Drittländer bestimmt. Und zu diesen Ländern gehört eben nicht nur der Vatikan – der im Jahr 2018 Waffen im Wert von 13.365 Euro importieren durfte – sondern vor allem auch Saudi-Arabien. Dieses Land, gegen das die Bundesregierung 2018 teilweise ein faktisches Rüstungsexportembargo ausgesprochen hatte, war im gleichen Jahr 2018 einer der wichtigsten Kunden der deutschen Rüstungsindustrie. In der Liste der wichtigsten Empfängerländer steht es an vierter Stelle und damit noch zwei Plätze höher als noch im vergangenen Jahr. Insgesamt wurden im Jahr 2018 Rüstungsexporte im Wert von über 416 Millionen Euro nach Saudi-Arabien genehmigt. Unter diesen Umständen erübrigt sich eigentlich eine weitere Diskussion des Zahlenmaterials, denn es zeigt, dass die Bundesregierung nicht Willens ist, eine restriktive Rüstungsexportpolitik zu betreiben, sondern Exportgenehmigungen vorrangig nach kurzfristigen politischen Nutzenerwägungen erteilt. Und dabei fühlt sich die Bundesregierung dann nicht einmal an ihre eigenen Erklärungen gebunden, dass keine Waffenexporte nach Saudi-Arabien genehmigt werden sollen.

Welche restriktive Rüstungsexportpolitik?

Kommentar zum Rüstungsexportbericht 2018 von „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“

„Die Bundesregierung bezeichnet ihre Rüstungsexportpolitik als restriktiv. Doch der Rüstungsexportbericht 2018 beweist das Gegenteil. Denn die Bundesregierung genehmigte trotz entgegenstehender Gesetze und nachgewiesener Kriegsverbrechen im Jemen Rüstungsexporte an die dort Krieg führenden Staaten in Höhe von 500 Mio. Euro“, kritisiert Christine Hoffmann, pax christi-Generalsekretärin und Sprecherin der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“.

Allein zwischen Januar und Juni dieses Jahres wurde dieser Wert verdoppelt (rund 1 Mrd. Euro) und bewegt sich damit bereits jetzt auf dem Gesamtjahresniveau von 2017 (1,27 Mrd. Euro) und 2016 (1,15 Mrd. Euro). „Das ist ein politisches und moralisches Desaster. Deutschland ist durch Waffengeschäfte mit Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und weiteren Mitgliedern der Kriegskoalition im Jemen mitverantwortlich an der humanitären Katastrophe im Jemen“, so Hoffmann weiter.

„Die Rüstungsexportpolitik der Bundesregierung mit Verweis auf die gesunkenen Genehmigungswerte als ´restriktiv´ zu bezeichnen, ist Augenwischerei und entbehrt jeder Grundlage. Der Wert für Einzelausfuhrgenehmigungen stellt zwar mit 4,82 Mrd. Euro im Vergleich zu den letzten drei Jahren einen Rückgang dar. Aber auch nur, weil diese absolute Negativ-Rekorde brachen. Die Genehmigungswerte für Rüstungsexporte aus dem Jahr 2018 entsprechen aber dem hohen Durchschnittsniveau Anfang des Jahrzehnts“, erläutert Jürgen Grässlin, DFG-VK-Bundessprecher und Sprecher der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ und verweist auf die Grafik im Rüstungsexportbericht selbst, die diesen Sachverhalt veranschaulicht. (Die Grafik findet sich auf der Internetseite der „Aktion Aufschrei“.)

„Wieder gingen über die Hälfte der deutschen Rüstungsexportgenehmigungen an Länder außerhalb von EU und NATO. 2018 entsprachen diese Genehmigungen für den Export an sogenannte Drittländer mit einem Wert von 2,55 Mrd. Euro 53 Prozent der gesamten Einzelausfuhrgenehmigungen. Entsprechend waren auch fünf der Top-10-Empfänger deutscher Rüstungsgüter Drittländer, darunter Saudi-Arabien“, betont Charlotte Kehne, Referentin für Rüstungsexportkontrolle bei Ohne Rüstung Leben und Sprecherin der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ und fügt hinzu: „Eine Kehrtwende in der deutschen Rüstungsexportpolitik ist mehr als überfällig! Als erster Schritt müssen Rüstungsexporte an kriegführende und menschenrechtsverletzende Staaten endlich gestoppt werden!“

Restriktiv“: Bedeutung eines Wortes und einer Politik

Ein Kommentar von André Maertens

Die Tagesschau meldete am 16. Juni, dass deutsche Rüstungsfirmen Kriegsgüter im Wert von mehr als einer Milliarde Euro an Staaten geliefert haben, die im Jemen Krieg führen. Wie hoch der Gewinn für die beteiligten Unternehmen ist, bleibt geheim. Die Dauerkunden der letzten Jahre (und Jahrzehnte) sind dabei: Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, auch Kuwait, Sudan, Bahrain und Jordanien. Soweit nichts Neues, denn dass Deutschland beim globalen Wettlauf um die höchsten Rüstungsexportzahlen – traurigerweise – immer wieder auf dem „Siegertreppchen“ stand, ist bekannt. Und bereits in den vergangenen Jahren waren die Exporte ähnlich hoch (dies ist bereits ein Skandal, angesichts der von den Vereinten Nationen festgestellten humanitären Katastrophe im Jemen).

Doch das Ganze erhält eine gänzlich andere Farbe, wenn man sich daran erinnert, dass es Export-„Verbote“ gab. Die deutsche Regierung wollte sich gegen die Verlängerung des Kriegs im Jemen engagieren. Die heimischen Firmen sollten die Geschäfte mit den Staaten der Allianz um Saudi-Arabien stoppen oder aufschieben. Sollte. Denn das, was da als „restriktiv“ und als Entschlossenheit vorgespielt wurde und wird, ist in Wahrheit ein enormes Täuschungsmanöver und allerbestes Schauspiel. Die RegierungsvertreterInnen, etwa Minister Maas, täuschen Lieferbeschränkungen vor, während tatsächlich geliefert wird. Doch was bedeutet das Wort „Restriktion“ eigentlich? Wie stark ist die Sprachverfälschung, die die Bundesregierung durchführt? Der Duden (wenn das ein Maßstab ist) erklärt „restriktiv“ als „(jemandes Rechte, Möglichkeiten o. Ä.) ein-, beschränkend“. Die Rechte und Möglichkeiten der Rüstungsfirmen sollten, so die offizielle Regierungsverlautbarung, also eingeschränkt werden. Das Gegenteil ist jedoch der Fall, denn die Exporte haben stattgefunden, und zwar nicht beschränkt, sondern „extensiv“ (d. h. laut Duden „ausgedehnt, umfassend“): für über eine Milliarde (1000.000.000) Euro. Wie mag die Exportpolitik dieser CDU-SPD-CSU-Regierung aussehen, wenn sie nicht mehr „restriktiv“ ist? Und wie könnte die deutsche Politik aussehen, wenn die Regierung nicht Orwellsches Neusprech anwendet, sondern Wörter ihrem richtigen Sinn nach benutzt? Jürgen Grässlin schrieb dazu: „In keinem Bereich wird folgenschwerer gelogen, als in dem deutscher Rüstungsexporte an die Allianz der kriegführenden Staaten im Jemen-Krieg!“ Recht hat er. Und er ergänzt: „Die Zahl der Toten – durch den Direkteinsatz der Kriegswaffen und die folgenschwere See-, Land- und Luftblockade – geht in die Tausende. Dessen ungeachtet bricht die Bundesregierung mit immer neuen Rüstungsexportgenehmigungen ihre zahlreichen Versprechen und en passant den Koalitionsvertrag.“

Für die deutsche Außen- und Wirtschaftspolitik bedeutet dies, dass es einen enormen Vertrauensverlust geben wird. Wer Exportstopp verkündet, kann nicht anschließend liefern. Die große Koalition lügt, und dies zum wiederholten Male. Da hilft auch kein Verweis auf die Waffenexport-Interessen der französischen oder britischen Regierungen. Vor allem aber bedeutet diese inhumane Exportpolitik, dass noch mehr Menschen im Jemen durch Waffen sterben werden, durch Hunger oder durch Krankheiten. Wer mehr wissen will:

KEY HUMANITARIAN ISSUES

1. Basic survival needs

More than 20 million people across the country are food insecure, including nearly 10 million who are suffering from extreme levels of hunger. For the first time, the Integrated Food Security Phase Classification (IPC) has confirmed pockets of catastrophic hunger in some locations, with 238,000 people affected. An estimated 7.4 million people require services to treat or prevent malnutrition, including 3.2 million people who require treatment for acute malnutrition – 2 million children under 5 and more than one million pregnant and lactating women (PLW). A total of 17.8 million people lack access to safe water and sanitation, and 19.7 million people lack access to adequate healthcare. Poor sanitation and waterborne diseases, including cholera, left hundreds of thousands of people ill last year. In sum, needs have intensified across all sectors. Millions of Yemenis are hungrier, sicker and more vulnerable than a year ago, pushing an ever-greater number of people into reliance on humanitarian assistance. Humanitarian response is increasingly becoming the only lifeline for millions of Yemenis.

2. Protection of Civilians

Yemen is facing a severe protection crisis, and civilians face serious risks to their safety, well-being and basic rights. Tens of thousands of people have been killed or injured since 2015, and among them at least 17,700 civilians as verified by the UN. An estimated 3.3 million people remain displaced, up from 2.2 million last year. This includes 685,000 people who fled fighting in Al Hudaydah and on the west coast from June onwards. Escalating conflict is causing extensive damage to public and civilian infrastructure. Intensity of conflict is directly related to severity of needs. Humanitarian needs are most acute in governorates that have been most affected by conflict, including Taizz, Al Hudaydah and Sa’ada governorates. More than 60 per cent of people in these governorates are in acute need of humanitarian assistance.

(Quelle: Vereinte Nationen: Yemen: 2018 Humanitarian Needs Overview)

Oder:

Die Folgen des Krieges im Jemen sind verheerend. Es gibt nur eine Lösung für dieses menschengemachte Desaster: Die Welt darf nicht weiter blind gegenüber den Leiden der Menschen im Jemen bleiben! […]

● 22,2 Millionen Menschen (mehr als 75 Prozent der Bevölkerung) benötigen humanitäre Hilfe.

● Mehr als 14 Millionen Menschen stehen vor einer Hungersnot.

● 16 Millionen Menschen haben keinen ausreichenden Zugang zu Wasser und sanitären

Einrichtungen.

● Eine Cholera-Epidemie hat mehr als 2.500 Menschen das Leben gekostet. Seit April 2017 gab

es mehr als 1,2 Millionen mutmaßliche Cholera-Fälle – einer der schlimmsten Ausbrüche in

der jüngeren Geschichte.

● 16,4 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu medizinischer Grundversorgung, darunter

9,3 Millionen Menschen, die akute Unterstützung benötigen und in stark unterversorgten

Gebieten leben.

● Mehr als eine halbe Million Menschen, die vor den Kämpfen im Jemen geflohen sind, sind

derzeit einer zusätzlichen Gefahr ausgesetzt: eiskalte Temperaturen.

(Quelle: Oxfam Deutschland: Stoppt den Krieg im Jemen!)

Und wer 35 Minuten Zeit für Informationen zu deutschen Waffen im Nahen Osten hat, kann sich diese Weltspiegel-Reportage vom 7. Juli anhören (Moderation: Isabel Schayani, Redaktion: Petra Schmitt-Wilting, Male Stüssel).

Waffenexport-Lockerung für Saudi-Arabien ist beschämend

Die Kriegsmaterial-Exportsperre für Saudi-Arabien soll aufgehoben werden. Die GSoA kritisiert diesen Entscheid aufs Schärfste.

Die internationale Kritik an Saudi-Arabien führte im Herbst 2018 auch in der Schweiz zu einem Umdenken: Ersatzteile durften nicht mehr nach Saudi-Arabien exportiert werden, hängige und neue Gesuche wurden nicht weiter behandelt. Jetzt macht der Bundesrat einen folgenschweren Rückzieher und lässt die Lieferungen an Saudi-Arabien wieder zu. Der Bundesrat verschliesst dabei die Augen vor der Tatsache, dass die Aufhebung der Exportbeschränkung die militärische Stärkung eines Regimes bedeutet, das die Menschenrechte auf eigenem und auf fremdem Territorium regelmässig und schwerwiegend mit Füssen tritt. Offenbar sind dem Bundesrat die Interessen der saudischen Regierung und diejenigen von Rheinmetall wichtiger als die humanitären Werte der Schweiz.

„Bei jeder Waffe besteht ein Risiko, das sie für Menschenrechtsverletzungen eingesetzt wird, gerade in einem Land, welches sich in an einem Bürgerkrieg beteiligt“, meint GSoA-Sekretärin Judith Schmid. „Es würde dem Bundesrat gut anstehen, die Blockierung zu belassen und die Exporte weiterhin zu verbieten.“ Der Bundesrat argumentiert mit der fehlenden rechtlichen Grundlage und scheint dabei zu vergessen, dass er die fast absolute Hoheit über die auf Verordnungsebene geregelten Export- und Embargobedingungen hat. „Gerade bei den Exportbedingungen hat sich der Bundesrat immer wieder gegen eine Verankerung auf Gesetzesebene gesträubt“, erinnert Schmid, „jetzt darauf zu rekurrieren, es bestehe keine gesetzliche Grundlage, ist einfach nur schwach.“ Hoffnung sieht sie in der letzte Woche eingereichten Korrektur-Initiative, die ein Minimum an Schranken in Sachen Kriegsmaterialexporten in der Verfassung festhalten will.

Wie geht es weiter mit Heckler & Koch?

Die Ausschreibung um das von der Bundeswehr zu beschaffende Nachfolgemodell des G36 ist mittlerweile zu einer Farce geworden, da sich alle potentielle Bewerber um den Auftrag – mit Ausnahme von Heckler & Koch – von der Ausschreibung zurückgezogen haben. In dieser Situation wirft Heckler & Koch dem Bundesverteidigungsministerium vor, keine sachkundige Auswahl für das neue Gewehr zu treffen und fordert die Verteidigungsministerin auf, die Ausschreibungskriterien zu verändern. Gleichzeitig erwägt der Kleinwaffenhersteller mit Harald Kujat einen ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr in den Aufsichtsrat von Heckler & Koch zu berufen.

Was wie eine Farce klingt, ist in diesem Fall auch eine Farce. Und diese wird noch vergrößert, wenn man bedenkt, dass Heckler & Koch nach wie vor mit erheblichen finanziellen Problemen zu kämpfen hat. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG warnte in ihrem Bilanzbericht für die Hauptversammlung der Heckler & Koch AG vor der Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens, sollte es nicht zeitnah möglich sein, die Finanzprobleme des Waffenherstellers zu beheben.

Heckler & Koch und die Bundeswehr: MG5 soll MG3 ersetzen

Ja, das G36 bzw. die Einschätzung, dass hier ein schlechtes Gewehr geliefert worden sei, haben eine politische Krise ausgelöst (mit der die Bundeswehr-Ministerin Ursula von der Leyen viel zu tun hatte – gewollt und ungewollt). Ja, der „gute“ Ruf des Waffenherstellers Heckler & Koch hat dadurch gelitten und auch die Beziehungen zwischen Verteidigungsministerium und Waffenfirma, die lange als so sicher und gut galten, wurden beschädigt. Aber auch drittens ja, die Regierung macht weiter Geschäfte mit dem angeblich so schlechten Gewehr-Produzenten. Oberndorf und Berlin sind also nicht entzweit, auch wenn es manches Mal so aussehen mag. Das klingt fast unglaublich, nach all den Scharmützeln und Profilierungskämpfen im Rahmen der G36-Debatte. Fast scheint es ein wenig wie im Märchen, alles geht gut aus und die Moral von der Geschichte lautet: Stütze deine eigenen Waffenbauer, denn das „nationale Wohl“ will es. Es geht also auftragstechnisch gut weiter für H&K, womöglich auch beim G36-Nachfolger. Allerdings geht es nicht gut aus für die von den Waffenlieferungen betroffenen Menschen in anderen Ländern. Während die Oberndorfer Manager gern den Blick in die Zukunft richten, wollen wir einmal zurückschauen, denn die anstehende Ersetzung des MG3 durch das MG5 hat eine Vorgeschichte:

Das MG5 von Heckler & Koch schickt sich an, einen deutschen MG-Klassiker, vielleicht den MG-Klassiker zu ersetzen. Die Waffenentwicklung, die beim MG42 im Zweiten Weltkrieg (und zuvor beim MG34) begann, sah ein leicht bewegliches Maschinengewehr vor, das neue taktische Einsatzmöglichkeiten eröffnete. Waffenentwickler wie der heute zu (oder wegen Unrecht?) vergessene Freiburger Ludwig Vorgrimler legten die Grundlagen für Mauser-Waffen ebenso wie für spätere H&K-Waffen, etwa für das G3-Gewehr. Die NS-deutschen Truppen hatten u. a. mit dem MG42 gemordet und Holocaust und Vernichtungskrieg möglich gemacht, später war dieses MG auch bei anderen Armeen „beliebt“. Viele deutsche Waffenbauer waren im Kalten Krieg begehrte Spezialisten, etwa Arthur Rudolph, der bei der Entwicklung der furchtbaren „Vergeltungswaffen“ in Peenemünde und dann auch in der Nähe des thüringischen Nordhausen KZ-Häftlinge als Zwangsarbeiter einsetzen ließ – mehrere Zehntausend dieser Menschen überlebten dies nicht – und später von der NASA ausgezeichnet wurde (siehe die ARD- Reportage „Operation Mondlandung“ von Jens Nicolai). Werner Gruner, der maßgeblich am Bau des MG42 beteiligt gewesen war, wurde in den 1950er Jahren in der DDR Professor für Maschinenbau.

Das MG3 wurde von Rheinmetall gefertigt (nun im Kaliber 7,62 × 51 mm) und in viele Staaten exportiert, wanderte in Grau- und Schwarzmärkte, ähnliche Weiterentwicklungen wurden von NATO-Partnern benutzt, etwa das MG74 in Österreich. Pakistan und die Türkei erhielten Baulizenzen. Auch die Nachfolge-Armee der faschistischen Wehrmacht, die Bundeswehr, nahm diese Waffe ins Arsenal. Kleinwaffen wurden in den folgenden Jahrzehnten – neben dem Einsatz von Großwaffen bei den zwischenstaatlichen Kriegen – weltweit (bzw. in den Kriegszonen fernab der reichen Länder!) zu den wichtigsten Massenvernichtungswaffen, auch ein Grund für den Erfolg deutscher Schusswaffenproduzenten wie H&K, Walther, Mauser und eben Rheinmetall. Die sogenannten Exportzahlen gingen mal mehr, mal weniger schnell hoch, und konnten ab 1998 noch einmal gesteigert werden. Der Schusswaffenmarkt florierte.

Der Beginn des neuen Jahrtausends brachte einen ersten „Konkurrenten“: das MG4. (Albanien, Estland, Malaysia, Portugal, Spanien und die Türkei nutzen es wohl schon.) Diese Waffe sollte bei der Bundeswehr das bewährte MG3 ersetzen, doch das Kaliber 5,56 x 45 mm NATO war vielen Militärplanern nicht stark genug, vor allem, weil man nicht so nah an den „Feind“ heranwollte bzw. will. Über diese relativ weite Kampfentfernung von über 300 Metern habe, so die Militärs, dieses Kaliber nicht mehr die „gewünschte Wirkung“ – sprich den Tod des beschossenen Menschen. Deswegen (und wegen der Idee, dass man mit neu verkauften Waffen mehr Geld verdienen kann, als wenn die Käufer immer die alten Waffen weiter benutzen) wurde ein neues Gewehr propagiert: das MG5 (ursprünglich HK121). Dieses MG ist zwar schwerer, aber erscheint moderner und hat wieder das größere Kaliber 7,62 × 51 mm, das schon beim G3-Gewehr eingesetzt worden war und auch beim HK417 Verwendung findet. Nun sollen, laut Medienaussagen, über zehntausend MG5 für die deutschen SoldatInnen (und auch für die deutsche Polizei?) gekauft werden, Exporte lassen sich vorhersehen… .

/1/“>Chile könnte diese Waffe bereits gekauft haben.

Soweit zur waffentechnischen und betriebswirtschaftlichen Seite dieser Geschichte. Sauber und unblutig, technisch und militärplanerisch „interessant“. Doch es gibt auch eine andere Wahrheit bei diesem Thema, nämlich die Realität des Waffenexports und des Waffeneinsatzes. Erschossene Menschen. Es geht eben nie wie im Märchen aus, die Wirklichkeit von Kriegsunterstützung und Kriegsprofit ist komplexer und trauriger und verlangt nach einer Aufklärung der alten und neuen Exportverbrechen:

Die Realität ist, dass Schusswaffenexporte weiter ein sicheres Geschäft sind, wenn ihnen nicht von KritikerInnen und Friedensbewegten Einhalt geboten wird – die Bundesregierung ignoriert diese stille Kriegsbeteiligung vieler deutscher Firmen. Realität ist auch, dass Heckler & Koch weiter von der Bundesregierung unterstützt wird, durch Geschäftsbeziehungen und die nicht erfolgte Abkehr von einer Firma, die wegen mehr als gut begründeter gerichtlicher Anklagen kein Partner einer Regierung mehr sein sollte. Und es ist Realität, dass die Einführung von noch mehr MG5-Exemplaren schließlich sogenannte Altwaffen produzieren wird, d. h. die vielen MG3 werden zwar ausgemustert, aber verschwinden dadurch ja nicht aus dem Waffenarsenal bzw. vom Waffenmarkt. Schließlich ist es eine bekannte Tatsache, dass es die Bundesregierungen der letzten Jahre nicht so genau genommen haben und nehmen, wem sie „alte“ Waffen verkaufen oder geben (man denke an die absolut unkontrollierte und unkontrollierbare Lieferung an die Peschmerga bzw. in jene Region). Und letztlich ist erschreckenderweise auch Realität, dass Heckler & Koch durch Gewinne aus solchen Waffengeschäften mit der Merkel-Regierung die Möglichkeit erhält, auch andernorts und mit anderen „Produkten“ Unrecht zu begehen, man denke nur an die G36-Lieferungen in mexikanische Unruheprovinzen. Wahr bleibt deshalb: Heutige und leider auch zukünftige Exportverbrechen harren noch ihrer Aufdeckung und juristischen Ahndung. Die verantwortlichen RegierungspolitikerInnen, auch jene in der Region Oberndorf (neben dem Bundestagsabgeordneten Volker Kauder auch der Landtagsabgeordnete Stefan Teufel und der Landrat Wolf-Rüdiger Michel, alle CDU), täten also mehr als gut daran, solche Aufrüstungsprojekte nicht zu unterstützen oder besser noch, dagegen zu arbeiten. Mit dem Arbeitsplatz-Argument kann man da schon lange nicht mehr kommen, zumindest nicht, wenn man als christlich angesehen werden will.

Die jetzigen politischen AmtsträgerInnen in Baden-Württemberg und Berlin müssen diese Realitäten sehen und politisch dementsprechend handeln, denn Gewalt kann und darf kein Export-Gut sein, schon gar nicht aus Deutschland.

Doch eine Abwahl würde wenig ändern: Denn wie wir aus der blutigen Export-Realität der Jahre ab 1998 gelernt haben, ist auch ein Regierungspartner „Bündnis 90 / Die Grünen“ allzu gern bereit, Waffen zu exportieren, da sind Frau Keul und Herr Nouripour nur die Deckmäntelchen vor und die Macher eines erneuten grünen Pazifismus-Mythos nach einem erneuten Machtantritt.

Wer mehr lesen will, kann (immer mit der gehörigen Vorsicht) im Blog „Augen geradeaus“ von Thomas Wiegold und bei Matthias Baumann bzw. der BTB concept Presseorgane GmbH mehr lesen.

Neue Grundsätze für Rüstungsexporte: Einschränkungen bei Kleinwaffen?

Die ARD berichtete am 24. Juni über Richtlinien-Gespräche von CDU und SPD, was Rüstungsexporte betrifft. Horst Kläuser spricht unter der Überschrift „Rüstungsexporte: Weniger deutsche Kleinwaffen für die Welt“ über diese angeblichen Veränderungen. Wieder soll angeblich nichts außerhalb von EU- und NATO-Ländern ankommen (plus Australien, Neuseeland, Japan und die Schweiz). Und angeblich kann man das auch so kontrollieren. Und natürlich sind Re-Exporte, Graumarktgeschäfte, Altwaffen-Problematik und ähnliche Dinge keine Probleme, sondern Lügen, so wie der Klimawandel. Oder? Dann spricht man noch etwas von (noch einmal: angeblich) „härteren Regeln beim Transfer von Technologie von Rüstungsfirmen ins Ausland“ und damit ergibt sich ein schönes, rundes Bild einer Regierungsarbeit, die all die von Friedensbewegten angeregten Debatten über Problemfelder bei der Rüstungsexport-Kontrolle ernst nimmt und gut sichtbare Maßnahmen folgen lässt. Wie sagte einst Axel Mayer (BUND) mit Bezug auf die dreisten und gefährlichen Realitätsverdrehungen der Atom-Mafia: „Ich glaub s’ischs ganze Jahr Fasnet!“ Damit hätte er auch die Propaganda-Tricks der Rüstungsexport-Lobbyisten in Regierungskreisen meinen können.

BICC hat zu den „neuen“ Richtlinien einen Kommentar herausgegeben.

Im ARD-Bericht „Rüstungsexporte: Deutschland – ein unberechenbarer Partner?“ von Christian Feld wird die wichtige Frage angesprochen, wie die deutsche Regierung und die deutschen Rüstungsfirmen ihre „Verantwortung“ gegenüber Geschäftspartnern in Frankreich und Großbritannien wahrnehmen können oder ob sie nicht zu einem Hemmschuh für gemeinsame Projekte werden (Paradebeispiel ist der als so intensiver Zukunftswunsch beinahe schon real existierende Kampfjet „Future Combat Air System“). Welch gute Gelegenheit, international gefährliche Waffenentwicklungen zu behindern oder zu verhindern! Das wird die jetzige (und sicher auch die kommende) Regierung sicherlich nicht versuchen, aber das zeigt ja gerade, welcher Geist hier herrscht. Europa bedeutet für diese Leute Militär und Kriegsbereitschaft, mehr nicht. Wie bitter. Und wie soll man damit die Bevölkerung für ein solidarisches, weltoffenes und human handelndes Europa begeistern? Bürden wir das alles einfach mutigen Menschen wie Carola Rackete auf? (Von dieser Stelle aus einmal großen Dank!) Wer die Rüstungskonzerne unterstützt, ist kein Europäer und keine Europäerin, sondern nur ein Freund des Profits und der kriegerischen Denkweise.

Derweil wollen viele Leute in Großbritannien die Europäische Union verlassen. Dies wird zwangsläufig zu einer Verschiebung der militärischen Organisation der EU-Mitgliedstaaten führen. Wenn „England“ (als ob da nicht auch andere mitaustreten müssen) sich von dem gemeinsamen Plan abwendet, ist die Frage, wie sich Militärstrategien und auch Waffenexport-Kooperationen verändern werden. Sehr wahrscheinlich nicht zum Nachteil der Waffenfirmen, aber andererseits, bei so viel Irrationalismus wären auch Beschränkungen der eigenen „Sicherheit“ und der waffenproduzierenden Unternehmen denkbar. Bei einem solchen Wahnsinns-Kurs ist weder einem Farage, einem Johnson noch (auf der anderen Ozean-Seite) einem Trump zu trauen.

Zwei Texte von der Informationsstelle Militarisierung helfen, mehr von dem zu verstehen, was hinter „europäischen“ Türen für die Zukunft geplant wird: „Aachener-Militärvertrag: Deutsch-Französische Führungsansprüche“ (IMI-Standpunkt 2019/003 von Jürgen Wagner) und eine Rezension des 2018 von Claudia Haydt und Jürgen Wagner veröffentlichten Buchs „Die Militarisierung der EU. Der (un-)aufhaltsame Weg Europas zur militärischen Großmacht“. Diese Buchbesprechung trägt die Überschrift „Friedensprojekt Europa? Schön wär´s. Die EU entwickelt sich zunehmend in eine ganz andere Richtung“ und ist im „Braunschweig-Spiegel“ erschienen. Der Verfasser ist Andreas Matthies.

Zur Wahl von Ursula von der Leyen als Kommissionspräsidentin

Mi, 17/07/2019 - 08:04

 

Europa ist ein Friedensprojekt – so kann man das dieser Tage Überall hören, lesen und wenn man es möchte auch sehen.

Das nun eine Deutsche Kommissionspräsidentin geworden ist, darüber könnte man sich in Deutschland aus nationalem Interesse freuen – aber genau darum geht es ja in Europa nicht. Es soll im Interesse aller sein.

Das nun eine Frau an der Spitze der Kommission steht ist zwar ein progressiver Schritt in die richtige Richtung – dass man sich dafür aber Ursula von der Leyen ausgesucht hat ist nicht unbedenklich für das Friedensprojekt in Europa.

Ursula von der Leyen war die einzige Verteidigungsministerin die es in Deutschland länger als eine Legislaturperiode auf diesem Ministerposten geschafft hat. Dieser Tage war der Ministerposten jedoch durch das Gorch-Fock-Debakel – in welchem die Kosten von 10 Millionen Euro auf bis zu 135 Millionen Euro hochschnellten und vom verdachte der Korruption überschattet wurden – und den Untersuchungsausschuss zu den fragwürdigen Beraterverträgen gefährdet. Im Dezember wird die neue Kommissionschefin dann wohl nach Willen der Grünen und der FDP im Deutschen Bundestag aussagen müssen – zu Ihrer dann Vergangenheit als Verteidigungsministerin. Der Vorwurf wirkt schwer: Es geht um Beraterverträge in Millionenhöhe, Verdacht auf Rechtsbruch und Hinweise auf Vetternwirtschaft im Verteidigungsministerium. Dem Bundesrechnungshof zufolge hat das Ministerium 2015 und 2016 mindestens 200 Millionen Euro für Berater ausgegeben. Wird von der Leyen als EU-Kommissionschefin zu ihrer Zeit als deutsche Verteidigungsministerin befragt, könnte das die internationale Aufmerksamkeit für die Berateraffäre erhöhen.

Natürlich fallen in Ihre Amtszeit auch Entscheidungen die Ihr Verständnis von Europa zeigen.

Als Verteidigungsministerin trat sie stark für europäische Rüstungsprojekte ein und sprach sich auch für die Bildung einer europäischen Armee aus. Von der Leyen ist Mitglied im Board des Weltwirtschaftsforums in Davos (WEF). In einem Gastbeitrag schrieb sie dort im Januar, Rechtsstaatlichkeit und die Menschenwürde seien die zentralen europäischen Werte, die es mit allen Mitteln zu verteidigen gelte: diplomatisch, wirtschaftlich, kulturell „und wenn nötig auch militärisch“. Worte die unter steigenden europäischen Militärausgaben zu denken geben.

Es bleibt abzuwarten ob Europa in den nächsten fünf Jahren von einer deutschen Kommissionspräsidentin wird militärisch Verteidigt werden müssen.

Bild: © European Union 2019 – Source: EP

SIPRI-Zahlen zeigen: Für Deutschland gilt: Sozialdemokratische Regierungen liefern häufiger Waffen

Mo, 15/07/2019 - 09:00

Auf den ersten Blick hin möchte man vermuten das bei Linken und Sozialdemokraten eher zurückhaltung herrscht hinsichtlich der Lieferung von Rüstungsexporten – unabhängig von der Situation im Empfängerland.

 

Leider ist dem aber eben nicht so – Eine Studie der Ökonomin Agnes Brender von der Universität Hamburg hat gezeigt, dass linke Regierungen deutlich stärker als sämtliche andere Regierungen geneigt sind, Waffenexporte zu genehmigen. Helmut Schmidt und Gerhard Schröder verkauften mehr Waffen als Helmut Kohl. Für den Zeitraum 1975 bis 2017 wurde die parteipolitische Zusammensetzung von Bundesregierungen und Waffenexporte miteinander verglichen. Demnach wurden zu Zeiten der sozialliberalen Koalition unter Helmut Schmidt sowie der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder deutlich mehr Waffenexporte genehmigt als unter der schwarz-gelben Regierung von Helmut Kohl. Seit Angela Merkel die Regierungsgeschäfte führt ist die Datenlage jedoch mit vorsicht zu genießen – denn zwischen Genehmigung und Export können zum Teil Jahre liegen. Aber zeigt sich auch hier dass die Waffenexporte zu Zeiten der großen Koalitionen unter Angela Merkel 2005-2009 und 2013-2017 höher waren als während der schwarz-gelben Koalition unter Merkel 2009-2013 oder zu Zeiten der Regierungen Schmidt, Kohl und Schröder.

 

Datengrundlage waren Exporte aus 68 Demokratien in 87 Importländer im Zeitraum von 1995 bis 2011. Zwar zeigt eine tiefergehende Analyse der Studie das die bereitschaft zum Rüstungsexport seltener für Konfliktländer galt, aber eine gute Menschenrechtslage die bereitschaft zur Bewilligung von Waffenexporten Sogar manchmal erhöht hat.

Heckler & Koch-Hauptversammlung: Kritische Aktionär*innen prangern verfehlte Geschäftspolitik an

Do, 11/07/2019 - 11:33
  • Verurteilung wegen illegaler Waffenexporte, interne Querelen und drohende Pleite: Krisengeschüttelter Waffenhersteller kommt nicht zur Ruhe
  • „Kritische Aktionär*innen Heckler & Koch“ fordern konsequente Umsetzung der „Grüne-Länder-Strategie“ und sofortigen Stopp aller umstrittenen Altverträge
  • Das Heckler & Koch-Desaster ist Ergebnis einer völlig verfehlten Geschäftspolitik – „Kritische Aktionär*innen Heckler & Koch“ fordern Nichtentlastung des Vorstands

Freiburg/ Stuttgart/ Köln, den 11. Juli 2019. Anlässlich der morgigen Hauptversammlung der Heckler & Koch AG fordert das Bündnis der „Kritischen Aktionär*innen Heckler & Koch“ eine konsequente Umsetzung der „Grüne-Länder-Strategie“, die mit dem sofortigen Stopp aller umstrittenen Altverträge einhergehen muss. Heckler & Koch-Waffenlieferungen an kriegführende und menschenrechtsverletzende Staaten darf es nicht mehr geben.

Master of Desaster

„Das Geschäftsjahr 2018 hat sich für Heckler & Koch zu einem Desaster ohnegleichen entwickelt: Das Finanz- und Aktienkursdesaster führte das Unternehmen an den Rand der Pleite. Arbeitnehmer müssen – vielfach wider Willen – unentgeltlich länger arbeiten. Kein Wunder, dass sich das Personalkarussell immer schneller dreht. Dass Aufsichtsratschef Dieter John seinen Platz für Ex-General Harald Kujat räumen muss, ist der verzweifelte Versuch, den G36-Nachfolgeauftrag doch zu ergattern – und sei es über puren Lobbyismus“, kritisiert Jürgen Grässlin für die „Kritischen Aktionär*innen Heckler & Koch“.

All diese Fehlsteuerungen und Fehlentwicklungen sind das Ergebnis eines fundamentalen Strategiedesasters. Denn sowohl Vorstand als auch Aufsichtsrat haben es erneut versäumt, die Weichen hin zur Rüstungskonversion, der Umstellung auf eine sinnvolle nachhaltige zivile Fertigung, zu stellen. Stattdessen wird mit H&K-Waffen weiter weltweit gemordet: beispielsweise in Mexiko, in Brasilien, in der Türkei und von Saudi-Arabien im Jemen-Krieg. Auch die Zusage, statt des geforderten Opferfonds einen vergleichbaren Sozialfonds zu schaffen oder zu finanzieren, wurde offenbar nicht eingehalten“, so Grässlin, Vorsitzender des RüstungsInformationsBüros, Bundessprecher der DFG-VK und von „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“. „Wenn es Heckler & Koch mit seiner ‚Grüne-Länder-Strategie‘ wirklich ernst meint, dann müssen umgehend alle noch bestehenden Altverträge mit ‚roten‘ und ‚gelben‘ Staaten gestoppt werden“, so Grässlin weiter.

Mitverantwortung für Exportfolgen anerkennen

Die „Kritischen Aktionär*innen Heckler & Koch“ werden auch in diesem Jahr die Verbindung zwischen illegalen G36-Exporten nach Mexiko und den Verbrechen im Fall Ayotzinapa in der Hauptversammlung zum Thema machen. Am 21. Februar 2019 wurde vom Landgericht Stuttgart das Urteil im Heckler & Koch-Prozess verkündet. Es stellte fest, dass tausende G36-Gewehre illegal nach Mexiko exportiert wurden. Diese Waffen kamen auch bei Menschenrechtsverletzungen und Gewalttaten zum Einsatz – wie der Fall Ayotzinapa zeigt. „Die fatalen Konsequenzen von Kleinwaffenexporten in den Empfängerländern dürfen nicht in Vergessenheit geraten – weder im Fall Ayotzinapa, noch bei weiteren Heckler & Koch-Exporten in die Krisenregionen dieser Welt“, fordert Charlotte Kehne. Daher müsse das Unternehmen endlich eine Mitverantwortung für die Folgen solcher Exporte anerkennen.

Kritik an Expansion in die USA

Einen weiteren Kritikpunkt sieht die Referentin für Rüstungsexportkontrolle bei Ohne Rüstung Leben und Sprecherin der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ in der Expansion von Heckler & Koch in die USA. „Schusswaffen sind die Ursache für über die Hälfte aller gewaltsamen Tode in den USA. Vor diesem Hintergrund ist die Belieferung des sogenannten US-Zivilmarktes bereits beunruhigend genug. Hinzu kommt die Sorge, dass der US-Standort als Hintertür für den Export von Heckler & Koch-Kleinwaffen in ‚nicht-grüne‘ Länder genutzt werden könnte, zum Beispiel nach Lateinamerika. Hier werden wir beim Vorstand ganz genau nachhaken“, so Kehne.

Die „Kritischen Aktionär*innen Heckler & Koch“ nutzen nun bereits zum dritten Mal ihr Rede- und Fragerecht, um Vorstand und Aufsichtsrat des Kleinwaffenherstellers mit ihrer Kritik zu konfrontieren und Nachfragen zur Geschäftspraxis zu stellen.

Gegenantrag von Jürgen Grässlin für die Kritischen Aktionär*innen, siehe auch https://www.heckler-koch.com/de/ir/ir-mitteilungen.htm

Vor, während und nach der Hauptversammlung stehen Mitglieder der Kritischen Aktionär*innen Heckler & Koch Pressevertreter*innen für Nachfragen und Interviews gerne zur Verfügung.

  1. Juli 2019, ab 08:00 Uhr vor dem Restaurant „Badhaus“ (Veranstaltungssaal)
    Neckartal 167, 78628 Rottweil, wo eine Aktion in Gedenken an die Opfer der Heckler & Koch-Waffenexporte vor Beginn der Hauptversammlung stattfinden wird.

Pressekontakte:

Das 8-Milliarden-Franken-Projekt

Mo, 08/07/2019 - 09:00

Die Testflüge sind schon eine Weile abgeschlossen, das 8-Milliarden-Franken-Beschaffungsprojekt “Air 2030” geht damit in die entscheidende Phase. Die bisherigen zwei Kampfjet-Typen will die Schweiz schrittweise ab dem Jahr 2025 durch moderne Modelle ersetzen und ab 2030 soll dann nur noch mit einem Typ Kampfjet der Luftraum verteidigt werden. Um die Jahreswende 2020/2021 soll feststehen wer den Zuschlag bekommt.

Bild: Sebastian Müller

Unter den Bewerbern ist sowohl der von Airbus hergestellte Eurofighter – der in Österreich, Italien und Deutschland bereits eingesetzt wird –  als auch das Modell F/A-18 Super Hornet von konkurrent Boeing. Der Vorteil von Boeing ist, dass die Schweizer Luftwaffe dieses Flugzeug bestens kennt und seit zwei Jahrzehnten neben inzwischen veralteten Tiger F-5 einsetzt, die nur noch bei Tag fliegen. Auch beworben hat sich Dassault, obwohl man mit Airbus gemeinsam den Kampfjet der nächsten Generation bauen will – den schweizer Auftrag will man alleine einheimsen. Als vierter geht noch Lockheed-Martin aus den USA an den Start, diese treten mit dem Tarnkappen Kampfjet F-35A zur Erprobung an.

Zu den Besonderheiten der Ausschreibung gehört auch, dass die Schweiz 100 Prozent „Offset“ fordert. Das bedeutet dass der Gewinner der Ausschreibung eine wirtschaftliche Gegenleistung in der Schweiz in gleicher Höhe leisten muss. Bemerkenswert ist auch, dass es sich bei der Eurofighter-Bewerbung um ein Government-to-Government-Geschäft handelt. Die Regierung in Bern verhandelt also letztlich mit der Bundesregierung in Berlin und nicht mit Airbus über die Beschaffung.

Betrachtet man den Aufwand der hier Betrieben wird, ist es verwunderlich das man bei Spiegel Online nachlesen kann, das man keine Sorgen über die Einsatzbereitschaft der Schweizer Luftwaffe haben müsse – die Maschinen würden schon seit langem nicht mehr für Kampfeinsätze genutzt.

Deutschlands Lieferung, Österreichs Beitrag?

Mo, 01/07/2019 - 09:00

            Spanischer Grenzschützer im Mittelmeer mit G36

Seit 20 Jahren ist das von Heckler&Koch produzierte und vertriebene G36 in Spanien im Einsatz. Dort wird es als Fusil Asalto 5.56mm bezeichnet. Nun suchen die Spanier nach eine möglichkeit die 60.000 G36 welche sich seit 1999 im Einsatz befinden zu „Updaten“. Hierbei könnten Steyr Arms aus Österreich und Wilcox Industries aus den USA zum Zug kommen.

FDFA bans Pilatus from supplying services in Saudi Arabia and the United Arab Emirates

Do, 27/06/2019 - 11:38

Bern, 26.06.2019 – The Directorate of Political Affairs at the Federal Department of Foreign Affairs (FDFA) issued a ban on services provided by Pilatus Aircraft Ltd in Saudi Arabia and the United Arab Emirates based on the Federal Act on Private Security Services Provided Abroad (PSSA). The Directorate has also filed a report with the Office of the Attorney General of Switzerland.

The Directorate of Political Affairs has reviewed the services supplied by Pilatus Aircraft in Saudi Arabia, Qatar, the United Arab Emirates and Jordan, which include technical support, replacement parts management and rectifying faults affecting the Pilatus PC-21 aircraft. These services qualify as logistical support for armed forces and must therefore be declared in accordance with the Federal Act on Private Security Services Provided Abroad (PSSA).

Having investigated the matter carefully, the Directorate of Political Affairs has concluded that support services supplied by Pilatus Aircraft to the armed forces of Saudi Arabia and the United Arab Emirates are in breach of Article 1 para b of the PSSA, as they are incompatible with the federal government’s foreign policy objectives. The FDFA has therefore called for these services to be discontinued.

Pilatus Aircraft now has 90 days to pull out of Saudi Arabia and the United Arab Emirates. However, the FDFA saw no grounds for prohibiting the company’s activities in the service of the armed forces in Qatar and Jordan.

Evidence of non-compliance with the declaration requirement

The Directorate of Political Affairs also assessed whether Pilatus Aircraft was in breach of the obligation to declare its activities. It believes there is sufficient evidence that Pilatus Aircraft failed to comply with its statutory obligations in this case and has therefore reported the incident to the Office of the Attorney General of Switzerland. It is now for the Office of the Attorney General of Switzerland and the courts to determine whether Pilatus Aircraft is, in fact, in breach of applicable law.

DAKS-Newsletter Juni 2019 ist erschienen!

Do, 27/06/2019 - 07:55

Nachdenken über Krieg und Frieden kann man aus den verschiedensten Perspektiven, in einer Vielzahl von Kontexten und auf die unterschiedlichsten Weisen. Kunst und Literatur sind Welten, in denen ein solches Nachdenken hervorragend funktioniert – und wenn sich beide Bereiche miteinander ins Gespräch bringen lassen, wie dies im Medium des Comics geschieht, dann sind tiefgründige Denkprozesse zu erwarten.

Im Rahmen eines deutsch-taiwanesischen Kooperationsprojektes ist in den vergangenen Jahren ein mehrbändiges Werk erschienen, das genau diesen Grenzbereich erforscht. Mit „Gesellschaft im Comic – Grafische Erzählungen zu Geschichte und Krieg“ liegt nun der 3. Band dieser Publikation vor, die die verschiedenen Darstellungsformen und Denkweisen über Krieg und Frieden im Comic analysiert und vorstellt.

Mehr dazu im neuen Newsletter! Und viel Vergnügen bei der Lektüre!

Zum Weiterempfehlen: Wenn Sie den Kleinwaffen-Newsletter abonnieren wollen (als kostenlose E-Mail), senden Sie uns einfach eine Mail mit dem Stichwort „Kleinwaffen-Newsletter“.

DAKS-Newsletter Juni 2019

 

INFORMATIONEN FÜR DIE MEDIEN

zum Sammelband:

Gesellschaft im Comic – Grafische Erzählungen zu Geschichte und Krieg

Eine Textsammlung von Heike Oldenburg und André Sven Maertens

Unter Mitarbeit von Chang, Pi-Yun

Mit Illustrationen von Walter Moers, 61Chi und Gerhard Mauch

Mit dem dritten Band der Reihe „Zeichnen und Erzählen“ schließen wir den Bogen und kommen zu grafischen Erzählungen über krisenhafte Geschehnisse in Gesellschaften und die damit zusammen­hängenden militärischen bzw. militaristischen Denkweisen und Handlungen (erschienen waren zuvor „Krieg im Comic?“, 2017, und „Politik im Comic“, 2018). Es geht also in den Beiträgen um anscheinend normale Gesellschaft, um Krieg und um die sie verbindenden historischen Entwicklungen. Wie Heer und Reemtsma (1998) deutlich gezeigt haben, ist Krieg ein Gesellschafts­zustand, nicht das Werk einiger weniger und ebenso kein Natureignis, Unfall oder gar Schicksal. Die „Krieger“ und ihre Helfer*innen kommen aus der Gesellschaft, (formen sie auch) und kehren später in sie zurück. Wie gehen sie mit dem erlebten oder selbst verübten Mord um? Das Leben, auch das Alltagsleben der Menschen, zu beobachten, ist daher zentral für das Verständnis davon, wie Krieg gemacht wird und welche Folgen die Kriegshandlungen haben. Die Bildgeschichte erweist sich – entgegen weiterhin bestehenden Zweifeln – als geeignetes Medium, um politisch gehaltvoll zu erzählen. So behandeln die hier vorliegenden kritischen Analysen die Frage, wie in der grafischen Literatur die sozialen Auswirkungen von kriegerischen Ereignissen und Verhaltensweisen gezeigt werden.

Wie bereits bei den beiden vorangegangenen Sammelbänden haben Menschen aus Deutschland und Taiwan die Beiträge verfasst – unter ihnen Expert*innen, Comic­zeichner*innen und gesellschafts­politische Aktivist*innen.

Gerhard Mauch, selbst Zeichner, bespricht eine „Graphic Novel“ zur Generationen­problematik und zur Umweltzerstörung. Außerdem bespricht er eine Serie über den Genozid an den Ureinwohnern Nord­amerikas, den „First Americans“. Gerhards Mauchs neueste Bildgeschichte „Die Zeitreise – eine Comicdoku zur Geschichte des Fairen Handels“ wird vorgestellt. Heike Oldenburg widmet sich in zwei Beiträgen Comic-Werken zu den Lebensläufen von Frauen – erzählt wird hier von Gesellschaft und Krieg im Iran und im Libanon, ein weiterer Text befasst sich mit Franquins Kritik an sozialen und militaristischen Missständen. André Sven Maertens wirft in seinem Beitrag die Frage auf, wie Kriegskritik und „Helden“-Bilder in Weltkriegscomics europäischer Herkunft gestaltet werden und welche Schwierig­keiten dabei auftreten können. Kai Otto Chang geht in seinem Essay unter anderem darauf ein, wie in Moers Roman „Die Stadt der Träumenden Bücher“ Illustrationen und Text miteinander zu einer neuartigen Erzählweise verbunden werden. Die taiwanische Künstlerin 61Chi gibt im Interview Auskunft zu ihren Arbeiten, zur zeichnerischen Darstellung taiwanischen Großstadtlebens und zur Comic-Szene Taiwans. Abschließend werden Werke von 61Chi gezeigt (mit deutscher Übersetzung der Texte). Eine Liste mit weiteren Buchtipps (von Chang, Pi-Yun u. a.) ist angehängt.

► „Gesellschaft im Comic“ ist im April 2019 beim Verlag Books on Demand (Norderstedt) erschienen, hat 128 Seiten (Format 15,5 x 22 cm) und ist zum Preis von 6 Euro im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-749453917). Herausgeber ist der Germanist André Sven Maertens.

Der Druck dieser Reihe wurde von der Freiburg Regionalgruppe der DFG-VK unterstützt.

Kontaktadresse für alle Fragen zu diesem Band und der Reihe sowie einige Impressionen von der Buch-präsentation am 22. Juni 2019 in der Wenzao-Universität in Kaoshiung (Taiwan) siehe bei Facebook: @politikimcomic

Mehr Informationen und Online-Bestellung unter:

https://www.bod.de/buchshop/gesellschaft-im-comic-andre-sven-maertens-9783749453917

● Als Leseprobe ein Auszug aus dem Beitrag von André Sven Maertens, der auf die Frage eingeht, wie unterschiedlich kriegerische Gewalt in Bildgeschichten und „Graphic Novels“ dargestellt wird – mal affirmativ, mal militärkritisch. Dieser Aufsatz befasst sich unter anderem mit Werken von Emmanuel Guibert, Hergé, Isabel Kreitz, Gregor M. Hoffmann und Jacques Tardi.

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Kriegskritik und „Helden“-Bilder in Comics europäischer Herkunft:

Fragen und Probleme

Krieg abzubilden, ist im Grunde ein Leichtes. Man zeigt Soldaten und ihre Schusswaffen in der Schlacht, wahlweise mit Panzern, Schiffen oder Flugzeugen, und schon wird den meisten Leser*innen klar, womit sie es zu tun haben und woraus Krieg anscheinend nur besteht: aus Waffen, Kampf und dem Tod „echter Kerle“. Und wenn man möchte, dass die Leute den Eindruck haben, dass man den Krieg kritisch sieht, lässt man die Soldaten (in den meisten Fällen ja Männer) von ihrem Elend und ihren Ängsten oder auch von Schuldgefühlen berichten oder zeigt solche Themen im Bild – hier unterscheidet sich Literatur wie Remarques berühmtester Roman kaum von Filmen wie „The Thin Red Line“ (Terrence Malicks verkürzender Verfilmung von James Jones‘ Roman aus dem Jahr 1962) oder eben von Kriegs-Bildgeschichten, beispielsweise Tardis Büchern zum Ersten Weltkrieg. Das Genre ist also fest umrissen und einige Elemente einer Kriegserzählung werden von den Lesern erwartet, wenn nicht sogar mit Nachdruck eingefordert.

Wie lässt sich diesem Stereotyp einer Kriegsschilderung entkommen? Comics bzw. Bildgeschichten bieten wie filmische Darstellungen keine langen Text-Blöcke, sondern etwas visuell Gestaltetes, bei dem wir eine spezifische Formsprache und jeweils eigene Bedeutung wahrnehmen: Bilder. Dies hat den Vorteil, dass die Kunstproduzierenden auf eindrückliche Weise zeigen können, wie das seelische Leiden und die physische Zerstörung im Krieg aussehen, fast immer verbunden mit einer Figurenerzählung, welche die Leser*innen mitnimmt in eine andere Welt. Und all das, ohne dass man den – heute oft als aufwändig angesehenen – Umweg einer Buchstaben-Fassung der vielleicht selben Geschichte gehen muss (man denke hierbei auch an Literaturadaptionen). Zeichnungen / Comics haben gegenüber Filmen zudem den Vorteil, dass die Zeichner*innen (fast immer in Zusammen­arbeit mit den Texter*innen) so manchen digital erzeugten Spezialeffekt locker überbieten, denn was immer im Bild gezeigt werden soll, kann (einmal die Kunstfertigkeit vorausgesetzt) den Leser*innen auf dem Papier vor Augen geführt werden – das schaffen die Filmschaffenden ähnlich erst mit dem Trick der teuren CGI. (Ein Beispiel hierfür ist die von dem Belgier Marvano für den Vietnamkriegs- bzw. Science-Fiction-Roman „The Forever War“ von Joe Haldeman erschaffene Bildwelt, mit deren Magie auch ein vielleicht doch noch kommender Spielfilm von Ridley Scott nur schwer mithalten könnte.) Doch wo sich beide wieder begegnen: Es geht gar nicht immer um perfekte Mimesis. Sicher, das Gemeinte muss erkennbar sein, sonst geht im schlimmsten Fall aller Inhalt verloren, doch gerade das Aufbrechen und Aufzeigen der Realitätsnachahmung als ebensolche kann durchaus beabsichtigt und für die Erzählung hilfreich sein. Der „schöne“ Comic muss nicht immer der bessere sein. Zeichnungen sind in den meisten Fällen noch eher als künstliche Nachahmung der natürlichen Welt zu erkennen, als das bei einem Foto oder einem bewegten Bild der Fall ist. Bei dieser Erzählweise ist sofort auffällig, dass hier mit Absicht etwas künstlich Geschaffenes gezeigt wird, das als Bedeutungsträger fungiert. Und wenn es der Erzählinhalt erfordert, kann genau dadurch unser übliches Denken in Mustern, Stereotypen und Klischees aufgebrochen werden – für Geschichten über Anti-Militarismus, Tabuthemen wie Schuld, politischen Widerstand und Gesellschaftskritik bzw. -wandel gegebenenfalls entscheidend. Die sequenzielle Gestaltung von Bildgeschichten, also die Aufeinanderfolge von Bildern und die Möglichkeit einer freien künstlerischen Darstellung der Wirklichkeit, lässt einen Freiraum für die real gegebene Vielfältigkeit und die Erörterung komplexer moralischer Fragen, beispielsweise in einer Kriegssituation. Dies geht natürlich auch mit Prosa, mit Text, doch die Möglich­keiten einer grafischen Erzählweise ungenutzt zu lassen, wäre beinahe fahrlässig (noch dazu in einer immer visueller gestalteten globalen Kultur und Gesellschaft, man denke nur an die Verbreitung von Mangas weltweit). Setzen wir die beiden Medien Prosatext und Bildgeschichte nicht in Gegensatz. Für die politische Diskussion ist der gesellschaftskritische „Graphic Novel“, der Bild-Roman, eine Bereicherung und steht im deutschsprachigen Raum längst – so wie in anderen Gesellschaften, etwa Frankreich – als gleichwertige Kunstform neben Roman, Erzählung, Drama und Gedicht. Und das zu Recht, wie die Beispiele in diesem Sammelband zeigen. (Und wer von Goethe begeistert sein sollte, möge in Simon Schwartz‘ Einleitung zu seinem Buch über Rodolphe Töpffer Goethes Begeisterung über die neue Kunst­form nachlesen.)

Den Vereinfachungen, Verharmlosungen und Beschönigungen, denen wir in so vielen Werken zum Kriegsthema begegnen, kann im Comic etwas entgegengesetzt werden. Allerdings wird dafür ein realistischer und das heißt meist ein kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Handlungsweisen benötigt, eine Zeichnung, die ebendies vermag: das gewohnte Denken zu hinterfragen und neue Sichtweisen anzuregen. Was ist Krieg? Generalstab, Landkarte, Schlacht und Geschichtsbuch? Männer mit Waffen? Ja, das kann Krieg sein, doch in Wirklichkeit geht es um so viel mehr als um Generäle, „going over the top“ und Männer, die schießen, töten und sterben. Und selbst dann, wenn (Front-)Soldaten im Zentrum der Erzählung stehen, kann von ihnen mehr gezeigt werden als „heldenhafter“ Kampf und die mit Legenden verpackte „Männlichkeit und Tapferkeit im Angesicht des Feindes“, wie es in den Wild-West-Narrativen und Rittergeschichten-Konzepten vieler Kriegsromane und -filme dargestellt wird (Beispiele sind „Saving Private Ryan“ und „Enemy at the Gates“). Einige positive und negative Beispiele dieser „Helden“-Darstellungen und kriegskritischer grafischer Literatur sollen im Folgenden betrachtet werden.

[Abschnitt zu Hergé]

Tim bzw. Tintin kennen alle. Die journalistischen, feuilletonistischen, wissenschaftlichen und künst­lerischen Texte und Bildgeschichten, die sich mit Hergés Werk befassen, sind so zahlreich, dass man tatsächlich Tintinolog*in werden müsste, um umfassend zu verstehen, was dieser Comic-Pionier und Meister der sequenziellen Kunst erschaffen hat: den Kosmos einer unendlich scheinenden Abenteuerwelt, die Propagierung der „ligne claire“ und die Möglichkeit, dass „Comic-Zeichner“ Bücher verkaufen und dadurch ein (künstlerisches) Leben haben können und nicht nur Wegwerfbilder für Zeitungen produzieren.

Ja, das ist jetzt verkürzt, sowohl was die Verdienste Hergés angeht. Aber ebenso verkürzt, was seine politischen Fehler und bleibenden historischen Verantwortlichkeiten betrifft: etwa Chauvinismus („Tim im Lande der Sowjets“), Rassismus („Tim im Kongo“), Antisemitismus („Der geheimnisvolle Stern“) und die Kollaboration während der Besetzung Belgiens durch NS-Deutschland. Auch über Antiziganismus in Hergés Geschichten wird diskutiert (siehe Dolle-Weinkauff 2000). Doch insgesamt müssen seine fantas­tische Bilderwelt, seine Erzählweise und sein Zeichenstil etwas Einzigartiges haben, dass uns weiterhin fasziniert. So reißt das Gespräch über dieses Gesamtwerk nicht ab (siehe auch die national-kulturelle Vermarktung im 2009 eigens erbauten Musée Hergé in Louvain-la-Neuve, Belgien) und ebenso wenig die Beschäftigung mit „Tim und Struppi“ (neben anderen Reihen wie „Quick et Flupke, gamins de Bruxelles“ und „Les Aventures de Jo, Zette et Jocko“). Meine Überlegungen sind nur ein Teil dieser Diskussionen.

Tim schießt. Immer wieder und mit viel Erfahrung. Wie kommt es, dass ein Reporter so sicher und trickreich mit Handfeuerwaffen umgehen kann? Wenn man sich die Tim-Alben ansieht, wird von Beginn an viel gekämpft, geprügelt und eben auch geschossen. Schaut man genau hin, lässt sich in der Heftreihe (deren Entstehungszeit ja immerhin fast 60 Jahre umspannt) beinahe die Geschichte der Schusswaffen­entwicklung nachverfolgen: Wenn in „Tim im Lande der Sowjets“ noch mit den damaligen wasser­gekühlten Maschinengewehren geschossen wird, sind einige Episoden später (etwa in „Die Zigarren des Pharao“) bereits frühe Maschinenpistolen und fortentwickelte schwere Maschinenwaffen zu sehen. Und während Hergé bei einigen Technikneuheiten wie Haifisch-Ein-Mann-U-Booten oder auch außer­irdischen Raumfahrzeugen und der „Alpha-Kunst“ (zusätzlich zu intensiver Recherche) einige Fantasie entwickelt, bleibt er (nicht nur) bei den Waffenabbildungen auf der technisch korrekten und geschichtlich akkuraten Seite, Beispiele sind die Panzer in „Der Fall Bienlein“. Am Ende dieser Reise durch die Waffengeschichte stehen die modernen Handfeuerwaffen, die beispielsweise in „Flug 714 nach Sydney“ abgebildet sind. Unrealistische Darstellungen sind Hergés Sache spätestens seit seinem Ägypten-Abenteuer nicht mehr, gut zu sehen auch an den Änderungen des Aussehens von Flugzeugen, Autos und Zügen, die im Laufe der Neubearbeitungen bzw. Modernisierungen der Heftreihe vorgenommen wurden. (Hier darf die scheußliche bis unverständlich zu nennende Nachahmung der „V2“-Raketen, mit denen Soldaten der faschistischen Wehrmacht Menschen in Belgien, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden beschossen hatten, nicht vergessen werden. Der Ursprung von Hergés Raketendesign wird sogar ganz direkt in „Der Fall Bienlein“ angesprochen, wenn die originale Broschüre von Leslie E. Simon über diese NS-Waffenentwicklungen gezeigt wird. Allerdings wurde im Comic das Hakenkreuz von Simons Titelbild genommen, was aus rechtlichen Gründen geschehen sein kann oder weil Hergé nicht gern an seine Unterstützung des deutschen Faschismus erinnert werden wollte.) Bisheriges Fazit: Wenn in „Tim und Struppi“ geschossen wird, dann stimmt die Historie und es gibt eine glaubhafte Darstellung der Waffen.

Nun stellt sich die Frage, wozu die Darstellung von Gewalt in diesen Geschichten dient. Sicherlich, es sind Abenteuergeschichten, da geht es nicht ohne Kampf und Waffeneinsatz ab. Das Genre fordert, dass Tim „Schurken ausschaltet“, sich zu wehren weiß und auch mal richtig zuschlagen kann bzw. weiß, wie man mit Pistolen, Gewehren und automatischen Waffen umgeht. Aber wozu? Abenteuererzählungen sind Geschichten über Männer mit Mut und Tatkraft, Männer, die sich in der „harten“ Welt durchzusetzen wissen und dadurch den (meist) kindlichen und jugendlichen Lesern das Gefühl von Stärke und Sicherheit geben, und deren Geschichten natürlich auch Spaß an eben diesen zu bestehenden Abenteuern zu wecken beabsichtigen. Jedoch kann man nicht zurückweisen, dass die Leser sich in der realen Welt bewegen und dort eben genau diese Waffen und ihre traurige Anwendung beobachten und erleben. Übertrieben gestaltete Zweihänder von Fantasy-Helden oder Lichtschwerter aus Space-Opera-Erzählungen wie „Star Wars“ haben wohl einen ähnlichen Effekt, aber dort ist (hoffentlich) den Lesern von vornherein klar, dass es (neben Troststiftung) um pure Unterhaltung gehen soll. Nicht so bei Hergé: Sein „Held“ schießt in der Wirklichkeit und wird dabei als der „Gute“ dargestellt bzw. wahrgenommen. Ein Held, dem – zumindest in der jugendlichen Fantasie – nachgeeifert wird. Und so vermittelt „Tim und Struppi“ die Botschaft, dass tödliche Gewalt mit Humor gepaart werden darf (auch die Explosionen von Artilleriegranaten sind für die Getroffenen lediglich etwas Lustiges). Ein Abenteurer bzw. selbsternannter Hilfspolizist darf und muss also mit Waffen üben (obwohl wir das in Hergés Geschichten nie sehen –„Tim auf dem Schießstand“?) und er muss bereit sein, andere Menschen mit Schusswaffen zu verletzen oder gar zu töten. In vielen Situationen wirkt der „junge Reporter“ eher wie ein pubertäres Überbleibsel aus Hergés Pfadfinder-Zeiten und scheint sich selbst als eine Art Veteranen-Soldaten zu sehen: So fliegt Tim wie selbst­verständlich Kampfflugzeuge, wirft Handgranaten, schießt scharf, kennt sich mit Panzern aus, kennt Dschungelkampf-Tricks und ruft quasi fachmännisch (oder söldnermäßig?) „Touché“, als er (mit einer Kalaschnikow!) ein vorbeisausendes Flugzeug getroffen hat. Und er verbindet dies alles – als wäre das ganz normal – mit dem ruhigen Leben eines höflichen, wissbegierigen und auf natürliche Weise rechtschaffenen jungen Mannes. Man fragt sich, durch welche Schule Journalisten früher gehen mussten bzw. welche Erwartungen damalige (und heutige) Leser an Abenteuerhelden hatten. Was wollen wir (im Abenteuer- und Kriegs­genre) sehen? Harry Potter als einfühlsamen Konflikt-Mediator zwischen Voldemort und Dumbledore oder eher einen um sich fechtenden und meuchelnden Aragorn, der die Welt mit seiner „Manneskraft“ vor dem Bösen rettet? Körperliche bzw. militärische Gewalt und Waffen sind ein Attraktionspunkt und das wusste auch Hergé. Nicht alles, was Tim und seine Freunde und Feinde erleben und überleben, sind Gewalthandlungen. Und Tim schießt nicht mit sadistischen oder mit Mordgedanken, er bewahrt (fast) immer Maß. Doch was am Ende bleibt, ist eine schleichende Verharmlosung von Waffengewalt und die Überzeugung, dass (Schuss-)Waffen ein sinnvoller oder vielleicht sogar schöner Teil unseres Lebens sind bzw. sein sollten. (Und das ist eigentlich NRA-Gedankengut.)

Doch sind wir nicht alle Waffenfanatiker geworden, auch wenn wir „Tim und Struppi“ gelesen haben, da wären andere Medien und gesellschaftliche Praktiken viel eher eine Diskussion wert – etwa Kriegsfilme und -romane, Killerspiele, Ausbildung an Schusswaffen (beispielsweise in der Bundeswehr) und eine fehlende Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Zeit, vor allem für die Generation der Weltkriegskinder. Fruchtbar für die fortgesetzte Hergé-Rezeption ist jedoch die Frage, welchen Einfluss diese Comic-Serie auf nachfolgende Künstler*innen hatte und wie diese mit seiner Hinterlassenschaft umgehen. Bei den beiden hier vorgestellten Künstlern handelt es sich um Autoren bzw. Illustratoren mit einer sehr eigenen Zeichentechnik und Darstellungsweise, kraftvoll, ins Auge springend und provokativ im ersten Fall, im zweiten jedoch nicht weniger beeindruckend und die menschlichen Schwächen und Maskeraden durch einen vagen und sympathieweckenden Zeichenstil auf eine leise Weise entlarvend. Interessanterweise gibt es bei beiden Zeichnern einen Afrika-Kontext (man könnte sich ja z. B. auch Tims Abenteuererlebnisse während der japanischen Aggres­sion in China anschauen und deren stereotypische oder sozialkritische Aspekte untersuchen).

Der 1967 geborene Südafrikaner Anton Kannemeyer beispielsweise nimmt in „Papa in Afrika“ (2014 bei avant auf Deutsch erschienen) das Motiv von Tims Schießwut auf und deutet sie als rassistische Denkweise und brutale Behandlung bzw. Bestrafung der afrikanischen Ureinwohner*innen: In einer kurzen Bildgeschichte von Kannemeyer wird eine Episode aus Hergés Afrika-Band dadurch persifliert, dass Tim (bzw. eine deutlich als Tim zu erkennende Figur) in einer sehr ähnlichen Szenerie nicht Antilopen, sondern Menschen mit schwarzer Hautfarbe „abknallt“, ohne Stopp und ohne Menschlichkeit – und ihnen hernach wie erlegtem Wild ganz selbstverständlich Körperteile, hier die Hände, abschneidet (siehe dort S. 10-11). Diese Morde sind in ähnlicher Weise wirklich geschehen bei Kolonisierungen und Eroberungen durch Europäer (nicht nur in Afrika), hier bei Kannemeyer sind sie dementsprechend Hinweis auf eine paternalistische bis rassistische Ideologie und auf die Verachtung angeblich „niederer Rassen“. In anderen die Figur Tim zynisch modifizierenden Geschichten oder Einzelbildern wird noch mehr von dem aufgedeckt und zur Diskussion gestellt, was der junge Georges Prosper Remi in seiner konservativ-katholischen Kindheit und am Karriereanfang von dem rassistisch denkenden Abt und Journalisten Norbert Wallez über die Welt erzählt bekommen hatte. Das alles mag dem späteren Autor Hergé als kein großes Vergehen gelten, war doch (angeblich) die ganze damalige (belgische und europäische) Gesellschaft von diesem Kolonial-Denken überzeugt – Rassismus war und bleibt es doch.

Ähnliche intertextuelle Kommentare zu Hergés Werk sehen wir bei Joann Sfar: In seiner seit 2002 laufenden Graphic-Novel-Serie „Die Katze des Rabbiners“ lässt der 1971 geborene französische Medien-schaffende und Comic-Zeichner (u. a. beteiligt an der Fantasy-Parodie „Donjon“) die Leser*innen die skurrile Geschichte von einer Katze miterleben, die sprechen kann, weil sie einen Papagei gefressen hat, und die in der Folge mit ihrem Herrchen, einem Rabbiner im Algier der 1930er Jahre, philosophische Dialoge über die jüdische Religion und über gesellschaftliche Ethik führt. In den späteren Bänden entwickelt sich die Handlung so weiter, dass eine Gruppe um den Rabbiner vom Maghreb aus ins zentrale Afrika reist, um eine sagenhafte Stadt mit dem Namen „Jerusalem“ zu finden (siehe auch McKinney 2011), und während die Gruppe gerade im belgischen Kongo unterwegs ist, trifft sie dann (im Band „Jérusalem d’Afrique“) überraschend auf die Figur eines „jungen Reporters“ (der unmiss­verständlich Hergés Tim darstellt). Dieser verhält sich überheblich und besserwisserisch, ist mehr als eingebildet, belehrt die anderen mit seinen „Weisheiten“, als seien sie im Vergleich zu ihm unwissende Kinder, und er schießt auf alle Tiere, die sich in der Nähe der Gruppe befinden – auch sein Hund wird als „Idiot“ geschildert. Am Ende des kurzen Treffens (nach einer Seite mit sechs zugespitzt und unterhaltsam erzählten Panels) ist die Gruppe froh, „Tim“ wieder los zu sein, der in eine andere Richtung weiterreist.

Man fragt sich, wozu Sfar dieses Literaturzitat in seine Bildgeschichte aufgenommen hat und wie die negative Deutung der Figur entsteht. Es geht um Kritik an einer (weitverbreiteten) Haltung. Dazu muss man sich bewusst machen, dass sich die gesamte Reihe um das Thema Humanität dreht, d. h. es geht stets darum, wie die Menschen lernen könnten, einander besser zu verstehen, und um die Idee bzw. Hoffnung, dass die unterschiedlichen Kulturen – bei allen dabei auftretenden Schwierigkeiten – ihre Unterschiede nicht als trennende begreifen und ihre wichtigen menschlichen Gemeinsamkeiten erkennen sollten. In Sfars Geschichte geht es konkret um die Koexistenz von arabischer und jüdischer Kultur in jener Zeit. Eine Figur, wie diese Autor sie in „Tim“ sieht, passt nicht in diese Weltsicht, denn der angeblich an Wissen so reiche und aufgrund seiner europäischen (und katholischen?) Überlegenheit so dominant auftretende „Missionar“ verhält sich im Gegenteil brutal gegenüber anderen Menschen (und Tieren). Gerade er ist nicht zivilisiert, wenn er dessen auch selbst so sicher ist, er verkörpert nicht die aufgeklärte Lebensweise, die in Sfars Reihe zu spüren ist: Tim wird als Gewaltmensch interpretiert. Spannende Deutung!

Man mag einwenden, dass sich Haltung und Ansichten von Hergés Figur seit seinen ersten Alben und nach der offensichtlichen Arbeit für das NS-Regime gewandelt und verbessert haben. Das ließe sich wohl behaupten. Doch dass der schießwütige und mindestens euro-zentristisch und chauvinistisch agierende Tim in den Werken von Kannemeyer und Sfar so schlecht wegkommt, ist erst einmal politisch wichtig.

Eine kurze Anmerkung sei jedoch gemacht, um neben allem anderen Hergés Willen zur Gesellschafts- und Wirtschaftskritik zu zeigen: In dem Band „Der Arumbaya-Fetisch“ porträtiert er den berühmten Waffenhändler Basil Zaharoff, der ab den frühen Balkan­konflikten und bis nach dem Ersten Weltkrieg seine Taten beging (u. a. durch den Export von Maxim-Maschinengewehren) und auch schon mal beide Seiten eines Konflikts belieferte (vgl. Farr 2006, S. 62). Seine Firma heißt in der englischsprachigen Version „Korrupt Arms GmbH“ – ein Hinweis auf Zaharoffs Beteiligung an Krupp? (In anderen Versio­nen, auch der deutschsprachigen, wurde mit „Vicking Arms“ ein Name gewählt, der auf den Vickers-MG-Produzenten deutet, für den Zaharoff ebenfalls Schusswaffen verkaufte.) Dieser Waffen­händler fliegt durch die Welt und verkauft Kanonen und Geschosse, hier an die fiktiven Staaten San Theodoros und Nuevo Rico. Gemeint sind Bolivien und Paraguay, die in den 1930er Jahren beinahe 100.000 Menschen ihrer Bevölkerung im Interesse von Großkonzernen „auf dem Altar des Vaterlandes opferten“. Hergés Erzählung weist auf die Interessen der Ölfirmen (in der Realität „Standard Oil of New Jersey“, später „Exxon Mobil Corporation“, und „Royal Dutch Shell“) als wichtigen Konflikthintergrund und auf die Machenschaften der Waffendealer explizit hin. Immerhin dies!

[Schlussabschnitt]

Krieg ist, um das Wort von Reemtsma und Heer noch einmal aufzugreifen, ein Zustand, in dem sich eine Gesellschaft befindet: Es mag einen Ludendorff, einen Himmler, einen Karadžić oder auch einen Hideki als militärisch, juristisch oder politisch Verantwortlichen geben – dies darf jedoch nicht darüber hinweg­täuschen, dass die Gesellschaft, d. h. die große Mehrheit der Bevölkerung, die von diesen Verbrechern begangenen Massenmorde und Gräueltaten (die von mir im Falle dieser vier Männer keinesfalls gleich­gesetzt werden!) gutheißt oder zumindest akzeptieren konnte bzw. heute noch kann. So könnte man mit Hannes Heer (2005) sagen: Es war eben nicht nur Hitler. Krieg – und auch Faschismus, das zeigt sich deutlich in der deutschen und japanischen Geschichte (und Gegenwart) – sind gesellschaftlich entwickelte Handlungsweisen (siehe Theweleits Studie zum Verhalten bewaffneter Männergruppen, 1977-1978). Wenn sie sozial geduldet bzw. sogar mit Anerkennung belohnt werden, bedürfen diese Verhaltensweisen nicht einmal der Verrohung bzw. Brutalisierung, um ausgeübt zu werden, zu sehen an den Unter­suchungen der Gedankenwelt von Wehrmachtspiloten, die bereits zu Beginn des Krieges interviewt wurden (siehe Neitzel / Welzer 2011) und auch zu beobachten an der „Banalität des Bösen“ der Verbrecher, die in den Vernichtungslagern arbeiteten und offensichtlich ohne Gewissensqualen Tausende, Zehntausende und Millionen Menschen ermordeten (Anfang der 1960er Jahre von Hannah Arendt untersucht).

Diese Denk- und Verhaltensweisen nicht kritisch (und kreativ) zu beleuchten, sondern lediglich den „Front-Helden“ oder gar „begeisternde“ Schlachtszenen zu zeigen, ist eine problematische, weil gefährliche Verharmlosung der (von der Bevölkerung unterstützten oder gar selbst) allerorts verübten Verbrechen des damaligen deutschen (Kriegs-)Faschismus (und seiner ähnlichen Formen andernorts), der gerade in Zeiten der heute neu erstarkenden Rechten und Neonazis und des bereits stattfindenden Verschwindens der Zeitzeugen-Generation bzw. der überlebenden Opfer nicht akzeptiert werden kann. So ist es sehr zu begrüßen, dass neben kritischen Prosatexten ebenso weiterhin politisch wache Bild­geschichten erscheinen, die auf differenzierte und engagierte Weise mit dem Thema Krieg, Militarismus und Faschismus umgehen und die Gesellschaft, d. h. die einzelnen Menschen (im gegebenen Fall wir selbst), nicht aus ihrer Verantwortung entlassen. Ohne an dieser Stelle die notwendige Faschismus- und Militarismusanalyse auf gefährliche Weise zu verkürzen und nur auf die unteren Schichten bzw. den sprichwörtlichen „kleinen Mann“ zu schauen (Stichwörter sind u. a. Militarismus-Kontinuität, faschis­tische Gruppierungen, Militär-Elite, Großkapital und Banken-Politik, Rüstungsindustrie, (Klein-)Bürger­tum, Antisemitismus-„Tradition“, Kompro­misse der Kirchenoberhäupter, Pläne des Diktators Stalin), müssen wir doch die individuelle ethische Pflicht zu humanem und widerständigem Handeln im Bewusst­sein behalten und sie bei der politischen Entscheidungsfindung berücksichtigen: In Brechts Gedicht vom lesenden Arbeiter ist es eben nicht Cäsar allein, der Gallien (brutal) erobert, sondern mit ihm alle, die ihn begleiten – auch sie tragen Schuld.

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Weitere Angaben zu den besprochenen Werken:

Anton Kannemeyer: Papa in Afrika. Berlin: avant 2014, Übersetzung ins Deutsche von Mathias-Emanuel Hartmann. (Die Originalausgabe erschien als „Pappa in Afrika“ 2010 bei Jacana in Johannesburg.)

Joann Sfar: Die Katze des Rabbiners. 2014 und 2015 bei avant (Berlin) als Sammelbände erschienen. Von David Permantier ins Deutsche übersetzt.

Verzeichnis zitierter Forschungsliteratur:

Bernd Dolle-Weinkauff: Von zierlichen Zigeunerinnen und Roma-Rambos – Beobachtungen zum Zigeunerbild im zeitgenössischen Comic. In: Anita Awosusi (Hg.): Zigeunerbilder in der Kinder- und Jugendliteratur. Heidelberg: Das Wunderhorn 2000, S. 97-116.

Michael Farr: Auf den Spuren von Tim und Struppi. Aus dem Französischen von Dirk Naguschewski und Marcel Le Comte. Hamburg: Carlsen 2006. – Ähnlich (apologetisch): Michel Daubert: Musée Hergé. Éditions De La Matiniere / Éditions Moulinsart 2013.

Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg): Krieg ist ein Gesellschaftszustand. Reden zur Eröffnung der Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Hamburg: Hamburger Edition 1998. (Vorbemerkung von Hannes Heer, S. 7; Vortrag von Jan Philipp Reemtsma 1995 auf Kampnagel K3, Hamburg, S. 8-13)

Hannes Heer: Hitler war´s. Die Befreiung der Deutschen von ihrer Vergangenheit. Berlin: Aufbau 2008. (Die gebundene Ausgabe war 2005 erschienen.)

Mark McKinney befasst sich in seiner Studie „The colonial heritage of French Comics“ u. a. mit den Themen Kolonialismus, Imperialismus und Rassismus, z. B. in der Serie „Zig et Puce“ von Alain Saint-Ogan (Liverpool University Press 2011). Im Kapitel „Rescripting the Croisière noire with critical nostal­gia: Jérusalem d´Afrique“ geht er auch auf Sfars Erzählung ein und beschreibt Tim als „verbose, patroni­zing […] and brutal to wild animals“ (S. 153).

Sönke Neitzel / Harald Welzer: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben. Frankfurt: S. Fischer 2011. (siehe die Unterkapitel „Abschießen“ und „Autotelische Gewalt“ S. 83-94)